Zarische Truppen, Krasnaja Poljana, 21.5.1864

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Freitag, 16. Juni 2017

Die netten Kollegen - Patrice G. Poutrus

Parcours über "Migrationsgeschichte", einen europäisch-christlich-identitären Hetzmob und Strategien der Rechtfertigung für Völkermordleugnung und Geschichtsrevisionismus

Da ich in den letzten Wochen einiges zu meiner Kollegin Anna Veronika Wendland (Osteuropawissenschaftlerin) recherchiert und geschrieben hatte, dabei das nicht ganz so saubere Diskussionsverhalten meineer Kollegin zum Gegenstand weiterer Auseinandersetzungen geworden war, sei hier anhand eines anderen, weniger in die Augen stechenden Fallbeispiels darauf hingewiesen, daß Wendland nicht alleingestellt ist. Es geht mir tatsächlich um Netzwerke und deren Logiken, in die sich Einzelne dann - auf relativ konforme Weise - einreihen. Zu den Taktiken der beteiligten Netzwerke oder auch Gruppenlogiken gehören Hetz- und Diffamierkampagnen bzw.
 reflexhaft-emotional gesteuerte Verhaltensweisen. Hier soll dann die etwas "gewöhnlichere" und niedrigprofiligere Variante der Personalisierung von politischen und wissenschaftlichen Auseinandersetzungen aufgezeigt werden.

Ich hatte in meinem vorigen Post auf allgemeine Weise geschildert, wie bei einer vermeintlichen Wiederholung von Aussagen und Werturteilen in Bezug auf meine Person oft kaum hingesehen wurde, wie schnell da Gerüchte als Tatsachen weitergereicht und dann für kollektiv verfochtene Wahrheiten herhalten mußten. Ich hatte in meinem letzten Post dazu u.a. folgendes geschrieben: "Wenn ich auf meiner Facebookwall Aussagen treffe à la „Ich bin skeptisch gegenüber Ansicht x, wie sie von Person a geäußert wurde" oder "Ich hege Zweifel an der Richtigkeit und Vollständigkeit der Einschätzungen von Person a" bzw.  "Das und das stimmt an Ansicht x und dies und jenes bemängele ich“, dann wandert diese Aussage [...] auf S[...]s [...] Facebook-Seite und erscheint dort als „Irma Kreiten hat sich für x ausgesprochen“[...]."

Hier möchte ich denn konkret zeigen, wie sich weitere Kollegen in solche kollektiv betriebene und gutgeheißene Praktiken einreihen - entweder, weil die Beteiligten das vor sich Gehende (auch aus etwa eigener Oberflächlichkeit heraus) nicht richtig verstehen und die Motivik nicht durchschauen, oder weil ihnen die Diskreditierungs- Stigmatisierungs- und Ausschlußpraktiken  auch gelegen kommen und sie vielleicht sogar persönlich davon profitieren. Einer der deutschen Historiker, die sich den semantischen Verdrehungen, Entstellungen und auch der direkten Umkehr angeschlossen hatten bzw. haben, ist Dr. Patrice G. Poutrus. Zur Zeit ist dieser, soweit ich es überschaue, an der Universität Wien tätig. Er arbeitet nicht direkt im Bereich der Osteuropäischen Geschichte, aber hat Projekte zu Migrationsgeschichte durchgeführt und dabei (auch im Zuge früherer Arbeiten) mit der DDR das "östliche System" und dessen Geschichte zumindest gestreift (bauend offenbar auf eine eigene DDR-Biographie samt NVA-Militärdienst und FDJ-Tätigkeit). Zum Zeitpunkt der hier geschilderten Konfrontationen stand ich mit ihm über Facebook in Kontakt bzw. war mit ihm "befreundet".

1. Am 17. Juni 2017 schrieb ich auf Facebook angesichts des Putschversuches in der Türkei:


Großes Ratespiel: Wer sagt was?

Daraufhin mußte dann ein etwas älterer Herr aufgebracht, unwirsch klingend und mit Ausrufezeichen versehen antworten. Am Abend des gleichen Tages erschien auf der Seite von S.H. Tappe, den ich Monate zuvor aufgrund unkontrollierten Diskussionsverhaltens (mit Unterstellungen, Aggressionen....)  blockiert hatte, der aber mit der besagten dritten Person ebenfalls befreundet war,, folgende Behauptung und Wertung auf (wiederum geliked von dem älteren Herren):

Freies Assoziieren mit Sönke Henning Tappe - Kostenloses Gruppenseminar
D.h. hier wurde aus meiner Skepsis gegenüber einer bestimmten Ansicht eine von mir so vertretene bzw. originär in Umlauf gesetzte Ansicht, die ich dann auch noch militant verfochten hätte.  Da konnte oder wollte denn jemand (möglicherweise der Überbringer von "brisanten Informationen" zu Irma Kreiten, vielleicht Sönke Henning Tappe selbst mit einem entsprechenden Eigeninteresse an Fehldarstellungen und semantischen Enstellungen) offenbar, vielleicht ausgehend vom Wortlaut der Interview-Überschrift, so gar nicht unterscheiden zwischen der Meinung eines Interviewten, der Wiedergabe der geäußerten Positionen mittels eines (seriösen) Zeitungsartikels und der Kommentierung des Zeitungsbeitrags durch weitere Personen (u.a. eben mich)  in den sozialen Netzwerken. Ich habe  hier die unterschiedlichen Sprecher extra noch mal farblich getrennt dargestellt. - "Mind the gap!" - möchte man da vielen Leuten zurufen, auch wenn sie erwachsen und damit für sich und das eigene Tun verantwortlich sind. (Wer das besagte FR-Interview noch einmal nachlesen will, findet es hier. Meine eigenen Gedanken dazu findet man oben, mit einem blauen, man merke: blauen! Kasten markiert, die des Interviewten in gelb.)

Tappe bedient sich im oben zu sehenden Ausschnitt aus seiner Abarbeitung an mir eines Argumentes ex silentio (was in dem von ihm bemühten Zusammenhang besonders absurd ist, da seine persönlichen und doch deutlich defizitären Wahrnehmungsweisen nicht dazu taugen, die Existenz oder Nichtexistenz anderer Leute "Meinungen" und deren Äußerung zu belegen; S. H. T.  sieht und liest ohnehin das, was er möchte). Den domatischen Fehlschluß, der einem Argument ex silentio zugrundeliegt, erklärt Daniel-Pascal Zorn wie folgt:
"Wir lesen einen Text und haben eine bestimmte Vorstellung von dem Thema, das er behandelt. Natürlich folgt nicht jeder Text dieser Vorstellung, nur weil wir sie haben. Das erscheint uns oft so, als würde der Text über ganz wichtige Dinge schweigen. Dieses Schweigen deuten wir als Verfehlung. Entweder, so nehmen wir an, hätte der Text unsere Vorstellung treffen müssen. Dann werfen wir ihm mangelnde Vollständigkeit vor. Oder aber das Schweigen deutet darauf hin, dass der Autor inkompetent ist. Vom Nichtsagen wird so auf das Nichtkennen geschlossen. Dabei vergessen wir, dass wir dem Text keinesfalls beliebige Vorgaben zu diktieren haben. Sein Schweigen kann auch bedeuten, dass er über etwas anderes spricht als wir voraussetzen."

Ich spreche und schreibe über historische Verbrechen, die von einer sich als christlich definierenden Staatsmacht an einem lockeren Verbund von (oberflächlich) muslimisch geprägten Stämmen im Westkaukasus (unter der Sammelbezeichnung "Tscherkessen" bekant) verübt wurden. Eine solche Beschäftigung wird durch außenstehend Europäer sehr leicht typisiert als "Verschweigen", "Vertuschen" und "Verharmlosen" von Gewalt, die von muslimischen Akteuren an Gruppierungen anderer Religionszugehörikgeit, vorrangig Christen (z.B. Armeniern) und/oder "säkularen Europäern" verübt wurde oder wird. Als faktische Behauptung wird das dann in unterschiedlichen Formen und Varianten immer wieder wiederholt. Wenn Historiker-Kollegen sich solcher Ansichten und Delegitimierungsstrategien anschließen, so spricht auch dies letzendlich - so absurd wie es ist - für die Nichtakzeptanz von akademischen Spezialisierungen und konkreten fachlichen Arbeitsgebieten. Man könnte mir auf ähnliche Weise auch vorwerfen, "nichts zu Trump" oder "nichts zu Macron" zu sagen, nur daß hier dann die für die heutige Geschichtsschreibung noch validen, christlich-muslimischen Gegensätze und dichotomischen Darstellungsweisen nicht greifen.

Letztendlich spricht ein solches Vorgehen, wie es auch in den "Propagandaaktivitäten" (mittlerweile ein ganzes Jahr andauernd) des Lehreres S. H. Tappe gegen mich zum Ausdruck gekommmen ist, für ein Nichtakzeptierenwollen von anderern, ergänzenden und konkurrierenden Themenzuschnitten und Zugängen, für das Ablehnen von Multiperspektivität; es äußert scih, zumindest bei einer ausreichend großen Zahl der Beteiligten, ein stures Nichtabrückenwollen von den eigenen, gewohnt-hegemonialen Sichtweisen, d.h. Seh- und Wahrnehmungsgewohnheiten, die für alle als autoritativ und alleinig legitim (zumindest implizit verhält es sich so) gesetzt werden. Die Beschäftigung mit der "anderen Seite" bzw. auch einfach weiteren, andersgearteten Perspektiven erscheint damit als "unanständig" und wird auf assoziative Weise mit einer ganzen Reihe weiterer un-ethischer Haltungen und Handlungen in Verbindung gebracht, wird mit diesen konfligiert.

Ich bin dann erwiesenermaßen eine 'Diktatorenliebhaberin, auch da, wo ich mich weder über die Türkei noch über Erdoğan in irgendeiner Form geäußert habe - das Ansprechen von antimuslimischen Ressentiments in europäischen Gesellschaften wird sofort damit in Verbindung gebracht. Der "Heuchelei"-Vorwurf bzw. das Vorhalten von unterschiedlichen Standards, wie ich ihn getätigt hatte und wie er von S.H. Tappe in seinem Post über mich bemängelt wurde, hatte sich z.B. auch nicht auf  Erdoğan oder 'Erdoğan-Kritik' bezogen, auch wenn das die Lieblingsobessionen und die Whataboutism-Talente meiner deutschen Freunde gerne nachträglich so hätten (sondern auf den Umgang mit antimuslimischen Stereotypen und das mangelnde Interesse an der Aufarbeitung des Völkermordes an den Tscherkessen und dabei zu erlebenden Behinderungen und Blockadenn). Am Ablauf solcher zurückliegender Konflikte ändern jedoch auch zigfache gegenseitige Bestätigungen im Gekränkte-Bürger-Umfeld nichts. 


So ist auch nicht nur das indirekte "Zitat", sondern sind auch alle übrigen "Informationen" zu meiner Person, wie sie im oben vorgeführten Post vorgeführt werden, inkorrekt. Wer sich denn überhaupt mal mit meinem Denken und meiner Arbeit befaßt hat, wäre vermutlich auch auf ein Paper gestoßen, daß ich vor Jahren am Harriman-Institute in New York zu den Wechselbeziehungen zwischen russischen und osmanischen politischen Entwicklungen vorgestellt hatte. Wer tatsächlich ein gewisses Interesse für Systemvergleiche und Transfergeschichten aufbringt, hätte doch einfach mal um eine chronologische Fortsetzung bitten oder  gar  eine solche duch selbständiges Handeln logistisch und praktisch durch Bereitstellung der für eine solche Forschungsarbeit notwendigen Infrastruktur ermöglichen können. Nicht zu haben bin ich allerdings für billige, plumpe Analogien, die ihre Überzeugungskraft wohl vor allem aus der eigenen Unwissenheit beziehen. Daß es für mich absolut untypisch gewesen wäre, in pauschalen  Konstatierungen  ("Sieg/Niederlage") anstatt in Form von dynamischen Prozessen zu denken, möchte ich hier gar nicht erst näher ausführen..... .

Man glaubt gern, daß wenigstens Akademiker die notwendigen Differenzierungen zu treffen wüßten und sich dann auch entsprechend artikulieren würden.  Nicht der Fall war das jedoch bei Patrice G. Poutrus:

 Der 'innere Wutbürger' springt darauf an....

Ein Historiker lernt, mit Quellen umzugehen, nicht alles zu glauben, was irgendwo schriftlich festgehalten wurde; er/sie muß besonders darauf achten, wie Texte welche Ansichten und Informationen transportieren; man übt sich darin, sorgfältig zu lesen und dann evtl. nach Herkunft/Hintergrund des Textes und möglichen Absichten des Autors zu fragen. Schon gar nicht sollten Geisteswissenschaftler jeden Mist glauben, der im Internet kursiert - das zumindest sollte sich doch auch bei evtl. altmodischeren Zeitgenossen herumgesprochen haben. Patrice G. Poutrus hätte auch direkt bei mir mitlesen, sich selbst einschalten, nachfragen und eine Diskusison oder Konfrontation mit mir suchen können. Er merkte jedoch anscheinend nicht einmal (oder wollte es nicht merken), mit welch primitiven, a-logischen und non-faktischen Vorgehensweisen er sich da eingelassen hatte.

Ich war zum einen persönlich verletzt, weil ein Bekannter nicht meine tatsächliche Meinung, wie ich sie selbst formuliere, zur Kenntnis oder auch zum Anlaß für Kritik genommen hatte, sondern - anscheinend ohne jeglichen Vorbehalt -  ihrer Verballhornung durch jemanden, der einen Groll gegen mich hegte, zustimmte. Noch mehr aber war ich schockiert und negativ überrascht davon, daß ein Kollege (mit dem ich bis dahin nicht einmal einen Konflikt gehabt hatte), nicht auf rationale Weise nachprüfte und kontrollierte, was da durch wen und mit welcher Intention oder Motivation behauptet wurde. Poutrus war für ein "unlikely candidate" für eine Beteiligung an Online-Haßkampagne gegen mich, da er sich selbst mit Migrationsgeschichte, "Fremdheit", In- und Exklusionslogiken beschäftigt sowie sogar oberflächlich mit Holocaust-Studien in Verbindung stand und sich doch auch allgemein in politischen Dingen einen eher linksliberal wirkenden Anstrich gibt.. Man unterstellt bzw. ewartet vor solch einem Hintergrund (bzw. ich tat das nicht) einfach, daß eine solche Person mit ihrer Zustimmung ehrenrührigen, von Ressentiments geprägten Posts und Falschbehauptungen noch zusätzliche Geltung und Verbreitung verschafft, anstatt direkt einzuschreiten und mit einem "das steht da aber nicht" zu protestieren.

Ich habe mir, obwohl ich unter den damaligen äußeren Umständen dazu kaum in einer geeigneten Verfassung war (siehe hierzu auch den 2. Abschnitt), doch die Mühe gemacht, relativ besonnen und sachlich direkt noch einmal bei Poutrus nachzufragen, d.h. was er sich dabei gedacht habe. Ich  habe ihm damit noch die Chance auf eine nichtöffentliche Klärung gegeben. Es wäre ja möglich gewesen - auch wenn man nicht einfach so etwas liked und unterstützt, was andere Menschen im Zuge einer Haßkampagne bloßstellt - daß er da auch mal aus einem Reflex bzw. Mißverstehen heraus einen ressentimenterfüllten und ressentimenterzeugenden Post geliked hätte. Poutrus hat aber noch einmal explizit bekräftigt und - ebenfalls moralisch wertend, in der Selbstpräsentation als Art 'leidender Beobachter' - nachgelegt:
   Gefühliges. Zutreffendes. Verstörendes.
Poutrus konstatierte somit, der oben gezeigte Kommentar S. H. Tappes habe für ihn "zutreffend" beschrieben, "was ich in den letzten Tagen von Dir lesen mußte". Auf meine Rückfrage, wo ich denn derartige Aussagen getroffen hätte, blieb Poutrus stumm. Bis heute habe ich von meinem Historiker-Kollegen auf die Frage nach dem Original/ der Quelle, aus denen meine diesbezüglichen Ansichten hervorgingen, keinerlei Antwort oder Reaktion erhalten. Wie selbstverständlich hat er danach auch keine Korrekturen oder Entschuldigungvorgenommen. Ich habe Poutrus dann in Folge nicht entfreundet, ich bin ihm aus dem Weg gegangen. Er war es, der dann im März 2017, Monate nach diesem kurzen Dialog, ohne Nachricht oder Hinweis von meiner Freundesliste verschwand. So gehört sich das vielleicht auch, wenn man zuvor an einem Affront beteiligt war.....

Jedenfalls fälllt Poutrus' hier entweder auf projektiv-spiegelndes Verhalten herein oder beteiligt sich selbst aktiv daran, beklagt in Anderen (mir!) das nunmehr deutlich zu beobachtendes kollektive Schweigen gegenüber meinen Arbeitsthemen und deren Legitimität. In seiner darauffolgenden Nicht-Reaktion kommt ein großer Unwille zum Nachforschen und Überprüfen zum Ausdruck. Er wird direkt mit der Nase auf ein Cybermob-artiges Vorgehen gestoßen, legitimiert seine Position aber mit einem "von einer Hetzkampagne ist mir nichts bekannt". Neben dieser Form des "ich weiß von nichts" erschöpft sich seine  Argumentation in der Wiederholung, der Selbstbestätigung der eigenen Wahrnehmungsweisen.

"Gefühlte Inhalte" kommen hier also vor den eigentlichen Aussagen, Belegen und Quellennennungen. Letzere sind offenbar nicht erforderlich, auch oder gerade wenn es bei der Angelegenheit um eine Kollegin geht, die schon seit Jahren drangsaliert, verleumdet und immer wieder mit unterschiedlichen abträglichen Behauptungen sowie diskriminierenden Verhaltensweisen ausmanövriert wird. Ob etwas wahr ist oder nicht, belegbar ist oder eine bloße Behauptung, scheint Poutrus und Tappe (und auch dem übrigen Internethetzmob) herzlich egal zu sein. Beide, sowohl Poutrus als auch Tappe, sind übrigens studierte Historiker, d.h. S. H. Tappe gibt ebenfalls entsprechende akademische Qualifikationen für sich an. Man fragt sich angesichts solcher Zustände, warum überhaut noch Bücher geschrieben werden, d.h,  wenn "Schwanz wackelt mit Hund" und "Hund wackelt mit Schwanz" das gleiche sein sollen, wenn es auf solche "feinen Unterschiede" gar nicht mehr ankommt, man sich die zu interpretierenden Zitate (ob nun direkte oder sinngemäße) selbst erfinden kann und alles irgendwie einerlei ist.

Außerdem: Wie geht jemand, der sich derart nach "gefühlten Aussagen und Inhalten" richtet, dann in seiner eigentlichen wissenschaftlichen Arbeit vor? Klappt es da besser  mit dem korrekten Wiedergeben und Zusammenfassen der Ansichten und Inhalte anderer Leute - auch dann, wenn man vielleicht mal auf ähnliche Weise selbst emotional involviert ist? Auch kann man mit einem derart plumpen wie forschen und aggressiven Vorgehen auch wirklich jegliche Differenziertheit und sämtliches Bemühen um sinnvolle inhaltliche Auseinandersetzungen, um Zwischenpositionen und Zwischentöne aus öffentlichen Diskusisnoen beseitigen, diese auf Dauer ausmerzen und mit einem bloßen Schlag(wort)abtausch ersetzen. Dann gibt es eben nur noch "Wir" und "die Feinde", Sieg und Untergang, Leben oder Tod.

Auf einer formaleren Ebene sind verdrehte und brüchige Logiken zu beobachten: Sowohl Tappe als - sekundär - auch Poutus bedienen sich in den gezeigten Ausschnitten einer Strategie der Selbst-Heroisierung, d.h. sie gestalten sich als moralische Richter. Selbstheroisierung wird von Paula Irene-Villa als Unterform der Immunisierung gegen Kritik beschrieben, als Verweigerungshaltung gegenüber der Argumentation, den Umständen und den Beweggründen des Gegenübers und als Abgabe (Von-Sich-Weisen) eigener Verantwortung:
"Heroisierung und Viktimisierungen sind beides Figuren, die vor dieser Selbstrelativierung schützen sollen. Sie wehren die eigene Verstrickung mit dem Anderen ab, auf der logischen Ebene der Argumentation und auf der sozialpsychologischen Ebene der eigenen Subjektivität. [...] Das heißt auch: die Anliegen, Argumente, Gründe oder Differenzierungen der vermeintlichen Täter oder Gegner können bzw. dürfen nicht ernst genommen werden."

Daniel-Pascal Zorn beschreibt die Selbst-Heroisierungsstrategien von "lautstarken Mitläufer[n]" und das Entstehen von hierauf basierenden Schweigespiralen als ein Sich-Sonnen "in der Vorstellunng, gegen eine vermeintliche Unterdrückung aufgestanden zu sein". Konkret auf meine Völkermord- und Minderheitenthematik (die ich bearbeite und die immer wieder den Auslöser oder Ur-Grund für derartige Kommentierungen und Verhaltensweisen darstellt) umgelegt heißt das: Hier formt sich das Sich-Verweigern vor der Notwendigkeit einer Auseinandersetzung mit dem Anderen oft so aus, daß sich ausgerechnet recht konstant mit Wegsehen beschäftigte Personen und Kreise (siehe hierzu näher auch den2. und  3. Abschnitt)  zu "plötzlichen" moralinsauren Hinguckern stilisieren, die sich ihr "Gesehenes" dann allerdings noch selbst dazuerfinden müssen.
 
2. Was sich das informale Facebook-Parlament bestehend aus 'besorgtbürgerlich' Aktiven wohl so gar nicht vorstellen konnte oder wollte:

Ich hatte unmittelbar vor dem Einsetzen der besagten Online-Haßmob-Kampagne einen Putschversuch in Istanbul live miterlebt. In der Nacht des Putsches vom 15. Juli 2016  hatten über den Wohngebieten kreisende Hubschrauber für eine beunruhigende Atmosphäre gesorgt. Kampfjets, die über die Stadt jagden, durchbrachen die Schallmauern und erweckten damit den Eindruck von Raketenbeschuß oder Explosionen. Angesichts der Unübersichtlichkeit der Nachrichtenlage war schwer festzustellen, was tatsächlich in der Stadt vor sich ging - bei mir mußte zunächst die Konversation mit der Nachbarin von Fenster zu Balkon herhalten. Ich zog mich dann schließlich ins Bett zurück, spielte aber im Halbschlaf erste Szenarien durch, wie ich am nächsten Morgen vielleicht in einer rigiden Militärdiktatur und damit einem völlig veränderten, mir fremd gewordenen Land aufwachen würde.

Vielleicht würden am nächsten Tag dann strenge kemalistische Polizisten überall patroullieren udn jegliche Regelverstöße, jede einzelne Abweichung, rigoros ahnden. Ich sah mich schon vor meinem geistigen Auge akademische Literatur samt Notizen und das nötigste Sonstige zusammepacken, an Straßenblockaden von bewaffneten Militärs zum Flughafen und dann außer Landes schleichen. - Was man sich halt so halbernst vorstellt, wenn man einige  "linke" Bücher, Romane und Filme zu Militärputschs gelesen hat und vor eine unbekannte Situation gestellt wird. Danach kamen weitere schlaflose Nächte mit aufgekratztem Lautsprecherlärm, der von den "Versammlungen für Demokratie" herüberhallte. Ich befand mich also innmitten eines Landes im Umbuch, zwischen allgemeiner Trauer, Wut, Euphorie, Angst und Stolz und in einer Situation der allgemeinen Ungewissheit und Unsicherheit bezüglich der Zukunft des Landes. Ich selbst war völlig übermüdet, gestresst und wurde dazu noch mit den kognitiven Dissonanzen meiner deutschen Mitbürger und mit reichlich Verschwörungstheorien an unerwarteten Orten belästigt.

 Einen Zeitpunkt, zu dem die meisten der in Istanbul lebenden Menschen vermutlich Kopf standen, wählten sich dann also einige meiner Kollegen, "Freunde" und Bekannten aus, um online mal so richtig gründlich die politische Gesinnung einer Person zu erforschen, für deren Wohl, Gedanken und Anliegen sie sich noch nie wirklich interessiert hatten. Wozu, so frage ich mich anhand von aus meiner Sicht wirklich irrationaler Verhaltensweisen, müht man sich also jahrelang ab und versucht, geistig-intellektuell zu seinen Kollegen vorzudringen, ihnen Minderheiten-Anliegen nahezubringen, fragt sich angesichts des Ausbleibens nennenswerter Reaktionen dann alle naslang heimlich, ob sie überhaupt die Existenz anderer Wesen zur Kenntnis nehmen? Was soll man davon halten, wenn solche, bislang mehr oder weniger stumm gebliebene Personen (übrigens gerade auch in Bezug auf die Lage von unterschiedlichen ethnischen Minderheiten in der Türkei und deren weitere Entwicklung) sich dann in einem Akt plötzlicher Hysterie auf die "Jagd" nach meiner Gesinnung und politischen Verortung begeben und diese dann ohne direkte Kommunikation zu ergründen versuchen? Für mich war damit ein absurder Klimax an Takt- und Empathielosigkeit sowie Selbstgerechtigkeit erreicht.

Mir wurde, nachdem ich die Verleumdungen und Fehlbehauptungen bemerkte, damit dann eine - wenn auch indirekte - Kommunikation aufgezwungen, ich sah mich, übermüdet, genervt und unaufmerksam aufgrund der Umstände, wie ich war, zum Reagieren gezwungen. Meine Facebook-Verbindung funktionierte auch nur lückenhaft, aufgrund des Putschversuchs waren die Datenmengen gedrosselt worden. Damit luden Facebook-Funktionen und -Seiten nicht richtig, war es mühevoll, in alten Posts und in Nachrichten nachzulesen (und ich hatte ehrlich gesagt dann auch noch andere Dinge im Kopf). Das schildere ich hier, weil dadurch ein kleines Versehen zustande kam, das man auch in obiger pm-Kommunikation nachlesen kann, und daß ich hier angesichts eines recht großen Interesses an Verdrehungen und Unterstellungen dann ebenfalls erklären muß (auch wenn es albern, nach einem "wer zuerst" beim Sandkastenstreit klingen mag):

Es stimmt, daß es nicht stimmt, daß Sönke Henning Tappe mich auf facebook gesperrt hätte. Ich habe umgekehrt ihn blockiert, gleich nach einer heftigen Auseinandersetzung im Mai 2016. Direkt im damaligen Thread hatte ich dann noch, offen und korrekt, absichtlich auf eben diesen Umstand hingewiesen (so viel zur tappeschen Unterstellung, ich würde absichtlich täuschen, tricksen oder lügen....). Im Juli 2017 habe ich mich dann aber unter den damaligen Umständen tatsächlich vertan. Bei Bemerken stellte ich es richtig. Aus meiner Perspektive war das Versehen auch peripher: Ich hatte schlicht darauf hinzuweisen wollen, daß gewisse Personen mangels Kommunikation meine Ansichten zu diesem und jenem Thema, die sie dann kollektiv 'bewerteten', gar nicht kennen konnten. Tatsächlich mache ich, wie jeder Mensch, auch mal Fehler, - zumal, wenn ich völlig übermüdet bin und mich zusammen mit anderen in einer Ausnahmesituation befinde. Tappe u. Co. allerdings haben derartige Versehen dann bereitwillig ausgeschlachtet, aus solchen Details werden dann weitreichende Schlüsse gezogen, werden meine Perfidität oder meine mangelnde Intelligenz unter Beweise stellt, man übt sich dann im gemeinsamen bedeutungsvollen Kofpschütteln, fügt auch schon mal einen Kommentar im Sinne von "ich wußte ja schon immer" hinzu.

Warum ich mich mit den Details einer an einzelne Post geknüpften Kommentarflut, die offensichtlich verleumderischen und persönlich beleidigenden Charakter hat, aufhalte? Die Anschuldigungen und Behauptungen betreffen direkt meine akademischen Tätigkeiten und mein berufliches Feld. Sie werden nicht von irgendwelchen, mir unbekannten und weitgehend nichtssagenden Profilen vorgetragen, sondern zu einem beträchtlichen Teil von Individuen mit Namen und gesellschaftlicher  Funktion - davon waren einige auch direkt in meinem Bereich tätig, z.T. sogar im Bereich der Kaukasus-Geschichte. Negative Konsequenzen, etwa in Form abgebrochener Kommunikation und reduzierter Kooperationschancen, bekomme ich dann direkt zu spüren Es ist nicht so, daß ich mich einfach über die Gebühr über "blöde Kommentare" ärgern würde und aus persönlicher Eitelkeit heraus "verletzt" wäre. Mein Arbeitsfeld ist auch klein, da ist man sehr auf den "Ruf" und darauf, was dieser oder jene sagt und tut, bedacht und hat wenig Ausweichsmöglichkeiten. Hier handeln denn nicht die üblichen, oft anonymen "Trolle", die man auch in den meisten Foren treffen kann, hier hetzt man mit Diplom (und auch gegen die fachliche Konkurrenz). Es beteiligten sich Ärzte, Anwälte, Journalisten, Psychologen, Grünen- und Linken-Politiker, Hochschuldozenten und Lehrer und veranstalteten eine ziemliche Treibjagd.  
 
Ich kenne solche bzw. vergleichbare Vorgehensweisen (mit ähnlichem bzw. verwandtem Anlaß, nämlich meinem Forschungprojekt zum Völkermord an den Tscherkessen) leider auch aus dem realen Leben, ich mußte sie als Doktorandin an der Tübingen Universität, teils auch mit auswärtigen deutschen Kollegen, kontinuierlich und in zunehmendem Maße erleben. In meinem Forschungsbereich spielte man unter Dozenten, Co-Doktoranden und Projetleitern ebenfalls "stille Post" in Bezug auf meine Person, gab mir aber nur sehr wenig Chancen, selbst zu kommunizieren. Bewertet wurden dann die gestreuten Gerüchte und flüchtige Eindrücke, nicht meine reale Arbeit und meine nachweisbaren Leistungen (letztere dann gerne auch komplett ignoriert). Je oberflächlicher und inhaltsleerer Auseinandesetzungen werden, desto mehr scheint es auch um Status, "Ruf" und "allgemeine Eindrücke" von der Person zu gehen. Deswegen traumatisiert mich, und darin sehe ich keine persönliche Schwäche, ein solches Vorgehen gegen mich auch doppelt. Ich hatte zuvor auch gedacht, daß mit einem steigenden öffentichen Bewußtsein über politische Prozesse und Lage in Rußland das Ressentimentpotential geschrumpft sei, sich die Lage gebessert hätte und solche Vorgänge schlciht nicht mehr möglich wären. 

Ein Nichtreagieren auf Hate-Speech und Verleumdungen gemäß des Bewußtseins, daß man sich nicht an den Vorwürfen und Unterstellungen anderer Leute abarbeiten muß, sondern für sich selbst steht und eigene Akzente und Themen setzt, setzt leider denkende, nachprüfende Mitmenschen voraus. Gerade da, wo sich Fachkollegen erneut beteiligen, kann ich auf so etwas offensichtlich nicht bauen. Hoffnungen, man würde im Laufe der Zeit schon sehen, begreifen, sich überzeugen lassen und dann fairer vorgehen, erfüllten sich leider nicht. Wie rauh und rücksichtslos, aber auch erschreckend irrational  sogar im akademischen Milieu vorgegangen, können sich Außenstehende wohl oft nur schwer vorstellen. Auch da wird aber oft nicht wesentlich genauer, mit größerem Interesse und mehr Liebe zum Detail und größerem Respekt vor seinen mitmenschen hingesehen als das landläufig, in der allgemeinen Bevölkerung, der Fall ist. Die defizitären Wahrnehmungsweisen anderer Leute bürden einem damit dann manchmal quasi unüberwindbare Hürden auf. Bei mir, sowie gerade auch in Bezug auf Muslime und muslimische Themen oder auch andere, "zu fremde" Angelegenheiten, scheint man auch unter deutschen Akademikern viele haarsträubende Stories und Behauptungen einfach blind zu glauben. 

Ein einzelnes Like wie das von Poutrus könnte natürlich auch als Kleinigkeit gewertet werden, aber man muß auch sehen, daß er ja  auch auf völlig andere Weise hätte eingreifen, den Mob zum Halt bringen und mir damit jede Menge Kummer, Frust und reale Konsequenzen hätte ersparen können. Am schwersten erträglich für mich ist immer wieder die Absburdität und Verdrehtheit solcher Verhaltensweisen, das regelmäßie Nichtzählenkönnen auf eigentlich absolut Selbstverständliches.

Mit der Zeit schwillt, so wie ein einzelner Flügelschlag eines Schmetterling auch angeblich das Wetter auf einem anderen Kontinent beeinflußen soll, auch der Chor der "Beurteiler" an, werden die Hatemob-Dynamiken härter und wüster, die Vorwürfe absurder. Mit solch einem Monster-Motten -Effekt (Schmetterlinge sind denn zu hübsch anzusehen....) wird aus einem kleinen Detail, einem eher beiläufigen Gerücht, einer einzelnen Zustimmung zu meinen vermuteten Auslassungen und Fehlern im Laufe der Zeit ein von zig Personen geteiltes Wissen um ein großes, abscheuliches Verbrechen, das ich ganz sicher begangen haben soll. Zwischenzeitlich haben sich denn tatsächlich anfängliche Spekulationen, ich könne heimlich Recep Tayyıp Erdoğan anhimmeln, zur kollektiven Gewißheit ausgewachsen, daß ich paranoid und gemeingefährlich sei und sowieso alle wahhlos denunziere. Kollegen von mir (wie auch namhafte Journalisten) scheinen derartige Behauptungen und Gruppendynamiken ("group think" vor Logik....) weiterhin nicht seltsam oder - Gott behüte! - gar anstößig zu finden.

3. Mir waren  die Beteiligung von gerade Poutrus an einem Hetzmobs und seine fehlende Distanzierung  allerdings auch aus einem anderen, inhaltlichen Grunde wichtig gewesen. Sie waren für mich von besonderer Bedeutung, weil Poutrus einerseits einen medialen Auftritt in der FAZ gehabt und dort seine eigene Form von Baberowski-Kritik geäußert hatte, andererseits bei ihm selbst dann aber einige diesbezüglich relevante Dinge und Zusammenhänge konsequent unter den Tisch gefallen waren. Vor diesem Hintergrund wirkte auf mich seine Sorge oder auch Angeekeltheit hinsichtlich meiner vermeintlichen moralisch-politischen Verfaßtheißt denn - oberflächlich besehen zumindest -  noch bizarrer und in sich selbst auf groteste Weise widersprüchlich.

Man nimmt mittels allerlei seltsamer "Meßinstrumente" eine a-demokratische Neigung an, sieht aber die Völkermordleugnung und ein eiskaltes Schweigen in den eigenen Reihen und Netzwerken nicht. So werden denn auch oft meine Reaktionen auf anormales und menschenfeindliches Verhalten. das sich in ganzen Netzwerkknoten verhärtet, bzw. mein Thematisieren desselben als schwerwiegende Symptome meiner eigenen Anormalität ausgegeben - da werden Kritik und der Gegenstand von Kritik dann in eins gesetzt und wird das Benennen von Mißständen und Problemlagen im eigenen Bereich als obszön hingestellt.

In "Integration ist machbar, Nachbar" vom 2.10.2015 hatte sich Poutrus, zusammen mit zwei Co-Autoren, vorgenommen, "[...] Baberowskis migrationspolitischen Einwurf einmal migrationshistorisch unter die Lupe zu nehmen". Auch wenn ich zugeben muß, mich damals gefreut zu haben, daß überhaupt Baberowski-Kritik die Öffentlichkeit erreichte ohne daß sie sofort als "linksextrem" abgetan werden konnte, so finde ich den Artikel heute im Rückblick als nur mäßig poignant und im Grunde auch wenig konstruktiv. Vielleicht beeinflußt mich da allerdings auch zusätzlich, was ich an sehr inkonsequentem Verhalten von Poutrus' Seite erlebt habe.

Der Artikel läßt jedenfalls im großen und ganzen (m. E.) den Eindruck aufkommen, als würde sich Baberowski nur als Privatperson bzw. als öffentlich-medialer Intellektueller zu sehr über seine eigentlichen Kompetenzgrenzen hinauswagen und dann eben hier und da ein bisschen über die Stränge schlagen, ungewöhnliche, querliegende, evtl. politisch problematische Ansichten äußern – als könne er aber als Wissenschaftler auf seinen ihm angestammten Gebieten weiterhin als durchaus seriöse Figur gelten oder als seie er dort gar eine unumstrittene Koryphäe. Der Artikel sagt dies nicht geradeheraus, aber er spart Kritik an Baberowskis eigentlichen wissenschaftlichen Inhalten aus, widmet sich stattdessen den populären Feuilleton-Positionen des Historikers, die sich meist auf Tagespolitik und eher vage "gesellschaftsphilosophische" Problemaufrisse beziehen. Der eigentliche intellektuelle bzw. wissenschaftliche Kern wird bei dieser Form der Baberowski-Kritik meines Erachtens vernachlässigt.

Eine ähnliche, aber ausformulierte Position, nahm ein Tobias Bütow im Tagesspiegel ein; er, ebenfalls studierter Historiker, machte das Problematische an Baberowskis Wirken ausschließlich an dessen Aktivitäten in punkto Politikberatung, seinem "Ausflug in die Gegenwart" fest. Er nahm dabei auch nichht (obwohl ich den Bütow-Artikel per se nicht schlecht finde) ein spezifisches Wissenschaftsverständnis (etwa das der Geopolitiker), dem zufolge akademische Tätigkeiten und politischen Analyse-, Prognose- und Beratungstätigkeiten scheinbar spannungsfrei miteinander verschmolzen werden, direkt in den Blick; Bütow fragte und antwortete selbst:
 "Sind Nationalhistoriker eigentlich ausgebildet, die komplexen Themen des 21. Jahrhunderts zu verstehen, zu analysieren und zu vermitteln? Kann jemand, der Deutschland oder Russland im 20. Jahrhundert überzeugend erklärt, im Handumdrehen die europäischen Komplexitäten im Globalisierungs-Zeitalter erfassen? Natürlich nicht. Wer Vergangenheit versteht, muss noch lange nicht auf die Kernfragen der Zukunft vorbereitet seinSein historische Gewaltforschung lässt uns die Massenmorde, Massaker und Verbrechen des 20. Jahrhunderts besser verstehen. Doch die Politikberatung des Historikers stiftet Unverständnis im 21. Jahrhundert. Und Unfrieden."

Diesen Artikel hat Patrice Poutrus sogar auch verlinkt, selbst ist er mit seinem FAZ-Artikel auf einen ähnlichen Zug aufgesprungen. Sowohl Poutrus in der FAZ, als auch Bütow im Tagesspiegel begegnen Baberowski nicht auf dessen eigentlichem Fachgebiet, dem der Osteuropäischen Geschichte, und da dann wiederum auf dem Teilgebiet der  Geschichte nichtrussischer Peripherien. Das akademische Wirken des Osteuropa-Historiker bleibt somit unbeleuchtet bzw. als Betätigungsfeld für mögliche Kritik unangetastet. Das Abgleiten Baberowskis in eine deutliche intellektuelle Schieflage begann jedoch nicht mit seinen tagespolitischen Stellungnahmen, sondern vielmehr mit akademischen Arbeiten. Da waren es gerade solche zum Kaukasus gewesen, an denen sich Fehlentwicklungen zuerst ablesen ließen: In Baberowskis Erklärungsansätzen zum Ursprung von Gewalt war es ca. 2004/2005 zu einem Bruch gekommen und ab da war seine Entwicklung hin zu neokolonialen und damit letztendlich anti-freiheitlichen und intellektuell regressiven Deutungsschemata eigentlich zu erkennen und zu verfolgen gewesen. Einen weiteren Meilenstein in dieser Hinsicht bildete das Erscheinen von Jörg Baberowskis Buch "Verbrannte Erde" im Jahr 2012.

So gesehen ist auch Poutrus' Darstellung verkürzend und hat - möglicherweise unintendiert - einen verharmlosenden und eher verschleiernden Effekt. Vielleicht hat man ihn auch gerade deswegen, d.h. weil seine Kritik nicht an die eigentliche, die intellektuelle Substanz rührt, in der FAZ zu Wort kommen lassen. Dies würde auch zur allgemein exkulpatorischen Linie der FAZ passen. Die FAZ hatte unter dem Eindruck lauter werdender Kritik an Jörg Baberowski eine deutlich apologetische Darstellungsweise aufgeschlagen. FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube behauptete 2014 höchstpersönlich die "Haltlosigkeit" der an Baberowski gerichteten Vorwürfe - da hatten einzelne Historiker-Kollegen schon festgestellt, daß die in Baberowskis Monographie "Verbrannte Erde" angebotenen Interpretationsansätze in Bezug auf den Stalinismus als revisionistisch gelten konnten oder gar eine Verharmlosung der NS-Politik bemängelt - darauf hatte dann auch die von der  FAZ so vielgescholtene WSWS hingewiesen. Man mußte also die Augen schon sehr fest verschließen.

Die FAZ hat allen Ernstes noch 2015 eine Friederike Haupt behaupten lassen, Jounalisten hätten sich "fleißig" auf die an Baberowski gerichteten Rassismus-Vorwürfe gestürzt und nie etwas finden können - und impliziert dabei, daß nichts, aber auch gar nichts an den Einschätzungen und Wertungen der Kritiker berechtigt gewesen sei. Baberowskis (wissenschaftlichere) Aussagen zum russischen Umgang mit kolonialen Peripherien, insbesondere dem Kaukasus, sind für Friederike Haupt wohl ähnlich bequem zu ignorieren wie auch für andere Figuren, die sich in der Öffentlichkeit gut hörbar zu Wort melden. Es ist zum (informalen) journalistischen Gewohnheitsrecht geworden, die Verharmlosung russischer Kolonialgewalt inklusive der Nichtbeachtung oder Leugnung genozidaler Züge systematisch aus der Frage nach etwaigen (rechts-)radikalen Tendenzen Baberowskis und Fragen nach diesbezüglichen inhaltlichen Verbindungen systematisch auszuklammern.

Auch wurde immer wieder in Presseberichten der Eindruck erweckt, Kritik an Jörg Baberowksi sei durchweg linksextrem ("trotzkistisch") motiviert und richte sich vorrangig gegen Baberowskis 'schonungslose' Aufarbeitung des Stalinismus. So wurde  z.B. ebenfalls in der FAZ im Jahr 2015 im Vorspann zu einem Interview mit Jörg Baberowski suggeriert, daß er ein "schonungsloser Aufdecker des stalinistischen Terrorregimes" sei. Der revisionistische Gehalt seiner neueren Stalinismus-Erklärungsansätze fiel dagegen komplett aus der Betrachtung heraus.

Solche Beiträge mit ihren "nur weil"-Logiken (wie sie auch mit Hingabe von Rechtspopulisten praktiziert werden) belegen vor allem eins: Daß die Autoren (oder Interviewer, die derartige Darstellungen distanzlos übernehmen) sich auf den jeweiligen Sachgebieten nicht auskennen, daß eine akademischn Einordnung und Wertung der Thesen und Ansätze Baberowskis ihre Kompetenzen übersteigt, sie sich etwa auch mit dem Verhältnis von Baberowski zu totalitarismustheoretischen Ansätzen nicht näher beschäftigt haben - oder auch, daß sie bewußt abstreiten und ignorieren, in voller Absicht eine Delegitimerung von Kritik betreiben gerade da, wo diese sich auf besonders bekannte und einflußreiche Persönlichkeiten richtet. Auch die durchaus zur Sprache gebrachte Angst von Studenten, für offen vorgetragene Kritik belangt zu werden und da allzu empfindliche Konsequenzen zu spüren zu bekommen wurde kaum ernst genommen bzw. ihr wurde von journalistischer Seite nie wirklich nachgegangen.

In praktischer Hinsicht ist der "Integration ist machbar"-Artikel durch die genannten Auslassungen übrigens ebenfalls defizitär: Ein Teil der in Deutschland neu ankommenden "syrischen" Flüchtlinge sind gerade die Nachkommen derjenigen Tscherkessen, die im 19. Jahrhundert von Russland aus dem Kaukasus vertrieben oder auch (Anfang der 1860er) systematisch deportiert und dann in unterschiedlichen Provinzen des Osmanischen Reiches angesiedelt wurden. Hier schließt sich denn der Kreis aus Ignoranz/Beibehaltung von Stereotypen/Nichbearbeitung zurückliegender Konflikte,  dem Enstehen von neuen Konflikten und Fluchtgründen auf Grundlage dieser alten, illiberalen Strukturen, hin zum fremdenfeindlichen Ausschlachten der aktuellen Symptome dieser Dynamiken, wobei diese Stimmungsschürerei wiederum in manchem an die entsprechenden Diskurse des 19. Jahrhunderts erinnert und auch gerne zusammen mit prorussischen Kräften (siehe etwa das Journal "Compact") betrieben wird. Teilweise beruft "man" im Zuge rechtspopulistischer Kommentierungen, bzw. in diesem Falle auch Baberowski selbst, sich auf Denker  der sogenannten "Konservativen Revolution", die insgesamt auch aus der russischen Kolonialgeschichte ihre Inspiration bezogen hatte. So viel zur Popularisierung einer "historischen Migrationsforschung", die Patrice Poutrus mit seinen Co-Autoren hier in der FAZ mit u.a. Beispielen aus den USA bieten möchte.

Ich bezweifle (und sehe es auch in der Praxis nicht), daß Leser viel aus solchen Artikeln mitnehmen würden - außer, daß jemand Baberowski widersprochen hat, eine andere Position zu aktuellen Fragen der Asylpolitik und Migration besitzt und diese mit eher allgemeinen Rekursen auf die Vergangenheit im Sinne eines "Lernens aus der Geschichte" zu untermauern sucht. In so manchen "kritischeren" Darstellungensweisen in großen Tageszeitungen, die sich vorrangig an Baberowskis Rhetorik in Flüchtlings- und Migrationsfragen und einzelnen Sätzen abarbeiten, liegt eine Mißperzeption zugrunde bzw. in ihnen kommt ein Unwissen über (bzw. Wegsehen in Bezug auf) den intellektuellen und politischen Werdegang Baberowskis zum Ausdruck. 

Wer von Baberowskis "putinversteherischen" Auftritten zusammen mit etwa Gabriele Krone-Schmalz, seinen Aussagen zu Islam, Migranten, dem "Krieg gegen den Terror" tatsächlich völlig überrascht war, sollte sich vor Augen führen, daß auch vermeintlich abwegige, durch und durch exotische Themen und Fragestellungen, wie etwa das Sujet der russischen Kolonialpolitik im Nordkaukasus und des geschichtswissenschaflichen Umgangs damit, nie irrelevant für eine Gesamtgesellschaft und die internationale Gemeinschaft sein können: Gerade in solch "toten Winkeln" und an den "Rändern" unserer Wahrnehmungsweisen können sich seltsame Bestrebungen zuerst abzeichnen und (auch da jenseits einer allgemeinen Kontrolle befindlich) sich Ausgangspunkte für neue extremistische oder gar totalitäre Deutungsweisen herausbilden. 

Meinerseits etwas vulgarisiert und vereinfacht gesagt: Wenn eine öffentliche Person in demokratischen, freiheitlichen Zusammenhängen den Völkermord an den Tscherkessen verschweigt oder leugnet, er/sie das russische Vorgehen im Kaukasus (ob heute oder in der Geschichte) aus freien Stücken verharmlost oder vertuscht, dann kann man sich als Beobachter und Kommentator nicht darauf zurückziehen, daß diese Person aber  "ansonsten" vollkommen in Ordnung sei, als rundum integerer, verantwortungsvoller, umsichtiger, kluger Akademiker gelten könne - hier muß man vielmehr Fragen stellen. Solche zu Berufsethik und Sachlichkeit/Professionalität in der Vorgehensweise, Fragen zum Umgang mit Kritik und zur Durchlässigkeit des Umfeldes für konfligierende Ansichten und Positionen, wie auch zur zugrundeliegenden Wissenschaftskonzeption bzw. dem Verhältnis zwischen Wissenschaft und Politik und möglichen außerwissenschaftlichen Einflüssen auf und Instrumentalisierungen von Forschung und Lehre.

Wären die, die mit entsprechenden Fakten und Umständen tatsächlich in Berührung geraten waren, nicht so unendlich desinteressiert und unbeteiligt über den  Völkermordes an den Tscherkessen, Leugungstendenzen, stockende Aaufbeitung, die Rechte heutiger Nordkaukasier hinweggegangen, hätten die Aussagen Baberowskis zur Ukraine-Krise, Putin und Migranten die Öffentlichkeit wohl kaum derart kalt  und unvorbereitet getroffen;  man wäre nicht quasi "über Nacht" mit einer Verortung von Baberowski in rechtspopulistischen Diskurszusammenhängen überrascht worden.

Man wollte aber vieles lange Zeit nicht wahrhaben und hat die diesbezüglichen Einsichten lange Zeit von sich geschoben und bekämpft, kritische Stimmen regelrecht zu ersticken versucht (auch die der WSWS). Wäre einem Baberowski auf dem Gebiet der Kaukasusexpertise mal etwas energischer und hörbarer widersprochen worden und hätte man die Mängel seiner Argumentationsweigen in seinen eigentlichen Fachgebieten aufgezeigt, hätten sich auch auf praktischer Ebene einige Dinge vermutlich deutlich anders entwickelt, so wären etwa das Vorgehen Rußlands und der kolonialistisch-restaurative Charakter von Ptuins Politik nicht so lange fehleingeschätzt worden - bis hin zur Eskalation des Rußland-Ukraine-Konfliktes, zur Krimannektion und dem scheinbar so überraschend kommenden Überfall der Rußländischen Föderation auf die Ostukraine.

Jenseits des "vielleicht", "hätte" und "würde" in Bezug auf frühere Versäumnisse, Auslassungen und professionelle Blindheiten: Mich stört immens, daß auch heute kaum wirkliche Einsicht praktiziert wird und keine eigentliche Aufarbeitung der diesbezüglichen akademischen Struktuern und Verflechtungen stattfindet. Es wird in der bisherigen Debatte meines Wissens nicht einmal die Frage gestellt, warum und wie Baberowski überhaupt dermaßen zum allseitigen "Medienexperten" aufsteigen und auf akademischem Gebiet eine fast unanfechtbare Position einnehmen konnte, wie da gegen Kritiker vorgegangen wurde, welche wissenschaftlichen Netzwerke und evtl. auch politischen Interessen da im Hintergrund standen und weiterbestehen.  Diverse, öffentlich in Erscheinung tretende Intellektuelle verhindern tiefergehende Korrekturen jedoch weiterhin - im gleichen Zuge, wie sie dann öffentlich "Aufklärung" bezüglich russischer Politik oder "Rechtspopulismus" fordern und präsentieren.

Jörg Baberowskis negative, blockierende Rolle bei der Aufarbeitung des Völkermordes an den Tscherkessen sowie seine eigenen Aussagen zur russischen Kolonialpolitik sind bis heute auch nicht ein einziges Mal Thema der akademischen Gemeinde in Deutschland gewesen. Man kann am allgemeinen Umgang mit Jörg Baberowskis intellektueller und politischer Entwicklung denn auch sehr deutlich ablesen, welchen Stellenwert ein von Russland begangener kolonialer Völkermord und dessen Aufarbeitung für die Gemeinschaft deutscher Historiker und Osteuropa-Wissenschaftler (und die deutschen Medien), der dazugehörige Geschichtsrevisionsmus und Genozidverleugnung bzw. -verharmlosung haben: so gut wie keinen. Auch hier scheint viele meiner Kollegen bislang gar nicht zu interessieren, was wahr und belegbar ist, was als tendentiös und schlicht unsachlich bzw. faktisch falsch zu gelten hat. Im Vergleich damit wird den plakativen, bisweilen recht kenntnisfreien einzelnen Aussagen eines vermeintlichen neuen Universalexperten zu aktuellen gesellschaftspolitischen Angelegenheiten eine immense, geradezu übermäßige Bedeutung verliehen.

An dieser Stelle blieb auch mehr oder weniger Patrice Poutrus stehen. Natürlich muß Poutrus nicht "mein" Thema im Zuge seiner migrationspolitischen Auseinandersetzung mit Jörg Baberowski mitbehandeln, ich hätte es aber als Zeichen von Anstand, Prinzipientreue, Interessse an echter Wissenschaft und auch von Kollegialität angesehen, wenn er sich dafür eingesetzt hätte, daß auch ich meine Einwände gegen Baberowskis Thesen  (in diesem Falle direkt die, die er in seinem eigenen Forschungsbereich getroffen hat) formulieren kann und diese gehört werden, diese Einfluß in eine mediale oder akademische Debatte finden. D.h. daß man dafür sorgt, daß meine Einwände nicht wie bisher schlicht ignoriert, unterdrückt und (auf Internetplattformen) auch gelöscht werden. 

Leider wird an etlichen Orten die Praxis fortgesetzt (übrigens nicht nur bei diesem speziellen Thema, dem Umgang mit den problematischen Seiten von Jörg Baberowski), daß sich der Öffentlichkeit gegenüber gerade diejenigen als Mahner und Aufklärer präsentieren, die die fraglichen Phänomene und Entwicklungen erst sehr spät bemerkt oder zumindest mit großer zeitlicher Verzögerung überhaupt thematisiert haben und auch weiterhin oft nur oberflächlich, partiell und selektiv behandeln. Manchmal - wobei dies meines Wissens nicht auf Poutrus zutrifft, ich dies aber regelmäßig von seiten Anderer erlebe- wird dann auch noch so getan, als ob man die entsprechenden Einsichten schon immer gehegt und verkündet hätte. 

Ein solches Vorgehen, d.h. das Äußern von Kritik zu einem recht späten Zeitpunkt, z.B. dann, wenn man glaubt, sie sich "leisten" zu können, etwa dann, wenn entsprechende Positionen mehrheitsfähiger werden, oder sie dann sogar gesellschaftlich lohnbringend sind, hat einen besonders destruktiven gesellschaftlichen Effekt, wenn sie unter Mißachtung derer, die die wesentliche Vorarbeit geleistet und ihre eigenen Köpfe dafür hingehalten haben, vollzogen wird. Die Spät- und Teilmerker und/oder mutlosen Tatkierer bieten sich der Allgemeinheit  gerne als Überflieger und herzerfrischende Avantgarde an - können dies dank des Nichtmehrgreifens von Konsequenzen tun, beschädigen dabei nicht oder nicht auf relevante Weise ihre eigenen Netzwerke und Strukturen. Diese Beanspruchung öffentlichen Raumes wird in ihren Mechanismen bisher meiner Beobachtung nach noch fast nicht, oder jedenfalls viel zu wenig hinterfragt.

Letzteres bedeutet, daß diejenigen, die der Sache nach und konform mit gesellschaftlichen Regeln und Normen vorgehen, die nicht auf Gelegenheiten und Karrierechancen spekuliert haben, sich auch dann noch im gesellschaftlichen Abseits befinden, wenn hinsichtlich des eigentlichen Konfliktgrundes schon längst eine Kehrtwende eingesetzt und eine (zumindest punktuelle) sachliche Klärung stattgefunden hat. So wurde ja nunmehr in Bezug auf Jörg Baberowski festgestellt, daß er tatsächlich geschichtsrevisionistische, islamophobe und neurechte Positionen vertritt, dabei rabiat gegen seine Kritiker, darunter auch Studenten, vorgeht, diese teils sogar öffentlich "Irre" nennt. Ich habe trotzdem weiterhin an mangelnder gesellschaftlicher und fachlicher Glaubwürdigkeit zu leiden, auch obwohl es mittlerweile die systematische "Säuberung" des Westkaukasus, die Vernichtung und Deportation der Tscherkessen nun laut internationalen Forschungsmeinungen doch gibt, während sie von 2005-2008 unter u.a. baberowskischem Experten-Einfluß im deutschen Raum nicht wahr sein durfte.

Ich nenne für mich darum Phänomene wie das Auftreten von Poutrus in der FAZ (wobei es da auch noch extremere Fälle gibt) die "Gnade der späten Kritik". Ich bezweifle, daß Poutrus den akademischen Rang erreicht hätte, den er heute innehat, wenn er sich nicht 2015, sondern rund zehn Jahre früher, so wie ich, gegen einen neurechts bzw. revisionistisch argumentierenden Kollegen, insbesondere auch gegen dessen akademische Thesen gestellt und teils unsaubere, oft spekulative Arbeitsweisen thematisiert hätte. Ebenso bezweifle ich, daß Poutrus dann noch ähnliche Möglichkeiten zur "Gegenrede", wie er sie heute etwa in Gestalt der  FAZ wahrnimmt, offenständen oder er überhaupt in einem nennenswerten Medium Gehör finden würde - unabhängig von der Qualität seiner Ausführungen. Ich finde: Man kann und darf hier nicht die Philosophie von "Der Stärkere setzt sich durch" (meines Erachtens gehört dazu auch ein "Jeder für sich selbst", wie es Poutrus mir gegenüber praktiziert) weiterführen. Damit entsteht auch keine echte Wissenschaft. Wer sich aus diversen Gründen eine stärkere Position erhalten oder erarbeitet hat (und ja, dabei können auch Zufälle und "Glück" eine besondere Rolle spielen, dahinter muß keine perfide Absicht und kein zynisches Kalkulieren stecken), sollte andere Kollegen im In- und Ausland daran teilhaben lassen, sie unterstützen und sich im konkreten Falle für die Reetablierung akademischer Normen in Deutschland einsetzen.

Poutrus hatte selbst in den Jahren 2005-2007 an der Humboldt-Universität (kurz: "HU") am Institut für Geschichtswissenschaften gelehrt (und von 2007-2009 soll er an der HU Stipendiaten betreut haben), wenn auch nicht direkt am Lehrstuhl des Osteuropa-Wissenschaftlers Prof. Dr. Jörg Baberowski.Man gibt sich jedoch in derartigen Zusammenhängen gerne empfindlich, Baberowski-Kritik dürfte auch in diesem Umfeld ein kostspieliges Unterfangen gewesen sein. Das dürfte um so mehr gelten, als sich in jenem Zeitraum Poutrus' Anstellungsverhältnisse und akademische Aktivitäten mit denen von Baberowski-Zögling Jan Claas Behrends überschnitten. Patrice Poutrus hat von ca. 2001-2007 am "Zentrum für Zeithistorische Forschung" in Potsdam zwei Forschungsprojekte durchgeführt; Behrends hatte dort von 2004-2005 eine Post-Doc-Stelle. Im Jahr 2005 hat  Jan Claas Behrends bei Jörg Baberowski promoviert und war danach dann auch parallel am Baberowski-Lehrstuhl an der HU beschäftigt. Poutrus und Behrends haben zusammen mehrere Sammelbände herausgegeben und gemeinsame Publikationen verfaßt. Behrends ist heute ein vehementer Baberowski-Befürworter, der als solcher auf sehr militante und höchst unangehme Weise gegenüber Anderen in Erscheinung tritt.

In dem Zeitraum, als es für Poutrus im Baberowski-Umfeld weiter die Karriereleiter hinaufging, wurden für mich die geschichtsrevisionistischen Haltungen von Jörg Baberowski und seine Intoleranz im Umgang mit anderen Forschungsmeinungen bereits offensichtlich. Ich geriet damit schon 2005 mit Baberowski in einen in der Sache begründeten Konflikt,  d.h., nicht, weil ich Streit mit ihm gesucht hätte oder es zu einer offenen Konfrontationen gekommen wäre, sondern weil meine akademische Ausrichtung, mein Forschungsansatz und mein Thema dann nicht mehr mit seinen Ansätzen und Vorstellungen kompatibel waren. Mir hat das auf seine eigene Wende folgende Fehlurteil Jörg Baberowskis über meine Arbeit sowie die Servilität und Angepaßtheit meiner Tübinger Kollegen und Vorgesetzten (es mögen da auch noch weitere inner- und außerakademische Interessenlagen hineingewirkt haben) meine akademische Karriere, mein Umfeld sowie meine Gesundheit ruiniert. Selbst sehr spät auf problematische Entwicklungen aufmerksam zu werden und dann evtl. auch im Nachhinein auch nur sehr partiell Kritik zu üben, ist die eine Sache. Das eigene Verhalten "danach" sowie der Umgang mit Menschen, die Problemlagen anders, früher wahrgenommen haben und dementsprechend gehandelt haben, sind eine andere Angelegenheit.

Poutrus hatte, während wir noch miteinander in Kontakt standen, kein einziges Mal mich gefragt, wie es mir denn so gehe, wie sich das weitgehende Schweigen der Historiker-Gemeinde gegenüber meinem Forschungsthema und dem Umgang damit für mich anfühlt, ob ich etwas brauche und er mir helfen könne, wie heute meine akademischen Optionen und Zukunftsschancen aussehen etc.. Er hat nicht zusammen mit mir und anderen überlegt, wie man mich zumindest rehabilitieren könne und was überhaupt zu tun wäre, um einen durch illigitime Mittel beschädigten akademischen Diskurs wiederherzustellen, einen Austausch von sachlich begründbaren und belegbaren Meinungen und Wertungen wieder zu ermöglichen. Er hat mir nicht ein einziges Mal zu verstehen gegeben, ob er mich überhaupt als Wissenschaftlerin mit eigenen Ansichten und den Baberowski-Meinungen entgegenstehenden Thesen wahrnimmt und ernst nimmt. Absurderweise sind es dann oft die gleichen Personengruppen und Netzwerke, die mich,  aus einer vermeintlich "humanistischen" Position heraus, für nicht mehrgesellschaftsfähig zu halten scheinen - mit beispielsweise Facebook-Posts wie dem obigen und entsprechenden Behauptungen, Spekulationen, Unterstellungen als Rechtfertigungsgrund.

Über problematisches Benehmen von Höherstehenden und dessen Folgen spricht man im deutschen akademischen Umfeld, wie es mir bekannt ist, absolut nicht gern. Gerade im Bereich der Osteuropawissenschaften  macht man trotz der Erkennntnis, daß so vieles schiefgelaufen ist, mehr oder weniger mit dem gleichen Personal weiter, innerhalb der gleichen Strukturen, scheint an weiterreichende Selbstreflexion und auch meine Rehabilitierung gar nicht denken zu wollen. Es ist jedoch nicht nur unfair Einzelnen gegenüber, wenn für die Öffentlichkeit der Eindruck eines mutigen Streitens, eines rückhaltlosen Eintretens für seine eigenen Überzeugungen, oder auch für "das Gute und Wahre" geschaffen wird, wenn nach außen hin scheinbar die Fetzen fliegen zwischen zwei völlig konträren Parteien, dann aber im Innern weiterhin diejenigen getreten, entwürdigt, verleumdet und von Meinungsäußerungen abgehalten werden, die die entsprechenden Fehlentwicklungen zuerst bemerkt, darunter selbst gelitten, sie thematisiert haben.

Dies ist letzendlich auch gesellschaftlich destruktiv, korrektes Verhalten wird damit bestraft und unrentabel gemacht, die persönlichen Kosten für Ehrlichkeit und Konsequenz werden in die Höhe getrieben; dies begünstigt weitere Vertuschung, weitere Verzögerungen und weiteres (oft hartnäckiges) Schweigen. Wie angsterfüllt, hierarchisch-autoritär und opportun es in der deutschen Wissenschaftswelt stellenweise zugeht, können sich Außenstehende oft wohl kaum vorstellen, gerade auch angesichts ritualisierter, hochdramatisierter medialer Austragungsformen, bei denen es im Endefekkt dann doch um vergleichsweise geringfügige, begrenzte Konflikte und Divergenzen zwischen etablierten Akteuren geht. 

Wirklich seriös, ehrlich und um Konsequenz bemüht waren von einer der allgemeineren Öffentlichkeit vorgestellten Baberowski-Kritik von geschichtstwissenschaftlicher Seite in den vergangenen Jahren (bis ca. 2016 - nun nimmt das Thema ja noch einmal neue Fahrt auf) meines Erachtens und Wissens nur Gerd Koenen, Ulrich Schmid und  Leonid Luks. Der Russland-Historiker Koenen hatte z.B. auch nicht plötzlich im Jahr 2014 oder 2015 feuilletonistische Texte hervorgezaubert und besserwisserisch-belehrend einem breiten Publikum erklärt, was er kurz zuvor erst selbst an Einsicht gewonnen hatte. Koenen griff zwar auch (2015) in aktuelle tagespolitische Debatten ein, er hatte sich zuvor aber auf akademischer Ebene mit seinem bekannten Kollegen auseinandergesetzt und da auch Baberowskis Argumentationsschwächen kritisiert. Ich halte es für keinen Zufall, daß gerade Koenen  frühzeitiger als einige andere Baberowskis Argumentationsweisen problematisierte. Koenen hattesowohl zu russisch-deutschen Verschränkungen bei der Entstehung der Denktradition der "Konservativen Revolutionäre" gearbeitet als auch sich intensiv mit der eigenen KBW-Mitgliedschaft (KBW= linksautoritärer, maoistischer Verband in der früheren BRD) auseinandergesetzt, er wird  vermutlich auchdarum die politische Biographie des Jörg Baberowski (ebenfalls ehemaliger Maoist) besser verstanden haben als andere.

Daß Historikerkollegen im Internet auf Mobbing und Haßkampagnen ansprechen, besitzt vor dem hier geschilderten Hintergrund mangelnder Aufarbeitung meines Erachtens eine gewisse eigene Logik: Mit persönlichen Attacken und ehrenrührigen Gerüchten läßt sich das Versagen der eigenen fachlichen Kreise, deren unseriöser Umgang mit Informationen, Argumenten, Theorien, Thesen und gesellschaftlichen Aufgaben und Verpflichtungen besser abstreiten und vertuschen.
Kollektive Angriffe auf eine einzelne Person samt den zugehörigen Unterstellungen, Verdrehungen und Verleumdungen sind da teilweise auch einfach praktisch, zumindest haben sie eine psychologische Ventilfunktion. Man kann sich damit vor sich selbst und anderen das eigene, vermutlich doch ingesheim als nicht ganz unproblematisch empfundene Verhalten erklären und rechtfertigen. Mit auch kriminellen, strafrechtlich relevanten Vorgehensweisen hält man sich weiterhin unangenehme Kritik am Zustand des Faches (oder weiterer Kreise) vom Hals.

Patrice Poutrus hatte sich denn auch zu denen gesellt, die zu den Konsequenzen, die ich ohnehin schon für mein frühzeitiges Ausscheren reichlich zu spüren bekommen habe, weitere Verstößen hinzufügen, das Spiel der Lüge, Verzerrungen und Diffamierungen weitertreiben, sich dabei selbst auch noch als moralisch richtende Instanzen oder "besorgte Mitmenschen" geben. Natürlich muß hierbei nicht alles an einem Einfluß bzw. der Überzeugungskraft Baberowskis, dessen prorussischen Tendenzen und seinen (meinem Forschungsansatz) gegenüber konträren Thesen festgemacht werden und auch nicht an allgemeineren prorussischen Interessen und Tendenzen weiterer Akteure. Manche Menschen sind auch einfach islamophob und haben generell etwas gegen die Beschäftigung mit Muslimen sowie gegen die Aufarbeitung von Genoziden, die in diesem Sinne "nicht ins Raster" passen. Andere wiederum sind einfach entsetzlich affirmativ: Sie werden, auch jenseits ihrer allgemeinen Haltung zu einem bestimmten Thema, wütend und geradezu militant, wenn gesellschaftliche Mißstände oder das Fehlverhalten von Personen oder Institutioenn mit Rang und Namen benannt werden oder aufscheinen könnten. Aus letzterem Grunde treffen mich regelmäßig auch sekundäre Aggressionen. Manche der Beteiligten mögen auch selbst ihre Vorwürfe und nachträglichen Rationalisierungen glauben.

Mir scheint, mit Hinblick auf die beschriebenen Verhaltensweisen und das weitestgehende Ausbleiben sinnvollerer, fairerer Umgangsweisen,  daß es aktuell etlichen meiner Kollegen wie auch der deutschen medialen Öffentlichkeit fast nur noch ums Vertuschen und Verleugnen, um Rationalisierung des eigenen früheren Verhaltens und (natürlich nur, sofern vorhanden) das Nicht-Problematisieren eigener Verstrickungen geht, daß das weitere Ersticken, Verunglimpfen und Aushebeln von Dissens im Vordergrund steht, nicht Einsicht, Reparatur, Behebung. Ein "interessierter Personenkreis" gibt sich nicht mit den eigentlichen, früheren Aggressionsakten, wie sie durch andere verübt wurden, zufrieden, sondern muß offenbar, zusätzlich zur bereits stattgefundenen Repression, zu Forschungsbehinderung, vorangegangenen Rufmord-Praktiken, Isolation und Ausgrenzung, nun auch noch ständig mit Diffamierungen nachlegen. Man sieht sich offenbar veranlaßt, ständig weitere Vergehen, Charakterschwächen, "Unnormalitäten" und "berechtigte" Anlässe für persönliche Abwertungen zu finden und entsprechende Projektionen zu tätigen. Diesen exkulpatorischen  'Zwang zum Wiederholen' kennt man sogar hinreichend aus der Genozidforschung.

Wie sehr es in der medialen, teils auch akademischen Öffentlichkeit um "Ruf" und "Stellung", wie wenig im Grunde um ein Abwägen oder überhaupt auch Vorstellen-Lassen von Argumenten geht, scheint Patrice Poutrus doch ziemlich gut zu wissen, äußerte er doch auf facebook nach mehreren medialen Ausfällen von Baberowski, daß es ihm gut gefallen würde, wenn ihm  "[...] ein ähnlich situierter Kollege in der Öffentlichkeit klar und unmissverständlich widersprechen würde".Seinen FAZ-Text bezeichnete  Poutrus selbst als "Notwehr". Meine eigene "Notwehr" scheint er dagegen genauso wenig wie viele andere akzeptiert zu haben. Sie bietet ständigen Anlaß für Aggressionen und Unterdrückungsversuche, sie wird als "ungehörig" dargestellt. Die Tiefenebene meiner indirekten Konfrontation mit Poutrus, seine Teilhabe an einem gegen mich gerichteten Hetzmob samt der Bekräftigung entsprechender, nicht mit Zitaten belegbarer Ansichten und angeblicher Verhaltensweisen meiner Person, liegt vermutlich in dem hier umrissenen  "group think" begründet.

Einen Trost allerdings habe ich für mich selbst und andere Wissenschaftler, die sich möglicherweise in ähnlich unterlegenen Positionen wiederfinden: Wenn bestimmte thematische Aspekte, Akteursgruppen, Teilbereiche systematisch aus dem Blickfeld gedrängt, repressiert bzw. einfach „weggelassen“ werden, dann schadet das der wissenschaftlichen Disziplin in ihrer Gesamtheit. Ausschlußstrategien erzeugen eine Deformation, die über den „weggelassenen“ Gegenstand weit hinausreicht und auch die Seriosität des gesamten Faches untergraben kann - denn ein echter wissenschaftlicher Diskurs besteht nie einfach aus der Summe seiner Teile. Selbst das kleinste „Bauteil“ hat das Potential, das große Gesamtgefüge zu verändern. So fehlten ja in  der klassischen „Geschichte der großen Männer“ auch nicht einfach nur die Frauen und Kinder, die man nachträglich hätte hinzufügen können, sondern wurde dann im Laufe des 20. Jahrhunderts auf viel grundsätzlichere Weise in Frage gestellt, wer denn „Geschichte macht“. Genau dies erweckte ja auch Anstoß. 

Auf ähnliche Weise würde auch die „Hinzufügung“ der Tscherkessen und anderer nordkaukasischer Minderheiten zu einer transnationalen Geschichtsbetrachtung (insbesondere in Bezug auf die moderne europäische Gewaltgeschichte) diese insgesamt verändern. Auf rhetorischer Ebene wird versucht, hegemoniale Positionen beizubehalten, indem man sich dogmatischer Argumente bedient:  Der „Rechthaber“ sieht sich als Opfer, wenn seine eigene Selbstermächtigung und die vermeintliche Natürlichkeit ungleicher Machtverhältnisse angetastet wird, wenn, wie Daniel Pascal Zorn formuliert, dadurch sein eigener Geltungsanspruch verkleinert, von einem "absoluten zu einem relativen" umgestaltet wird, was dann aufgrund einer fehlgesteuerten Wahrnehmung als Diskriminierung erlebt wird: "Doch seine Wahrnehmung täuscht: Solange man den gleichen Fehler macht, ist die Relativierung des Geltungsanspruches einfach nur die Wiederherstellung der prinzipiellen Gleichberechtigung aller Gesprächsteilnehmer, Recht haben zu können, wenn es gute Gründe dafür gibt.“


Es wird gerne so getan, als verlangten ich und andere in Bezug auf den Umgang mit (z.B. nordkaukasischen) Minderheiten und „deren“ Geschichte eine „Sonderbehandlung“ oder ein Eingehen auf etwas besonders Spezielles – dabei wird gegenteilig von mir ein Einschluß in das Allgemeine und Gleichzubehandelnde verlangt. Es ist vermutlich gerade diese Wirkungsweise, die die „Exklusionisten“ fürchten: Während sie die Beschäftigung mit Minderheiten, oder besser, Minderheiten-Mehrheiten-Verhältnissen, als zu bagatellhaft-trivial-partikularistisch bis irrelevant charakterisieren, vermuten sie möglicherweise eine weitreichende Verschiebung im Bedeutungsgefüge. Es scheint auch eine gewisse, weiter verbreitete Panik vor dem kleinen, nicht ins allgemeine Bild passen wollenden Mosaiksteinchen zu geben.


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