Zarische Truppen, Krasnaja Poljana, 21.5.1864

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Donnerstag, 6. Juli 2017

Geschichtsvergessenheit unter Historikern: Das Marburger Herder-Institut


Wie mangelhafte Aufarbeitung der eigenen Fachgeschichte, von Ostforschungs- und Altnazi-Vergangenheit heute neue revisionistische Tendenzen begünstigen können

                                                                                                    
                                                                   „Aufgearbeitet wäre die Vergangenheit erst dann,
                                                                   wenn die Ursachen des Vergangenen beseitigt   
                                                                   wären." - Theodor W. Adorno

Einleitung
 
Es wird oft gesagt, daß die Aufarbeitung historischer Greueltaten und ihrer Vorbedingungen, die Beschäftigung mit der Entstehung von Feindbildern und von Polarisierungsdynamiken eine der besten Präventionsmöglichkeiten hinsichtlich des Entstehens neuer Konflikte und neuer völkerrechtlicher Verstöße darstelle. Ob das so ist, hängt natürlich auch von der Art der Aufarbeitung ab (siehe z.B. in Bezug auf deutsche Verhältnisse den Klassiker von Theodor Adorno). In diesem Text möchte ich mich mit Traditionslinien der - nationalsozialistisch konnotierten - Ostforschung beschäftigen und provisorisch mögliche Erklärungen für heutige revisionistische Tendenzen in den deutschen Geschichtswissenschaften und eine apologetische Haltung gegenüber Genozidlegnung darlegen. Mir geht es isgesamt auch um das Verstehen und Aufdecken von Tendenzen, die, aufgrund der Geringschätzung peripherer Zonen samt der dort lebenden Menschen und dezentraler Perspektiven, u.a. zum Übersehen des Wiedererstarkens imperial-nationalistisch-militanter Identitätskonstruktionen in der Rußländischen Föderation geführt haben. 


Auf intensivere Weise hatte ich mich mit bundesdeutschen Ostforschungs-Strukturen bzw. der Nazi-Vergangenheit meines eigenen wissenschaftlichen Faches nicht während meines eigenen geschichtswissenschaftlichen Studiums, zu dem eine diesbezügliche fachliche Selbstreflexion nicht dazugehörte, sondern erst im Jahr 2012 beschäftigt. Im wesentlichen besteht dieser Blogbeitrag auf meiner damalige nachholenden Lektüre und meinen in einem Arbeitspapier zusammengefaßten Recherchen. Die neueren Verhältnisse, die ich in diesem thematsiert hatte, wollte kaum jemand öffentlich zur Sprache bringen. Erinnert habe ich mich an meine früheren Recherchen, als ich im Zuge der kriegerischen Rußland-Ukraine-Konfrontation, ca. Mitte 2014, mit der Historikerin Anna Veronika Wendland in Kontakt kam. Diese ist am Marburger Johann-Gottfried-Herder-Institut angestellt - einer der zentralen Institutionen für die bundestdeutsche Ostforschung nach '45 und Hort von Kontinuitäten erschreckend langer Dauer.




A. V. Wendland wollte ich unbefangen begegnen, obwohl das Wissen um ihre institutionelle Anbindung mich durchaus irritierte; ich hoffte darauf, sie mal in einer ruhigen Minute und auf unspektakuläre Weise nach ihren persönlichen Einstellungen und Umgang mit der belasteten Vergangenheit des Institutes fragen zu können bzw. ihren persönlichen Motiven und Beweggründen für ihre dortige Tätigkeit und nach etwaigen strukturellen Problemen, die zu solch einer Entscheidung führen könnten. Dazu kam es nicht: Wendland fing dann irgendwann an, gegen mein Forschungsprojekt Position zu beziehen und dessen sehr beengten politischen Kontext auf verständnislose, dann ausfällige und persönlich beleidigende Weise zu kommentieren. Danach wurde ihr Vorgehen noch persönlicher bzw. personalisierter - mittlerweile greift sie zu Psychologisierungen. Für mich wurden damit leider Klischees bestätigt und bietet dieses Erlebnis für mich einen aktueller Anlaß, auf meine früheren Betrachtungen, wenn auch immer noch unvollständig und provisorisch gebliebe, wieder zurückzukommen. 


Da meine Schwierigkeiten auf dem Gebiet der Genozidaufarbeitung auf direkter und indirekter Leugnungsabsichten innerhalb akademischer Strukturen bestanden, lag für mich nahe zu fragen, wie eine ablehnende, blockierende Haltung gegenüber Vergangenheitsaufarbeitung innerhalb der deutschen akademischen Gemeinschaft sich (neben z.B. einer virulenten Islamophobie) auch mit der eigenen Fachgeschichte und da dem Nachwirken nationalsozialistischer Forschungstraditionen und (und -programme) zu tun haben könnnte. 

"Ostforschung" und Wissenschaftskonzeption  

Die sogenannte "Ostforschung" ist zwar eng mit dem Aufstieg des Nationalsozialismus verknüft, ihre Ursprünge gehen jedoch bis ins 18. Jahrhundert zurück und speiste sich aus romantisch-völkischen Vorstellungen. Als wissenschaftliches Konglomerat konzentrierte sich die Ostforschung auf das Deutschtum im östlichen Europa, das in Hinblick auf u.a. Sprache, Kultur und Geschichte erforscht werden sollte. Angestrebt wurde mittels ideologisierter bzw. politikabhängiger Studien der 'Nachweis', daß Ost- bwz. Ostmitteleuorpa Teil des "deutschen Volks- und Kulturbodens" sei.

Laut Markus Krzoska: entstand in Form der "Ostforschung" nach dem Ersten Weltkrieg ein "neues wissenschaftlich-politisches Modell [...], um die verlorengegangene deutsche Vormachtstellung in Ostmitteleuropa unter anderen Vorzeichen wiederherzustellen". Hierfür wählte man eine Abkehr von strikt national- und verfassungsgeschichtlichem (bwz. legalistischem) Denken zugunsten einer "Volksgeschichte" - man wollte die Zugehörigkeit der volksdeutschen "Unerlösten" zu Deutschland betonen. In ihrer weiteren Entwicklung verband sich die Ostforschung mit geopolitischen Vorstellungen und Zielen. Man orientierte sich an Rassenkunde, Raumkonzepten und der Vorstellung tief in die Geschichte zurückgehender deutscher Wurzeln östlich der deutschen Staatsgrenzen, die Besitzansprüche begründen könnten (siehe hierzu auch Thekla Kleindienst). 


Charakteristisch für die Ostforschung waren in organisatorischer Hinsicht ihre interdisziplinäre Ausrichtung und ihre politische Funktionialisierung. Wie der Historiker Jörg Hackmann feststellt, wurde die Instrumentalisierung von Forschungsergebenissen auf prinzipielle Weise befürwortet; ab 1933 erfolgte eine Koordination über die "Nordostdeutsche Forschungsgemeinschaft". Es bildete sich ein "Grossforschungsbetrieb" heraus. Zur Abstimmung von Forschung mit politischen Anforderungen und Interessen der Reichsregierung hätte auch gehört, daß politisch mißliebiger Forschungsergebnisse unterdrückt wurden, andere Vorhaben aufgrund ihrer politischen Relevanz dagegen Förderung erfuhren. Die Abhängigkeit von der Politik erzeugte, so könnte man sagen, eine besondere 'Anwendungsorientiertheit' bei gleichzeitigem Verlust von Wissenschaftlichkeit bzw. Objektivität und Entfernung der Studien von einer empirischen Basis.

Unter nationalsozialistischer Herrschaft wurde die Ostforschung zur Legitimationswissenschaft, die der Vorbereitung, Begleitung und Rechtfertigung eines Gewinnes von "Lebensraum im Osten" dienen sollte. Manche der beteiligten Wissenschaftler nahmen sogar direkt am Kriegsgeschehen teil. Corinna R. Unger faßte (im Jahr 2005) den neueren Forschungsstand zu den nationalsozialistischen Verflechtungen dieses Wissenschaftszweigs wie folgt zusammen: "Die bestehenden Arbeiten kommen zu dem Ergebnis, dass zahlreiche Vertreter der deutschen „Ostforschung“ direkt und indirekt an der Legitimation, Vorbereitung und Realisierung der deutschen Territorialansprüche gegenüber Ostmittel- und Osteuropa, ihrer militärischen Eroberung und Besetzung sowie der „Selektion“, „Umsiedlung“, Verfolgung und Vernichtung der dortigen, insbesondere der jüdischen Bevöl-kerung beteiligt waren."

Die "Ostforschung" steht somit beispielhaft für die Verquickung von Wissenschaft, einem totalitären Staatsapparat und einem Kriegsverbrechen begehenden Militär. Wie es teils auch schon in der - ebenfalls anwendungsbezogenen - Kolonialforschung der Fall war (man denke etwa an die Ausführungen in Edward Saids "Orientalism"), konnte die Entkoppelung von der "Realität da draußen" und Außerkraftsetzung von im eigentlichen Sinne wissenschaftlichen Kontrollmechanismen bei gleichzeitiger politischer Indienststellung auch quasi als Selbstläufer die Forschungsgemeinschaft in eine beständige Radikalierungsschleife hineinführen: Wissenschaftler versuchen das politisch Erwünschte zu antizipieren, rivalisieren untereinander mit ihren Analysen, Interpretationen und Handlungsempfehlungen und ringen um Aufmerksamkeit durch Entscheidungsträger. 

Staatsmänner wiederum bauen dann ihre Urteile und politischen Handlungen auf die ihnen dargereichte Expertise, wählen unter Umständen gerade die radikaleren Lösungsversprechen als besonders attraktiv aus. Auch eine derartige Form von "Selbstmobilisierung" und Selbstradikalisierungvon Wissenschaftlern gilt es hinsichtlich des Funktionierens solch eines Wissenschaftsbetriebs und des möglichen Weiterwirkens alter Ostforschungs-Strukturen zu berücksichtigen.

Herder-Institut und Herder-Forschungsrat: Die Neuerfindung nationalsozialisticher "Ostwissenschaften" als antikommunistische Feindforschung nach '45

 
Der Herder-Forschungsrat wurde 1950 in Marburg ins Leben gerufen. Im gleichen Jahr noch gründete dieser als Trägerverein das zugehörige Herder-Institut. Das Institut bekam ein eigenes Gebäude, eine eigene Bibliothek und festangestellte Wissenschaftler. Es handelt sich beim Herder-Institut auch heute noch um ein außeruniversitäres Forschungsinstitut, das eigenständig Projekte durchführen kann, teils auch mit anderen Einrichtungen kooperiert und dabei vor allem geographische und historische Arbeit in Bezug auf Ost- und Ostmitteleuropa leistet.
 

Die ersten beiden Präsidenten des Herder-Forschungsrates waren Hermann Aubin und Eugen Lemberg, die zuvor als Wissenschaftler in nationalsozialistischen Diensten gestanden hatten. Marburg wurde nach dem Krieg, neben Göttingen, zu einem der bedeutendsten Zentren für nationalsozialistische Ostforscher und Wissenschaftler, die aus den Gebieten mit deutschen Minderheiten vertrieben worden waren. Das neu gegründete Herder-Institut diente ihnen als Auffangbecken. Herder-Iinstitut als auch -Forschungsrat wurden auch Jahrzente später noch von diesen sogenannten "Ostforschern" geprägt; zu einem (eher unvollständigen) "Bruch" kam es erst, als 1993 im Zuge eines Generationenwechsels Hans Lemberg, der Sohn des Mitgründers Eugen Lembergs, die Präsidentschaft des Herder-Forschungsrates übernahm. Nationalsozialistische Kontinuitäten schlichen sich also über Alterungsprozesse und personelle Wechsel quasi allmählich aus - wurden weniger von einem scharfen, dezidierten Schnitt beendet.
 

Manche in öffentlichen Augen zu stark belastete Forscher konnten, nach einigen Jahren der Zwangspause vom akademischen Betriebs (aber in den alten Netzwerken verbleibend), u.a am Herder-Institut oder beim zugehörigen -Forschungsrat wieder zu formalen Anstellungsverhältnisse finden. Um sich trotz ihrer belasteten Biographien in der BRD als Wissenschaftler reetablieren zu können, bedienten sich die ehemaligen nationalsozialistischen Ostforscher unterschiedlicher Legitimationsstrategien (siehe Kai Arne Linnemann, Das Erbe der Ostforschung: Zur Rolle Göttingens in der Geschichtswissenschaft der Nachkriegszeit, Marburg 2002, S. 28 ff). Im Zuge einer "pragmatischen Legitimation", so der Historiker Linnemann, hätten sich die Wissenschaftler des Herder-Instituts "konkret nach den akuten Erfordernissen der Politik" gerichtet. D.h. sie stellten "Nützlichkeit" unter Beweise, um ein politisch-moralisches Manko auszugleichen.

Negative Einstellungen gegenüber den USA wurden so etwa in der Eigenpräsentation zurückgestellt, stattdessen bediente man sich des Bildes der "Bolschewistischen Gefahr". Mittels Verweis auf die Gefahr aus dem Osten strich man die Relevanz der eigenen Forschung heraus, ordnete damit das eigene Wirken in die Mechanismen des Kalten Krieges ein. Corinna R. Unger führt ebenfalls aus, daß die ehemalige Ostforschung in Nachkriegsdeutschland sich an die "antikommunistische[...] Westorientierung" und die "politischen Vorgaben des Kalten Krieges" anpaßte. Nach Hackmann (S. 238) dürften sogar auch anfängliche zögerliche Distanzierungensversuche gegenüber bisherigen Ostforschungs-Ansätzen als taktische Manöver verstanden werden, da sie gerade in der Korrespondenz mit Allierten auftauchten, in anderen Schriften der ehemaligen Ostforscher dagegen nicht zu finden waren.  

                                                                                                  
Jörg Hackmann, der der Frage nach Brüchen und Kontinuitäten im Detail nachgegangen ist, findet etwa in der ersten Ausgabe der "Zeitschrift für Ostforschung" eine regelrechte "Beschwörung der Kontinuität" vor. Der Notwendigkeit von Selbstkritik, so Hackmann, habe man sich in den 1950ern u.a. über die Gedankenfigur bzw. verbale Rechtfertigung entzogen, daß Historiker ohnehin nicht gehört würden und auf die Entscheidungsfällungen in der Politik keinen Einfluß hätten - also für die Politik weitgehend irrelevant seien. Auch tat man so, als ob die Schuldbekenntnisse deutscher Wissenschaftler den "Weltkommunismus" stärken würden, man von diesen also keine konstruktive Wirkungsweise erwarten dürfe.
Auf inhaltlich bzw. konzeptueller Ebene hielt man ebenfalls an einigen Prämissen und Charakteristika der alten Ostforschung fest. So ging es (nach Thekla Kleindienst, S. ) in Ostforschungs-Studien weiterhin darum, die Zugehörigkeit der verlorenen Ostgebiete zu Deutschland 'wissenschaftlich' zu belegen. Auf der Gründungsversammlung des Herder-Forschungsrates und Herder-Instituts im April 1950 definierte Hermann Aubin (zitiert nach Hackmann, S. 248) die Zielsetzung der Forschungseinrichtung wie folgt:
 

"Einerseits muß im Interesse des deutschen Volkes im allgemeinen und der ostdeutschen Heimatvertriebenen im besonderen die Tradition der deutschen Ostmitteleuropaforschung weitergeführt werden; andererseits aber muß die Ostausbreitung der abendländischen Kultur festgestellt werden, die durch ihre Vermittlung weit über die Ostgrenze des deutschen Volksbodens hinausgedrungen ist. Die Völker am Ostrande des deu[t]schen Sprachgebietes müssen sich trotz ihrer gegenwärtigen Einverleibung in die osteuropäisch-asiatische Machtsphäre wieder ihrer kulturellen Zugehörigkeit zum Abendlande bewußt werden, das mit seiner ehrwürdigen Kultur und seiner Gewissens- und Geistesfreiheit wieder für alle west- und mitteleuropäischen Völker die ersehnte Heimat werden soll."
 

Das Abrücken von einer strikt germanozentrischen Haltung zugunsten einer stärkeren Betonung westlich-abendländischer Identität und das Streben nach Dialog mit den "Völker[n] am Ostrande" ist nicht nur weiterhin von Ethnozentrismus und insbesondere Vorstellungen von einer asiatischen Barbarei sowie dem damit einhergehenden Überlegenheitsdünkel geprägt, es schmeckt auch weiterhin nach staubiger, abgehangener völkischer Romantik und einem essentialistischen Kulturverständnis. Eventuell bietet gerade der Gedanke der "kulturellen Zugehörigkeit" dieser und jener ost(mittel)europäischer Länder zu Westeuropa heute auch, im Zuge einer nur teilreformierten bzw. oberflächlich reformierten Osteuropaforschung, neue Ansatzpunkte für die Verbindung von wissenschaftlichen Diskursen mit politischen Zielsetzungen. Selbst heutige EU-Diskurse können in essentialistischere Logiken, in deren Zuge das "Abendländische" betont wird, verfallen.
 

Trotz vorhandener Bedenken konnte die Ostforschung in der Nachkriegszeit erneut zum Politikberatungsinstrument werden und begaben sich Wissenschaftler damit in weitere/fortgesetzte Abhängigkeit von äußeren Strukturen und Konjunkturen (nach Thekla Kleindienst, S. 10): 

"Die Politik ihrerseits konnte nur jene Arbeitsergebnisse sinnvoll verwerten, die dem politischen Kurs nicht entgegensteuerten. [...] Verbunden hiermit ist die eindeutige ideologische Instrumentalisierung der bundesdeutschen Ost(-europa-)forschung.".
 

In Hinsicht auf mögliche strukturelle Kontinuitäten könnte dieser historische Umstand bemerkenswert sein, denn mir scheint, daß sich in den Osteuropawissenschaften kein besonders ausgeprägter Widerstandsgeist etablieren konnte, es innerhalb der Fachdiziplin nur ungenügend eingeübt wurde, wissenschaftliche Autonomie zu vertreten und eigene Akzente und Inhalte zu setzen statt anderweitig beschlossene, fachexternen Agenden zu folgen.. Eine ungünstig enge Beziehung zwischen Politik und Wissenschaft kann u.a. zu einer zu starken Orientierung (schlimmstenfalls recht kurzgedachten) Nützlichkeitserwägungen führen, damit würde dann - im Gegensatz zu humanistischen Ansprüchen - ein sehr instrumentelles Wissenschaftsverständnis gepflegt und "normalisiert".
 

Ab den 1960ern soll sich laut der Fachliteratur innerhalb der Ostforscherkreise eine stärker 'wissenschaftliche' Haltung entwickelt haben. Die pragmatische Legitimation sei, so Linnemann (S. 30), allmählich durch eine "akademische Legitimation", d.h. eine stärkere Betonung der Ausrichung an wissenschaftlichen Prinzipien ersetzt worden. An den Verbindungen zur Ostpolitik hielt man jedoch fest. Durch eine Hinterfragung des Wissenschaftsverständis der früheren Ostforschung erreicht worden sei somit lediglich, gemäß Linnemann, eine "Teilung in eine alt-pragmatisch und eine neu-pragmatisch orientierte Fraktion: im Geiste neuer Ostpolitik galt es eben, auch die Chancen zur Verständigung mit den vorher herabgesetzten Völkern im Osten aktiv zu sondieren und auch für die Politik zu gutachten."

Im Zuge des Tauwetters bzw. der Phase der internationalen Entspannung wurden verschiedene Aspekte der Ostforschung, z.B. die Vertriebenenforschung, die als politisch nicht mehr korrekt eingestuft wurden, dann tatsächlich obsolet; ebenso wie Forschung, die sich mit Revision der deutschen Ostgrenze auseinandersetzte und die dann auch ad acta gelegt wurde. Es rückten "Dialog", Kooperation mit Wissenschaftlern in anderen Ländern sowie Völkerverständigung noch stärker in den Fokus. Thekla Kleindienst schreibt (S. 10): "Gefragt waren Untersuchungen, welche die Staaten des sowjetischen Einflussbereichs als selbständige Subjekte, nicht mehr als Objekte der deutschen Geschichte betrachteten. Der kulturelle und wirtschaftliche Dialog hatte ebensowie der politische an Bedeutung gewonnen." Kleindienst meint, in den 1990ern sei dann endgültig das Motiv der Erforschung des politischen Gegners weggefallen. Jedoch urteilt sie andererseits auch (S. 12), daß die deutsche Osteuropaforschung nach wie vor "wie wohl kaum eine andere Wissenschaft von wissenschaftlichen und politischen Umtrieben gekennzeichnet" sei.
 

Der "Bruch" in den 1990ern vollzog sich nicht ausschließlich in Form eines Generationenwechsels, sondern läßt sich auch an veränderten Begrifflichkeiten ablesen. So wurde im Jahr 1995 etwa die "Zeitschrift für Ostforschung" in "Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung" umbenannt. Hierzu gibt Jörg Hackmann allerdings zu bedenken:

"Wenn erst das Ende der Nachkriegszeit zur Abkehr vom Begriff „Ostforschung“ geführt hat, drängt sich die Frage auf, ob in der jahrzehntelangen Verweigerung, die eigene Tradition kritisch zu reflektieren, nicht doch Relikte der „politisch motivierten Wissenschaftsrichtung“ zu erkennen sind, von der sich das reformierte Herder-Institut nun explizit abgrenzt."
 

Um dieses Unterkapitel kurz zusammenzufassen: Die ehemaligen Ostforscher erfanden sich nach dem Krieg nach außen hin neu, transformierten ihre Forschungsprogramme gemäß aktueller politischer Zielsetzungen (inklusive einer veränderte Haltung gegenüber den früher als Konkurrenz gedachten Völkern bzw. Nationen), boten sich aber wiederum der Politik als unverzichtbare „Experten“ an. Auch wenn sich somit inhaltlich einiges gewandelt hatte, ist die Frage nach Kontinuitäten auf Ebene gewisser grundlegender Mechanismen und der der Wissenschaftskonzeption weiterhin zu stellen. So vermute ich, daß nach der Sinnkrise der 1990er die alte Feindforschung (in Bezug auf den Ostblock) doch auch transferiert wurde in neue Großforschungsprojekte, die vorgeben, sich neuer Problems, u.a. denen des internationalen Terrorismus, des "Islamismus", der Zerstörung/Zersetzung von "Ordnungen" und Staatsgewalt sowie der "Aufstandsbekämpfung" zu widmen. Damit wären dann, nach einer kürzeren Sinnkrise in den 1990ern, aus der alten Systemkonfrontation erwachsene Feindbilder durch neue, zeitgemäßere Feindbilder lediglich ersetzt worden.
 

Eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Fachgeschichte hat in den Osteuropa-Wissenschaften wie bereits erwähnt als breiteres, nennenswertes Phänomen erst in den 1990er Jahren eingesetzt. In einigen Bereichen verlief die Aufarbeitung aber auch dann noch schleppend und eher widerwillig. Im Vergleich zu anderen Disziplinen setzen sich die deutschen Geschichtswissenschaften insgesamt eher wenig mit unguten Verflechtungen und der Instrumentalisierung von Forschung und Lehre auseinander. Das sollte eigentlich erstaunlich sein bei einer Profession, deren Metier die Vergangenheit und unser Umgang damit ist. Laut Markus Krzoska stammten wichtige Impulse zur Aufarbeitung nationalsozialistischer Verflechtungen und Kontinuitäten in der Ost(europa)forschung denn auch von außen:  

"Es scheint ein Charakteristikum der Beschäftigung mit schwierigen Themen der eigenen Geschichte bzw. Geschichtsschreibung zu sein, daß die eigentlichen Anstöße dafür von außen erfolgen. Angesichts des Weiterwirkens personeller Netzwerke und klassischer Lehrer-Schüler-Beziehungen, verbunden mit der Dominanz bestimmter Wissenschaftler im nationalen Rahmen, ist dies nicht weiter verwunderlich."
 

Ruft man heute z.B. die Webseite des Herder-Forschungsrates auf, so findet sich dort sehr wohl eine Rubrik mit der Bezeichnung "Geschichte". Dort werden die Präsidenten des Rates seit dessen Gründung chronologisch aufgelistet. Eine kritische Auseinandersetzung mit den institutionellen Kontinuitäten zur ehemaligen Ostforschung fehlt jedoch ebenso wie jeglicher Hinweis auf persönliche Verstrickungen gleich mehrer Forschungsrats-Präsidenten mit dem Nazi-Regime. Der öffentliche Auftritt dieser Einrichtung ist ausschließlich im Ton einer positiven Selbstdarstellung gehalten. Lediglich ein einzelner kurzer Beitrag Jörg Hackmanns zu einem "Handbuch der völkischen Wissenschaften" wird in den Literaturhinweisen erwähnt.


Das 60-jähige Jubiläum (im Jahr 2012): Ein Institut feiert seine Nazi-Gründer  


Einen Eindruck vom neueren Umgang mit der eigenen institutionellen Vergangenheit erhält man über die Betrachtung einer Ausstellung, die anläßlich des 60-jährigen Jubiläums des Herder-Instituts, das im Jahr 2012 stattfand, konzipiert wurde. Die Ausstellung ist in Form von 60 Tafeln auch online einsehbar. Redaktionell verantwortlich für die Ausstellung waren Dorothee M. Goeze und Peter Wörster.
 

Dorothee M. Goeze ist eine vergleichsweise jungeHistorikerin und Sprachwissenschaftlerin (geboren offenbar 1968), die am Herder-Institut als Sachbearbeiterin angestellt ist. Peter Wörster war bis zu seiner Pensionierung im Februar 2016 am Herder-Institut in Marburg tätig, hatte auch in Marburg studiert und danach an der Marburger Universität seine Promotion abgelegt. Über dieses Personal und die von ihm verantwortete Ausstellung kann man einen Blick auf die Marburger geistige Verfaßtheit auch nach dem "Bruch" der 1990er Jahre richten.Es zeigt sich: Herder-Institut und -Forschungsrat gehen bis heute verdruckst mit ihrer institutionellen Vergangenheit um. Mit der Aufarbeitung der eigenen Fachgeschichte, dem (politischen) Umgang mit ehemaligen Ostforschungs-Netzwerken und der Entwicklung eines kritischen Bewußtsein für die eigene gesellschaftliche Verantwortung scheint man sich in Marburg auch 2010 noch schwer getan zu haben. Dies übrigens zu der Zeit, in der Anna Veronika Wendland bereits wissenschaftliche Mitarbeiterin der Direktion des Herder-Instituts gewesen sein muß.

Zu einem früheren Zeitpunkt, im Jahr 1985 anläßlich des 100. Geburtstags von Herrmann Aubin, hatte die Institutsleitung noch schlichtweg behauptet gehabt, eine Traditionskritik sei nicht erforderlich, da Hermann Aubin das Fach modernisiert habe (siehe Jörg Hackmann, S. 234). Die Ausstellung zum 60-jährigen Institutsjubiläum legt dann immerhin auf der Eingangstafel kurz und lapidarisch dar, daß der "politische Hintergrund des Gründungsprozesses [...] nicht unproblematisch" gewesen sei und fährt mit einer vermeintlichen Ausweitung des Blickes auf die deutschen Geschichtswissenschaften im Allgemeinen fort: 


"Generell war der „Neu“beginn der deutschen Geschichtswissenschaften nach 1945 durch die vorherige Tätigkeit vieler Historiker und Archivare NS-Kultur- und Wissenschaftsverwaltung der deutsch besetzten Gebiete oder in der nationalsozialistischen Version der „Ostforschung" belastet".

Eine Einordnung in "allgemeine" Tendenzen und Problematiken ist insofern besonders irreführend, als sie der herausgehobenen Rolle Marburgs im Wiederaufbau der Ostforschung und der Funktion des Herder-Instituts als Sammelbecken für ehemalige nationalsozialistische Ostforscher nicht gerecht wird. Die Spezifik des Instituts in dieser Hinsicht gerät auf den Ausstellungstafeln außer Blick. Mehr zu den nationalsozialistischen Verstrickungen des Marburger Instituts erfährt man auch auf den gesamten übrigen Ausstellungstafeln nicht. Anstelle kritischer Verweise und ernstgemeinter Erklärungen zum historischen Kontext bzw. den politischen Implikationen von "Ostforschung" und unverschleierter biographischer Vermerke finden sich etliche weitere problematische Passagen, mittels derer Teile der nationalsozialistischen Vorgeschichte und Kontinuitäten des Instituts verharmlost, versteckt, in Rücksichtnahme auf heutige politische Befindichkeiten umgeschrieben werden.

Es werden zwar einige Gründungsmitglieder benannt und zum Geist des intellektuellen Unternehmens zitiert; ihre Aussagen werden jedoch oft kaum erklärt, durch die Ausstellungsmacher nicht auf sinnvolle Weise eingeordnet und gewertet, so daß der politische Hintergrund dem Leser nicht recht klar wird. Besonders gravierend ist diese Unterlassung angesichts der oftmals bestenfalls mehrdeutigen Lesbarkeit der entsprechenden Auszüge (siehe etwa Tafel 1-2). So wird z.B. ein Herbert Schlenger zu Gottfried Herder angeführt mit der Denkfigur, es habe der Deutschen als Kulturträger bedurft, um die zurückgebliebenen Völker im Osten zu „erwecken“. Eine solche Sichtweise ist typisch für ein rassistisches Geschichtsbild, wie es von nationalsozialistischen Historikern vertreten wurde (siehe hierzu Thomas Schöbel, S. 238-239, oder auch Jörg Hackmann, Contemporary Baltic History and German Ostforschung, 1918-1945. Concepts, Images and Notions. In: Journal of Baltic Studies, Vol. 30, No.4, S. 322-337, hier S. 327). Gerade hier hätte es also eines kritischen Kommentares bzw. weiterer Erklärungen bedurft.

Auch der Verweis der Ausstellungsmacher auf die Existenz „transnationaler“ Forschungstraditionen, die bis in das 19. Jahrhundert zurückreichten (Eingangstafel), scheint bewußt das Ziel zu verfolgen, beim uninformierten Leser den Eindruck zu erwecken, das Forschungsprogramm seie frei von völkischen Interessen gewesen. Von den Ausstellungsmachern unterschlagen bzw. als Information nicht mitgeliefert wird, daß die nationalsozialistischen Forschungstraditionen ihrerseits auch bis ins 19. Jahrhundert zurückreichten (Siehe z.B. Jörg Hackmann, Contemporary Baltic History and German Ostforschung, 1918-1945. Concepts, Images and Notions. In: Journal of Baltic Studies, Vol. 30, No.4, S. 322-337, hier S. 323 ). Ebenso lief das, was auf den Ausstellungstafeln, angenehm für's heutige Ohr, als "transnationaler" Ansatz beschrieben wird, auf ein politisch motiviertes Forschungsprogramm zur Untermauerung von Gebietsansprüchen jenseits der bestehenden Landesgrenzen hinaus.

Die Kurzbiographien der frühen Direktoren des Instituts erwähnen deren nationalsozialistisches Wirken mit keinem Wort. Auf nassforsche Weise wird stattdessen – ebenfalls unkommentiert – ein Gedicht auf die Tafeln übernommen, das bereits 1960 anläßlich des 10-jährigen Jubiläums von einem Mitarbeiter des Herder-Instituts als Rückblick verfaßt worden war. Bei seiner Lektüre schmerzt nicht nur die sprachliche Holprigkeit, sondern vielmehr auch eine Mischung aus Verschleierung und Heroisierung des nationalsozialistisch eingefärbten Gründungscharakters des Instituts:



Gleich zu Beginn reimt man zu Ehren der alten Ostforscher: 


Als 1950 – nach Jahren der Not sich zeigte wieder Morgenrot, kamen Männer nach Marburg voller Vertrauen, um Zerschlagenes wieder aufzubauen. Diese Männer, die die Heimat mußten verlassen, die nur noch ihr Wissen und ihren Glauben besaßen, wurden von dem Gedanken getragen, ein Werk ohne Politik zu wagen.

Diese Zeilen lesen sich nur dann als harmlos-ungelenker, dümmlicher Festbeitrag, wenn man die biographischen Hintergründe der Institutsgründer und die Situation der damaligen Ostforschung nicht kennt. Mit dem entsprechenden historischen Kontext offenbart sich die Doppeldeutigkeit dieser Zeilen: Die „Jahre der Not“ lassen sich nicht nur als Kriegsjahre deuten, sondern auch auf den biographischen Einbruch beziehen, den die Wissenschaftler des Dritten Reichs aufgrund ihrer Verflechtung mit dem Naziregime in der unmittelbaren Nachkriegszeit erlitten hatten. Nach Jahren der Ungewißheit, des Ausschlusses aus akademischen Institutionen und provisorischen, oft informellen Beschäftigungen bekamen einige von ihnen gerade über die Einrichtung des Herder-Instituts erneut eine Chance auf Fortsetzung ihrer vom Regimewechsel und der Entnazifizierung unterbrochenen Karrieren.

Die Formulierung "Werk ohne Politik" wirkt verschleiernd, entspricht aber den frühen Öffentlichkeitsstrategien der Marburger Forscher, wie sie in der jüngeren Fachliteratur zur Transformation der alten "Ostforschung" festgestellt wurden, d.h. man präsentierte sich als entpolitisiert. Angesichts des Festhaltens an nationalsozialistischen Einstellungen und Forschungsansätzen sowie einem nostalgischen wie irredentistischen Blick auf die "Ostgebiete" erhält das Sprechen von Zielen wie „Zerschlagenes wieder aufzubauen“ dagegen einen geradezu bedrohlichen Unterton, auch wenn im Zweifelsfall nur die Ostforschungs-Strukturen selbst gemeint gewesen sein könnten.

Worin sollte ferner der „Glauben“, den diese Wissenschaftler sich hätten erhalten können, bestanden haben? Bzw. an was glauben nationalsozialistisch geprägte Wissenschaftler nach dem Scheitern des zugehörigen staatlichen Projektes? Deutet dieser der letzte Teilsatz des oben zitierten Abschnittes an, daß eine Gruppe überzeugter Wissenschaftler ihr ideologisches Werk auch ohne die alten politischen Rahmenbedingungen weiterzuführen bereit war? Eine vergleichbare Ambivalenz ist auch im letzten Satz der Strophe enthalten: „Ganz der Wissenschaft hatten sie sich verpflichtet, und den Blick nach Osten gerichtet.

Auffällig sind auch Bezugnahmen auf Herder, die dessen Beitrag zu Völkerverständigung hervorzuheben und die Einrichtung selbst in humanistische Traditionen zu stellen suchen. Dies führt uns jedoch auf allgemeinere Weise zur Frage nach dem Verhältnis des Instituts zu seinem Namenspatron.

Der Namenspatron: Humanistische oder nationalsozialistische Bezüge? 


Wie selbstverständlich beriefen sich die Ausstellungsmacher auf den Namenspatron des Institutes und werden damit gegenüber Lesern, die keine Kenntnisse von alten Ostforschungs-Traditionen haben, den Eindruck einer soliden humanistischen Grundlage, auf dem die Konzeption des Forschungsinstituts von Anfang an geruht hätte, erweckt haben. Erwähnt werden allerdings schon recht bald, auf ambivalent und verdeckt formulierte Weise, die Beiträge Herders "zu einer Überwindung der einseitig rationalistisch orientierten Aufklärung in West- und Mitteleuropa sowie zu einer aus den (ost-)deutschen Voraussetzungen mit ihren Nachbarschaften zu Slawen und Balten entwickelten geistigen Neuorientierung". 


Noch unangenehmere Töne klingen an, wenn die kulturverbindenen Elemente des Geistes Herders beschworen werden sollen. Der Ausstellungstext greift auf ein Geleitwort eines frühen Herder-Mitarbeiters zurück, läßt aber durch fehlerhaftes Zitieren (fehlende Markierung des Zitatendes per Anführungszeichen) auf merkwürdige, vielleicht schon freudsche Weise die Grenzen zwischen damaliger Einschätzung und heutiger Wiedergabe samt Bewertung/Einordnung verschwimmen. In Herder, so heißt es, hätten die Deutschen einen "Großen ihres Volkes" verehrt, während "die nicht-deutschen Völker Ost-Mitteleuropas" in dem Gelehrten den "Erwecker ihres kulturellen Eigenlebens" achten würden. Wer so formuliert bzw. ein solches Zitat ohne erkennbare eigene Distanzierung und geistesgeschichtliche Einordnung anführt, scheint in zentralen Bereichen nicht über nationalsozialistisch-völkisches Gedankengut hinausgekommen zu sein.
 

Vor dem Hintergrund der frühen Ausrichtung des Instituts erscheint ohnehin fraglich, ob mit der Bezugnahme auf Johann Gottfried Herder wirklich dessen humanistisches Erbe im Fokus stand. Laut zweier DDR-Historiker, die sich mit der Herder-Rezeption der Nationalsozialisten und der darauf aufbauenden Rezeption im späteren Marburger Institut eingehender beschäftigt haben, hätten die Nationalsozialisten z.B. mit den kulturrelativistischen Sichtweisen Herders nur wenig anfangen können. Die Arbeit von Herbert Lindner und Dieter Dünger zu der Ausrichtung des Herder-Instituts und der Bedienung bei Herder zur Errichtung einer humanistischen Fassade ist selbst tendentiös und auch sprachlich deutlich eingefärbt, jedoch macht bereits das eingearbeitete Quellenmaterial den DDR-Aufsatz trotzdem lesenswert. Die spezifische völkische Auslegung Herders durch die deutschen Nationalsozialisten läßt sich zudem auch beim westdeutschen Historiker Werner Paravicini nachlesen.

Es drängt sich in der Zusammensicht unterschiedlicher Quellen und Forschungsarbeiten der Eindruck auf, daß das Institut mit der Namensgebung an eine ganz besondere, spezifisch nationalsozialistische Herder-Rezeption und damit auch an die geistigen Traditionen wie institutionellen Strukturen der alten Ostforschung anknüpfen wollten. Wie einer der Mitbegründer des Herder-Instituts im Jahr 1950, noch in der Planungsphase ausführte (zitiert nach Hackmann , S. 247), hätten sich Namen mit Bestandteilen wie "Ost-" , "Raum-" und "Abendland" nicht für das Institut geeignet, da sie in politischer Hinsicht zu viel Aufmerksamkeit erregt hättten. Ein unverfänglich wirkender deutscher Gelehrter wurde für die Namensgebung als geeigneter angesehen; es hieß erklärend zum Vorschlag, Herder als Institutspatron zu wählen: "Bei Herder kannn, aber muß nicht an Riga gedacht werden. Der Name muß ganz unpolitisch klingen, logisch braucht er weniger sein."
 

Warum an Riga denken? Der etwas obskure Verweis auf die Hauptstadt des heutigen Lettland erschließt sich einem erst dann, wenn man weiß, daß das Marburger Herder-Institut nicht das erste Institut zur Erforschung Osteuropas gewesen war, das diesen Namen trug. Es hatte von 1921 bis 1939 eine gleichnamige Einrichtung in Riga gegeben, die von einem deutschbaltischen Wirtschaftswissenschaftler namens Wilhem Klumberg gegründet worden und auf "Volkstumsarbeit" ausgerichtet gewesen war. Ein Jürgen von Hehn, von dem auch noch weiter unten die Rede sein soll, hatte ab 1937 am Rigaer Herder-Institut gearbeitet und wurde später Mitglied des Forschungsrates des bundesdeutschen Herder-Instituts in Marburg und sorgte damit für eine gewisse Kontinuität auf zumindest persönlicher Ebene. Im Jahre 1981, also während seiner Tätigkeit als Forschungsrat am Marburger Herder-Institut, veröffentlichte von Hehn in der "Zeitschrift für Ostforschung" einen Aufsatz zur Geschichte des Rigaer Instituts, dessen Darstellungsweise der polnische Historiker Jan M. Pisorsksi als "sehr geschönt" bezeichnet.

Ebenfalls zu bedenken ist, daß im Jahr 1935 auch ein Johann-Gottfried-von-Herder-Preis ins Leben gerufen wurde, mit dem im Ausland lebende Deutschstämmige ausgezeichnet werden sollten. Mit diesem Preis wurde z.B. Wilhelm Klumberg, Gründer des Herder-Instituts in Riga, im Jahr 1940 beehrt. Mitglied des Kuratoriums des Preises war Walther Ziesemer, der 1934 den Wahlaufruf "Deutsche Wissenschaftler hinter Adolf Hitler" unterschrieben hatte. Wie auf der Ausstellungstafel zu "Johann Gottfried Herder" des Marburger Herder-Instituts zu lesen ist, sei es gerade Ziesemer gewesen, der vorgeschlagen habe, Herder als Namenspatron für die neue bundesdeutsche Einrichtung zu wählen.
 

Man sieht also bereits anhand solcher einzelner Berührungspunkte und sporadischer Verweise, daß für die Marburger Wissenschaftler eine historische Vorbildfunktion des Rigaer hochschulähnlichen Instituts durchaus präsent war. Tatsächlich hatten die Gründer der Marburger Institution sogar noch überlegt, die Bezeichnung "Herder-Institut zur Erforschung des abendländischen Ostraums" zu wählen (womit auch die Kontinuitäten auf Ebene theoretisch-methodischer Programme deutlicher herausgestellt worden wären), nahmen dann aber doch Abstand hiervon zugunsten eines neutraleren Namens (Hackmann, S. 247).

Auch wenn die mögliche Vorläuferfunktion des Herder-Instituts in Riga vom heutigen Herder-Institut selbst nicht erwähnt wird, so wird dort durchaus an Leben und Werk von Karl Alexander Keller erinnert, der ab 1930 Vorsitzender der Herder-Gesellschaft und Träger des Herder-Instituts in Riga, gewesen war. Gedacht wird seiner unter der Schlagzeile "Seelsorger und Politiker der Deutschbalten". Kritische Verweise auf die Verflechtung Kellers mit nationalsozialistischer Politik fehlen in dem eher kurzen Beitrag völlig. Daß seine Person aufgrund eines "bloßen" wissenschaftsgeschichtlichen Interesses an der Archivierung seines Nachlassen auf der Webseite des Marburger Instituts auf diese Weise abgehandelt wird, darf man bezweifeln. Beim fraglichen Text handelt sich tatsächlich um eine Würdigung anläßlich seines Todestages.
 

Das Marburger Herder-Institut hält auf seiner Webseite sogar Informationen über das Rigaer Herder-Institut bereit (unterhalb des Eintrags finden sich gerade die Namen der Ausstellungsmacher als Autoren) allerdings ohne den geistesgeschichtlichen Kontext und die politischen Dimensionen der damaligen "wissenschaftlichen" Tätigkeiten allzu deutlich zu schildern. Als Literaturangabe wird ein Aufsatz Peter Wörsters geliefert, den dieser 2006 in der Fachzeitschrift "Baltica" zur Geschichte des Herder-Instituts veröffentlicht hatte. Es heißt auf der Webseite des Marburger Instituts am Ende des recht kurzen Beitrags dreist:

 "Das Herder-Institut Riga war eine Hochschule. Das 1950 in Marburg gegründete Herder-Institut ist eine Einrichtung für die historische Ostmitteleuropaforschung. Beide verbindet der Namenspatron Johann Gottfried Herder, jedoch keinerlei institutionelle Kontinuität."
 

Die Ambivalenz bzw. Polysemie von Bezugnahmen auf Herder als Patron für Osteuropa-Wissenschaften, die Existenz von sowohl einer humanistischen wie auch nationalsozialistischen Herder-Tradition, muß den Institutsgründern, die, um mit den Worten des ehemaligen Ostforschers Johannes Papritz zu formulieren, das Institut „aus der politischen Dreckzone“ heraushalten wollten, zupaß gekommen sein.

Vom "Geist des Ortes": Die Hensel-Villa  


Daß ein Gedicht aus dem Jahr 1960 für die Jubiläumsausstellung von 2012 erneut - und ohne kritische, distanzierte Kommentierung - abgedruckt wurde, legt nahe, daß es nicht nur der "Geist Herders" war, der durch die Räume dieser altehrwürdigen Einrichtung wehte, sondern auch ein revisionistisch-apologetischer Geist.

Die Ausstellungsmacher schreckten offenbar nicht davor zurück, über die Figur von Kurt Hensel, des ehemaligen Besitzers der Hensel-Villa, Traditionen jüdischen Kulturschaffens für sich zu reklamieren (Tafel 3-4). Die Verfolgung von Mitgliedern der Hensel-Familie durch die Nationalsozialisten wird, inklusive der Ermordung von Kurt und Gertrud Hensel, zwar erwähnt, aber nicht in Zusammenhang mit der nationalsozialistischen Orientierung der früheren Ostforscher gebracht. Implizit wird so für die Institution - über deren räumliche Unterbringung - eine Art von Widerstands-Tradition und Opfer-Genealogie konstruiert.

Statt kritischer Hinweise auf den Entstehungskontext des Instituts wird auf weiteren Ausstellungstafeln pikanterweise dessen „genius loci“ beworben: 




Die Frage, wie die Hensel-Villa nach Kriegsende zum Sitz einer Forschungseinrichtung werden konnte, deren führendes Personal den ehemaligen Ostgebieten hinterhertrauerte und teilweise sogar selbst in nationalsozialistische Verbrechen verstrickt war, wurde ausgeklammert. Stattdessen hoben die Ausstellungsmacher den inneren Widerstand das baltendeutschen Schriftstellers Werner Bergengruen, des Ehemanns einer der Töchter Hensels, sowie dessen Interesse an Ostthemen hervor und erwecken dabei den Anschein eines ursachlichen Zusammenhangs mit dem Wirken des späteren Herder-Instituts (Tafel 5-6).

Hensel-Villa; Quelle: Wikimedia
 Um zumindest grobe Informationen darüber zu erhalten, wie die Villa in der Nachkriegszeit in den Besitz des Herder-Instituts gelangte, muß man extern suchen. Ich konnte bislang lediglich auf der Webseite des Marburger Oberbürgermeisters den knappen Hinweis finden, das Johann-Gottfried-Herder-Institut habe das Gebäude von der "Erbengemeinschaft Hensel/Bergengrün" erwerben können - gemeint sind damit Charlotte Hensel, die jüngste Tochter Kurt Hensels und ihr Eheman Werner Bergengrün, den sie 1919 geheiratet hatte.
 

Tatsächlich war Bergengrün mehrfach in Marburg zu Gast und hielt dort auch Vorträge. Sich die Begegnungen Bergengrüns, dessen Frau mehrere Verwandte an die Vernichtungspolitik der Nazis verloren hatte, mit nur halb oder kaum reformierten Wissenschaftlern, die zuvor mit dem Naziregime kooperiert hatten, als frei von inneren Spannungen vorzustellen, fällt jedoch schwer. Es wäre sicherlich interessant, mehr über die Hintergründe solcher Begegnungen zwischen Angehörigen der früheren Opfer- und Täterseite zu erfahren und deren damalige Bewertung durch die unterschiedlichen Beteiligten zu beleuchten (falls zugänglich). Das Herder-Institut vermittelt ein solches historisches Kontextwissen aber nicht.

Nationalsozialistisches Beutegut in den Beständen der Herder-Bibliothek?

In der Bibliothek des Herder-Instituts sollen sich jüngeren Nachforschungen zufolge ca. 300-400 Bücher befinden, die aus ostmitteleuropäischen Bibliotheken stammen und bei denen es sich um Raubgut handeln könnte. Ein baltendeutscher Historiker names Jürgen von Hehn, der maßgeblich am Kulturraub in den von Deutschland besetzten Gebieten in Osteuropa beteiligt war, ab 1940 in Posen eine nationalsozialistische "Buchsammelstelle" leitete und ab 1941 in nationalsozialistischem Auftrag lettisches und russisches Kartenmaterial zusammentragen sollte, ließ die aus u.a. aus Riga, Dorpat, Kiew und verschiedenen Zarenschlössern geraubte Kulturgüter per Bahn ins Deutsche Reich verschicken. Laut Michael Fahlbusch, das sei nur nebenbei gesagt, war Hehn sogar an Selektions- und Erschießungsaktionen der SS beteiligt.
 

Hehn hatte explizit verlangt, als "kämpfender Wissenschaftler" an der Ostfront auch in militärischer Hinsicht eingesetzt zu werden und diente sich bis zum SS-Untersturmführer hoch. Nach dem Krieg erhielt Hehn vom Herder-Forschungsrat und dem Auswärtigen Amt zunächst einzelne Forschungsaufträge, mit denen er sich trotz seiner belasteten Vergangenheit als Ostforscher über Wasser halten konnte. Von 1979-1983 konnte er dann wieder offiziell Mitglied im Herder-Forschungsrat sein. Laut Michael Fahlbusch (zitiert nach Kai Arne Linnemann: "Das Erbe der Ostforschung, Zur Rolle Göttingens in der Geschichtswissenschaft der Nachkriegszeit, Marburg 2002, S. 70) soll über Hehn Raubgut auch in die Bibliothek des Herder-Instituts gelangt sein. Kai Arne Linnemann bewertet dieses "materielle Erbe der Ostforschung" als eine "unmittelbar auch heute noch präsente Anklage des damaligen Handelns" (ebd.).
 

Die Universitätsbibliothek Marburg, mit dem Problem ähnlicher Altlasten konfroniert, bemüht sich, die Herkunft von Büchern zurückzuverfolgen und diese gegebenenfalls an ihre rechtmäßigen Besitzer zurückzugeben, sie hat dazu eine öffentlich zugängliche Datenbank angelegt:


Es geht auch anders: "Displaced Books" an der Universitätsbibliothek Marburg

In einer Fußnote der Historikerin Anja Heuß findet sich (allerdings ohne weitere Quellenangaben) der Hinweis, im März 1994 seien ca. 200 Bücher, das das Herder-Institut 1964 erhalten hatte, an die Ukraine restituiert worden. Eine Liste der "Beutebücher" im Herder-Institut läge vor - unklar bleibt, ob der Autorin selbst eine solche Liste vorlag, oder ob das Herder-Institut nachgeforscht und eine entsprechende Aufstellung selbst angefertigt hatte. Auf der Webseite des Herder-Instituts konnte ich keine Hinweise auf Bemühungen finden, die denen der Universitätsbibliothek Marburg gleichkämen. Ich konnte dort nicht einmal auch nur einen Hinweis auf die mutmaßliche Herkunft eines Teils des Bücherbestandes aus nationalsozialistischen Kunst- und Kulturraubzügen und etwaige bereits stattgefundene Restitutionen ausfindig machen. Zum Bestandsaufbau erhält man auf der Webseite lediglich folgende Informationen:
 

"In den Anfangsjahren kamen so geschlossene Bestände (etwa die aus den USA zurückgegebenen Bibliotheksbestände der "Publikationsstelle Berlin-Dahlem") oder Sammlungen aus privater Hand in unsere Bibliothek. Unsere Bestandsschwerpunkte liegen deutlich im 19. bis 21. Jahrhundert; wir besitzen jedoch auch eine verhältnismässig grosse Auswahl an Titeln (Rara) aus der Zeit vor 1800. Uns war es immer wichtig, ohne inhaltliche oder ideologische Scheuklappen zu sammeln. Deshalb sind bei uns etwa für die Zeit des "Kalten Krieges" sowohl ideologisch geprägte Publikationen aus den sozialistischen Ländern als auch Veröffentlichungen der Emigration oder der Vertriebenenpresse in grosser Vollständigkeit vorhanden."
 

"Wiederkehr des Raums" und Politiknähe 
Kontinuitäten im Herder-Institut in den Jahren und Jahrzehnten vor der deutschen Einigung waren, wie bereits gestreift, nicht nur personeller bzw. instintutioneller Natur gewesen, sondern auch inhaltlicher. D.h. es kam in den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem Nachwirken früherer nationalsozialistischer Forschungsprogramme und Schwerpunktsetzungen. In der historischen Forschung wird dies mittlerweile aufgearbeitet. Weniger bekannt ist allerdings die Entwicklung nach dem Umbruch in den 1990ern und das Durchscheinen früherer Traditionslinien bzw. deren Reaktivierung oder auch die „Neuerfindung“ früherer Konzepte in aktueller Forschung.

Laut Benjamin Frijthof Schenk gehörte zum „Prozeß der inhaltlichen Abgrenzung von den 'Ostwissenschaften' der NS-Zeit in den Osteuropawissenschaften und der Neuprofilierung des Faches" seit den 1960er Jahren auch „die Abkehr von geo-deterministischen bzw. geo-politischen Denkmustern, die den Fachdiskurs der Ostforschung in den 1930er bis 1950er Jahren zum Teil maßgeblich bestimmt hatten“. Die sogenannte „Wiederkehr des Raumes“, die für heutige Forschungsentwicklungen konstatiert wird, sieht Schenk allerdings unter andere Vorzeichen gestellt und nicht als Nachleben nationalsozialistischer Raumkonzepte.

Heute herrsche, so Schenk, Einsicht in den Konstruktcharakter von Räumen. Es existiere ein (wissenschaftlicher) Konsens darüber, daß das neue Interesse an Raum in den heutigen Geisteswissenschaften „nicht zu einer Rückkehr zu geo-deterministischen Sichtweisen der klassischen Geographie oder der Geopolitik des 19. bzw. frühen 20. Jahrhunderts führen“ dürfe. In Bezug auf heutige „Raum“-Konzepte spricht Schenk von einer „gänzlich neuen Definition dieses Begriffes“, die Gefahr einer Rückkehr geodeterministischer Sichtweisen stuft er als sehr gering ein.Trotzdem gibt es Anzeichen dafür, daß auch geopolitische Interpretationsansätze zurückkehren, mit der Frage nach einer Renaissance der Geopolitik hat sich auf systematische Weise Nils Hoffmann befaßt. Seine Studie von 2012 behauptet zumindest von sich selbst, die erste differenziertere Auseinandersetzung mit dieser Thematik gewesen zu sein. Ich kann den Entwicklungen im Bereich der Osteuropa-Wissenschaften bzw. im Kontext des Herder-Instituts hier leider nur auf sehr bruchstückhafte und anekdotische Weise nachgehen. Eine fundiertere Betrachtung wäre natürlich wünschenswert und nachzuholen

Die seltsame Formulierung „Wiederkehr des Raumes“ drückt meiner Ansicht jedoch für sich genommen bereits zweierlei aus: Sie gesteht über den Wortlaut ein, daß es sich bei dem „neuen“ Forschungsansatz um die Wiederkehr von etwas handelt, das schon einmal da war. In diesem Sinne könnte man also durchaus von einer revisionistischen Bestrebungen sprechen, wobei diese nicht per se negativ zu werden wären. Gleichzeitig handelt es sich jedoch um eine euphemistische, verschleiernde Sprechweise, da „Raum“ ontologisch aufgeladen wird und selbst Akteursstatus erhält. "Raum" kehrt aber nicht von selbs „wieder“, es ist ohnehin nicht der "Raum", der zurückkehrt, sondern ein bestimmter Forschungsansatz. Ein solcher wird sowohl von einzelnen Wissenschaftlern oder Forschungsorganisationen sowie im wissenschaftlichen Gesamtzusammenhang vertreten, widerlegt, gefördert, entwickelt oder ad acta gelegt (wobei selbstverständlich auch Stimmungslagen und außerwissenschaftliche Entwicklungen, die den Zeitgeist prägen, eine Rolle spielen). Die Formulierung überdeckt die Eigenverantwortung von Individuen und Forschungsorganisationen, wenn sie ein Abstraktum im Zuge unpersönlicher, scheinbar automatisierter Dynamiken zurückkehren läßt.

Selbstverständlich herrscht, explizit so formuliert, der Anspruch, die Reaktivierung von räumlichen Ansäthzen in den geisteswissenschaften in revidierter, kritischer und von parawissenschaftlichen wie politisch fragwürdigen Zügen befreiter Form vorzunehmen. Mir geht es hier denn auch nicht darum, die Beschäftigung mit Raum und Raumkonzepten generell unter Verdacht zu stellen – man muß vielmehr die Konzepte, Theorien und Methoden, an die sich jeweils im konkreten Falle angelehnt wird, untersuchen und sollte regelmäßig hinterfragen und überprüfen, welche Richtung eine solche „Raumforschung“ innerhalb der einzelnen Disziplinen oder im Rahmen interndisziplinärer Forschungsverbünde nimmt. Man muß also zumindest offen, selbstkritisch und reflexiv über mögliche politische und wissenschaftspolitische Implikationen sprechen können.

Das Herder-Institut setzte bereits im Jahr 1992 - nicht zuletzt vor dem Hindergrund der Erfahrung politischer Umbrüche in Osteuropa - das Konzept des "Raums" erneut auf die Agenda deutscher Historiker und veranstaltete wenige Jahre später eine Tagung hierzu. Im Jahr 2000 wurde von Hans Lemberg dann ein Sammelband unter dem Titel „Grenzen in Ostmitteleuropa im 19. und 20. Jahrhundert. Aktuelle Forschungsgprobleme“ herausgegeben. Über den Anteil des Herder-Instituts an der Wiederaufwertung von „Raum“ als Forschungskategorie heißt es in der Einleitung:

Als 1992 während einer Beratung im Vorstand des J.G. Herder-Forschungsrates über mögliche Tagungsthemen Hugo Weczerka das Thema „Grenzen“ vorschlug, war das Thema sozusagen noch „neu“; gleichwohl erschien es sofort allen Beteiligten als attraktiv. Schon damals wurden Überlegungen angestellt, wie eine solche Tagung aussehen könnte. Wegen der notwendigen Umorganisation von J. G. Herder-Forschungsrat und Herder-Institut3 kam eine solche Tagung jedoch erst im Frühjahr 1995 zustande; sie wurde gemeinsam vom umgestalteten Herder-Institut und vom Herder-Forschungsrat veranstaltet; […].

Hugo Weczerka (*1930) war der damalige Direktor des Gottfried-Herder-Instituts in Marburg gewesen. Er hat viel zum „Deutschtum“ in Ost- und Ostmitteleuropa, etwa den Bukowina-Deutschen, publiziert; in den 1950ern war er zunächst im „Göttinger Arbeitskreis“, dem zweiten wichtigen Ostforscher-Sammelbecken neben dem Herder-Institut, aktiv gewesen. Über seine Person entsteht also durchaus eine gewisse Forschungskontinuität.

Bereits in den ersten einleitenden Zeilen des Sammelbandes, mit dem das Herder-Institut eine Neuorientierung auf "Raum" einleiten wollte, ist von den zeitgeschichtlichen Veränderungen im europäischen Staatensystem (d.h. dem Zerfall des Ostblocks) die Rede. Diese zeitgenössische Entwicklung würde dazu führen, daß Grenzen eine neue Aktualität erhielten. Der Autor sieht einen längeren Prozeß der Wiederherstellung der nach dem ersten Weltkrieg in Ostmittel- und Südosteuropa geschaffenen Grenzen im Gange. Es ist davon die Rede, daß zeitweilige Binnengrenzen wieder zu Außengrenzen würden und umgekehrt einige bisherige Außengrenzen an Bedeutung verlören. Dem zeitgenössischen politischen Hintergrund wird also einiges an Relevanz zugemessen bei der Neuausrichtung der Forschung.



Eine der Publikationen Ratzels (Quelle: ZVAB)
Die „Einführung“ in den Sammelband behauptet, die „Historizität“ und Veränderlichkeit von Grenzen sei dank dieser politischen Entwicklungen erneut ins (wissenschaftliche) Bewußtsein gerückt. Wie neu oder alt die hierauf folgenden, in und mit diesem Sammelband versammelten Forschungskonzeptionen sind, müßte wohl eine gesonderte Studie klären. Einen ersten Eindruck gibt aber beispielsweise auch der darin enthaltene Aufsatz von Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Horst Förster, der sich u.a. auf Autoren wie Friedrich Ratzel, den Urheber des späteren nationalsozialistischen „Lebensraum“-Konzeptes beruft. Prof. Förster schreibt, die Ideen Ratzels seien „mißverstanden“ und „mißbraucht“ worden. Seine Argumentation wirkt wenig überzeugend.

Von Marburg aus wanderte der neue Forschungsschwerpunkt „Grenzen“ u.a. nach Tübingen, wo Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Horst Förster, Mitglied des Herder-Forschungsrates, selbst angestellt war. Im Jahr 1998 wurde dann auch in Tübingen eine akademische Tagung zu Grenzen und Grenzregionen veranstaltet. Ich bin mit dem neuen (oder alten) Themenfeld bzw. Forschungsansatz in Tübingen in Berührung gekommen durch meine Anstellung am sogenannten "Sonderforschungsbereich 437" an der Tübinger Universität. Ich wurde da einem Projektbereich "Grenzräume und Kriegserfahrungen" zugeteilt, für den wiederum neben Prof. Dr. Beyrau und Prof. Dr. Johler auch Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Horst Förster verantwortlich war. Alle drei Professoren waren oder sind mit dem Herder-Institut und dem Herder-Forschungsrat verflochten.

Den Eindruck, den ich durch meine obligatorische Beteiligung an erneut raumzentrierten Forschungsprojekten und insbesondere den Tübinger „Arbeitskreis Grenzen“ (im Zuge des gleichen SFB-Projektes) gewonnen habe ist, daß es den Stichwortgebern maßgeblich dann doch nicht lediglich darum ging, größeres Augenmerk darauf zu haben, wie räumliche Gegebenheiten sich in historischen Prozessen niederschlagen (derartige Aspekte beinhaltet meine Arbeit auch). Zwar wurde auch hier der aus dem englischsprachigen Raum kommende Forschungsansatz der „frontier studies“ vielfach als Art modische Erscheinung aufgegriffen und verbal bemüht, jedoch wurden neuere Ansätze der internationalen Forschung auf theoretischer und methodischer Ebene nicht unbedingt eingelöst. Mein Wunsch, die gemeinsame Lektüreliste durch Einschluß neuerer (und vor allem englischsprachiger) Werke auf einen zeitgemäßeren Forschungstand zu bringen, wurde abgeschlagen. Ich habe alsu durchaus in Tübingen eher die verstaubten Seiten der "Raumforschung" und einen reaktionär gewendeten "spatial turn" erlebt.

Meines Erachtens rückt die Reetablierung von „Raum“ als Untersuchungs- und Analysekategorie die Geschichtswissenschaften, auch wenn sich dies nicht in allen einzelnen Studien abzeichnen sollte, in Teilen sehr wohl erneut in die Nähe zu geopolitischen Ansätzen (die sich dann in recht prominenter Ausführung doch wiederum nicht so neu bzw. reformiert gestalten, wie behauptet) und damit auch in das Interessensfeld von außenpolitischen Entscheidern, bzw. führt dieser Paradigmenwechsel zu merkwürdigen, nicht unproblematischen Überschneidungen von wissenschaftlichem und politischem Feld, die genauer besprochen und ausgehandelt werden müßten.


"Global Islam" als Problem? - Schnittstelle Wissenschaft/Politik
Parallel zur "Rückkehr des Raums" zielen etliche neuere kollektive Forschungsprojekte (oft in Form von großen, interdisziplinären „Sonderforschungsbereichen", kurz SFBs genannt ) auch auf Themenfelder bzw. Topoi wie „Sicherheit“, „Aufstand“ oder „Aufruhr“, „Ordnungen“ (bzw. „Normative Ordnungen“), „Bedrohung“..... Sie bieten damit den beteiligten Wissenschaftlern Rahmenerzählungen bzw gewisse "Frames" an, die zu nicht unwesentlichen Anteilen die Beherrschung und Kontrolle von Grenzräumen bzw. Disziplinierung eines potentiell bedrohlichen Anderen und Fremden in den Fokus stellen.

Hier lugt denn doch hin und wieder das durchaus praktische Bestreben hervor, fremde Räume zu ordnen bzw zu „befrieden“ und zu verwalten, klingt eine neue Form der "Herrschaftswissenschaft" an. Evoziert wird bisweilen auch auf neokoloniale Weise die Vorstellung, daß manche Völker nicht in der Lage wären, selbst für eine friedliche, stabile Regierung zu sorgen und Wissenschaftler im Verbund mit Politstrategen dann ordnend eingreifen und im Verbund für erfolgreiche Interventionen sorgen müßten. Eine hierzu passende, zentralstaatlichsicherheitspolitische Sichtweise vertritt seit einigen Jahren z.B. auch der Osteuropa-Historiker Prof. Dr. Jörg Baberowski.



"Die Entstehung von islamistischem Terrorismus" - Konferenzbeschreibung

 Als „neuer Feind“ zur Unterstreichung der eigenen praktischen Relevanz dient heute den Osteuropawissenschaften auch der „islamistische Terrorismus“. In Teilen kann dieser damit die "Lücke", die durch den Wegfall des Bolschewismus/Sozialistischen Systems entstanden ist, füllen. Für eine Fokussierung auf Islam als Bedrohung kann für den Bereich der Osteuropa-Wissenschaften u.a. der Göttinger Doktorand Christian Osthold angeführt werden, der sich mit "Islamismus" in Tschetschenien beschäftigt. Er tritt als Focus-Experte auf und verkündet in dieser Zeitschrift, das „harte Vorgehen“ Russlands im zweiten Tschetschenienkrieg sei „gerechtfertigt“ gewesen. Auf Gebieten, die mehr oder weniger jenseits Ostholds eigentlichen wissenschaftlichen Bereiches liegen, z.B. bei der Frage nach der Integration von Kopftuch- und Burkaträgerinnen in Deutschland, versucht er sich – angelehnt an fremde Studien – auch in einer Art politischer Gefahrenprognose



Focus-Experte Osthold im Spiegel russischer geopolitischer Interessen
 Eine "Geschichte", in der muslimisch geprägte, nicht zentralstaatlich organisierte Bevölkerungsgruppen wie Tscherkessen zu Opfern eines staatlichen Kontroll- und Disziplinierungsstrebens wurden und eine u.a. mit einem russischen Sicherheitsbedürfnis gerechtfertigte Politik in genozidale Dynamiken mündete, passte in Tübingen jedenfalls so gar nicht ins Konzept. Selbst ein eindeutig auf asymmetrische Weise geführter Unterwerfungskrieg sollte eingepaßt werden in die Vorgaben und Begrenzungen der Gesamtkonzeption des Tübinger SFB "Kriegserfahrungen". Nicht alles, was als distanzierte Analyse von historischen Diskursen und bloße wissenschaftliche Betrachtung von Schnittstellen zwischen Wissenschaft und Politik daherkommt, verbleibt also tatsächlich auf einer Metaebene - so habe ich es dort gelernt. In Tübingen wurden sich z.B die Blicke russischer Beamter auf die Peripherien des Zarenreiches und „staatsmännische Anliegen“ von meinem Projektleiter regelrecht zu eigen gemacht.

Natürlich kommt die Bündelung von Themen in größeren, kollektiven Forschungsprojekten nicht automatisch einer Ideologisierung über gewisse obligatorische Frames und Erzählmuster gleich. Manche Rahmen sind offen genug, um sie so oder so zu füllen. Trotzdem können Wissenschaftler durch bereits von anderer Seite bereitgestellte Schemata, die auch aus tagespolitischen Konjunkturen und Interessenlagen erwachsen, zu bestimmten Interpretationen und Darstellungsweisen verleitet, verführt oder sanft animiert werden Offenes Forschen und Fragenstellen wird mit bereits vorgegebenen Frames begrenzt - teils auch, ohne daß eine aktive Bewußtmachung stattfinden würde. Wer von vornherein jedoch das Andere etwa unter dem Aspekt des "Problems" untersucht, wird möglicherweise seine eigene Wahrnehmung gar nicht offen genug halten, um Kooperationsgelegenheiten und Verständigungschancen oder auch Konfliktgründe, die (auch) auf der eigenen Seite liegen, überhaupt zu erkennen. Oder der Eigenlogik gesellschaftlicher (historischer) Entwicklungen und Zusammenhänge nicht gerecht werden, weil er/sie sie zu sehr in Hinblick auf konkrete, aktuelle Anliegen liest.

Während in Tübingen eine kontroverse Diskussion zu den politischen und wissenschaftsethischen Implikationen von Raumvorstellungen und neueren Hinwendungen zu geopolitischen Denkweisen (inklusive der daraus entstehenden möglichen neuen Abhängigkeit von Wissenschaftlern von staatlichen und militärstrategischen Interessen) nicht stattfinden konnte, hat der ähnlich ausgerichteter Berliner SFB 700 namens „Governance in Räumen begrenzter Staatlichkeit“ eine solche kritische Auseinandersetzung mit dem eigenen Forschungskonzept immerhin punktuell gefördert.

Im Arbeitspapier „Governance in der postkolonialen Kritik“ kritisieren die Autoren die übliche Governance-Forschung für eine zu starke Orientierung an europäischen Konzepten sowie für „Staatszentrismus“. Sie betonen (paraphrasiert), daß eine Verengung wissenschaftlicher Perspektiven auf westliche „Governance“-Vorstellungen die Gefahr berge, die Wirklichkeit in postkolonialen Räumen nicht korrekt zu erfassen und etwa auch Ansatzpunkte für kreative, lokale (teils auch hybridisierte) Bewältigungsmechanismen zu übersehen. Meiner Meinung nach stellt es eine mindestens ebenso problematische Perspektivverengung dar, wenn man in fremden Lebenswelten vorrangig dasjenige sieht und untersucht, was hypothetisch "Gefahren" oder "Probleme" für "uns" bergen könnte und dieses dann in Zuhilfenahme wissenschaftlicher Erkenntnisse verregelt, verwaltet und "gelöst" haben will.

Kehren wir nach Marburg zurück: In jüngerer Zeit beschäftigte man sich dort im Zuge der „Wiederkehr des Raums“ mit „Raumbildern“ und Karten, wobei – im Unterschied zur nationalsozialistischen Forschungstradition – der konstruierte Charakter von Räumen und Grenzen hervorgehoben werden soll. In Kooperation mit anderen Einrichtungen beschäftigt man sich auch mit „Dynamiken der Sicherheit“ und multinationalen Grenzgebieten als „potentiellen Konflikträumen“. Des weiteren kooperiert das Herder-Institut mit einem größeren Forschungsprojekt zu „Phantomgrenzen in Ostmitteleuropa“, das das Nachwirken ehermaliger Grenzen und Raumaufteilungen untersuchen will. Anna Veronika Wendland selbst leitet am Herder-institut ein Projekt zu „Polesien als Interventionslandschaft. Raum, Herrschaft, Technologie, und Ökologie an der europäischen Peripherie 1915-2015“, das laut eigener Aussage eine besonders „raumsensible“ Geschichte Osteuropas schreiben möchte, d.h. Wendland ist auch in die "Wiederkehr des Raums" involviert - wie genau sie diese "Wiederkehr" handhabt, wäre anderweitig zu untersuchen.

Hier bleibt nur noch kursorisch zu erwähnen, daß Anna Veronika Wendland auch am „LOEWE-Schwerpunkt: Konflikregionen im östlichen Europa“ (Teil einer Exzellenzinitiative) beteiligt ist, in dem Governance-Ansätze gehäuft anzutreffen sind. Der politische Bezug und die Anwendungsorientierheit dieses kollektiven Forschungsprojektes wird mit folgender Selbstbeschreibung herausgestellt: „.Die Annexion der Krim und die Sanktionen des Westens gegenüber Russland führten 2014 zu einem neuen Ost-West-Konflikt. Der neue LOEWE-Schwerpunkt wird als Voraussetzung für Lösungsstrategien in diesem neuen Konflikt Deutungswissen erarbeiten und bereitstellen. Durch neue Formen der Wissenschaftskommunikation zwischen Ost und West soll einer erneuten Spaltung Europas entgegengewirkt werden.“ Einer der beiden Koordinatoren ist Prof. Dr. Peter Haslinger, der heutige Direktor des Herder-Instituts.

Auch wenn in den Forschungsarbeiten der letzten Jahre möglicherweise aufgeholt wurde und das theoretisch-methodisches Instrumentarium größtenteils modernisiert, die Rhetorik zeitgemäßer, die Ansätze viel flexibler, multiperspektivischer, fluider und weniger essentialistisch erscheinen so ist doch weiterhin bzw. wieder eine oft recht enge, unmittelbare Ausrichtung an politischen Anforderungen und kurzfristigen Konjunkturen zu erkennen. Das Bestreben, Erkenntnisse der Osteuropawissenschaften mehr oder weniger direkt auch für die internationale Politik nutzbar zu machen und neue Forschungsprojekte dementsprechend zu konzipieren, was von einer eher instrumentellen Wissenschaftsauffassung mit starken planerischen Elementen zeugt, ist geblieben bzw. tritt erneut zutage. Die frühere Obsession mit Grenzen und Grenzräumen wurde transformiert zu einer multiperspektivischeren, internationaleren, dialogischeren Sichtweise auf Grenzgebiete und "multiethnische Grenzräume", die Herkunft heutiger Forschungsansätze aus früheren Schwerpunktsetzungen ist aber noch erkennbar.

Das Fehlen transparenter Aushandlungensprozesse bezüglich des Verhältnisses zwischen Wissenschaft und Politik, der teils verdeckte, verbal abgestrittene Rückgriff auf Altes (man denke etwa an den Umgang mit Friedrich Ratzel), die hier und da nicht deutlich erklärten, formgebenden außerwissenschaftlichen Interessen, nicht zuletzt auch die von mir erlebte Privilegierung zentralistischer Perspektiven und europäischer Sehtraditionen machen mich weiterhin bezüglich des Mischverhältnisses von alt und neu und der Existenz eines umfassenden Problem- und Verantwortungsbewußtseins mißtrauisch. Die Frage nach einer Wiederkehr von Geopolitik im Verein mit "Raum" müßte jedoch an anderer Stelle und mittels anderer Instrumentarien weiter geklärt werden.

Neue revisionistische Tendenzen? Eine aktuelle Auseinandersetzung in Fachkreisen

Abschließend möchte ich noch kurz auf einen aktuellen Streit verweisen, der sich in den letzten Monaten auf den Seiten des Fachjournals "Osteuropa" abgespielt hat (da ich keinen Zugang zu deutschsprachigen Online-Datenbanken bzw. den Volltextversionen habe, wird dieser hier nur sehr kursorisch dargestellt). Auch in der aktuellen Auseinandersetzung geht es um die Vergangenheit der Marburger Ostforschung und die Bewertung der Nazi-Verstrickungen eines der früheren Herder-Mitglieder. Ausgelöst wurde die Kontroverse durch ein kritisches Buch der Osteuropa-Historikerin Esther Abel zu Peter Scheibert (1915-1995).

Peter Scheibert hatte u.a. Geschichte, Kunstgeschichte und Slaswistik studiert und war bereits 1933 in die SA eingetreten. Im Jahr 1937 wurde er Mitglied der NSDAP. Nach Kriegsausbruch war der Osteuropa-Historiker zeitweise für das Auswärtie Amt tätig; er beteiligte sich am nationalsozialistischen Raub von Kulturgütern in den von Hitler-Deutschland besetzten Ländern. Nach Kriegsende konnte er seine wissenschaftliche Karriere fortsetzen, habilitierte sich zunächst an der Universität von Köln und war dann ab 1961 als Professor für Osteuropäische Geschichte an der Universität Marburg tätig. Im Jahr 1965 wurde er Vorstandsmitglied im Marburger Herder-Institut

Das Herder-Institut tritt bislang nicht als Beteiligter in den Auseinandersetzungen um Esther Abels Studie hervor; vielmehr hatte das Herder-Institut Esther Abel selbst als Referentin eingeladen und im Februar 2017 ihre Arbeit zu Peter Scheibert vorstellen lassen; insofern trifft hier das Herder-Institut bisher keine Schuld. Die Fachkontroverse ist allerdings trotzdem geeignet, im Marburger Umfeld das Weiterwirken personeller Verbindungen und mangelnde Distanz zu früheren, politisch belasteten Ostforschungs-Traditionen in den heutigen Osteuropawissenschaften zu illustrieren.

In "Osteuropa" erschien in der ersten Ausgabe des Jahres 2017 ein Beitrag unter dem Titel "Der Osteuropahistoriker Peter Scheibert. Anmerkungen zu einer misslungenen Biographie". Die Studie von Abel biete "kaum Aufschluss über Scheiberts persönliche Tätigkeit und seine politischen Ansichten in den Jahren vor 1945", außerdem beruhe die "politisch-moralische Verurteilung Scheiberts [...] auf fragwürdigen begrifflichen Schemata", meinten die Verfasser. In der nächsten Zeitschriftenausgabe meldete sich daraufhin der renommierte Stefan Plaggenborg zu Wort. Er wies Kritik an Abel als "inakzeptabel" zurück. Der "Verriss" sei inhaltlich wie methodisch "unbegründet" und habe die Funktion, "die Frage von Schuld und Verantwortung Scheiberts für seine Mitwirkung im Zweiten Weltkrieg und am Kunstgüterraub zum Verschwinden zu bringen". Plaggenborg bewertete die ablehende Buchkritik als "Signal", er sah in ihr die Intention, "die Aufarbeitung der Aktivitäten von Historikern im Nationalsozialismus zum Stillstand" zu bringen.

Esther Abel meldete sich im gleichen Heft zu Wort und nahm Stellung zu der an ihrer Studie geübten Kritik. Auch sie vermutete, die Rezensenten seien darauf aus gewesen, Scheibert zu rehabilitieren. Die in ihrer Studie dargelegten Forschungsergebnisse seien zudem auf unzutreffende Weise wiedergegeben worden. Es stelle sich in Bezug auf die Rezensenten die Frage "nach ihrer Objektivität". Tatsächlich lassen die Biographien der beiden Rezensenten genau dies vermuten: Befangenheit aufgrund von persönlicher Nähe bzw. aus alter Loyalität Scheibert gegenüber heraus.

Die Rezensenten sind Inge Auerbach und Egbert Jahn. Beide hatten selbst bei Peter Scheibert studiert, sind also seine akademischen Schüler. Egbert Jahn promovierte sogar im Jahr 1969 bei Schreiber in Marburg, war im Laufe seiner Karriere dann in sozialistischem Umfeld sowie in der Friedens- und Konfliktforschung tätig. Auerbach hat zusammen mit Hans Lemberg im Jahr 1997 auch einen Gedächtnisband zu Ehren von Peter Scheibert herausgegeben. Der Sammelband trägt apologetische Züge, so etwa, wenn Schreibers Betätigung innerhalb eines NS-Sonderkommandos als "Kunstrettung" dargeboten wird. Meines Erachtens zeigt sich über die intellektuellen Biographien von Jahn und Auerbach, wie alte Traditionen der Ostforschung weiterwirken können, aus persönlichen Loyalitäten und Einbindung in die noch von altem Denken geprägten Netzwerke heraus sowie möglicherweise auch aus anerzogener kognitiver Befangenheit heraus ein fortgesetztes Wegsehen gegenüber extremistischen Zusammenhängen praktiziert werden kann. 



Aus: Osteuropa 2017, 3-4
Schluß:
 

Die nationalsozialistische Vorgeschichte des Herder-Instituts ist kein Geheimnis mehr. Die jahrzehntelangen personellen und inhaltlichen wie methodischen Kontinuitäten sind in den letzten beiden Jahrzehnten in wissenschaftlichen Beiträgen zur ehemaligen "Ostforschung" sehr wohl herausgearbeitet worden. Studien zu bundesdeuschen Kontinuitäten konstatieren für das Herder-institut einen institutionellen Bruch, der in den 1990er Jahren stattgefunden habe, wie aber auch eine der ehemaligen Ostforschung als solcher mangelnde interne Distanz zu den eigenen Traditionen. Kontinuitäten, die über die 1990er Jahre hinausreichen, wurden meines Wissens bislang nicht bearbeitet; ich habe sie heir, vor allem anhand der Ausstellung zum 60-jährigen Jubliäum des Herder-Instituts, der Selbst-Darstellung auf der eigenen Webseite und Themen wie dem Umgang mit Raubgut, herausgearbeitet und angefügt.
 

Es bleibt meines Erachtens nur das Fazit, daß von Institutionenseite keine mustergültige Aufarbeitung der eigenen Ostforschungs-Kontinuitäten stattfindet. Wie bereits oben von anderer Seite (im Zitat durch Thekla Kleindienst) dargestellt, schneidet das Fach der Osteuropäischen Geschichte bzw. die Disziplin der Osteuropawissenschaften hinsichtlich politischer Verwicklungen sowieso auch schlechter als andere Fachbereiche ab. Meiner persönlichen Erfahrung nach fehlt es diesem Fachbereich erheblich an Selbstreflexivität, gehört z.B. ein kritisches Bewußtmachen der eigenen Fachgeschichte eben nicht regulär - wie etwa in der Ethnologie in Bezug auf die Verstrickungen mit dem europäischen Kolonialismus - zu einer guten Ausbildung dazu.
 

Historiker zeigten sich hier denn pikanterweise keineswegs als  Fachmänner und -frauen für eine solide Vergangenheitsaufarbeitung, wie man sich als Laie bzw. Außenstehender so vorstellen könnte. Selbst da, wo ausreichend Faktenwissen etabliert wurde und sich an den historischen Umständen selbst kaum noch rütteln läßt, d.h. wissenschaftliche Studien die alten Verflechtungen und den Fortbestand von nationalsozialistischen Traditionen aufgezeigt haben, scheint innerhalb der alten Ostforschungs-Institutionen eine mangelnde Bereitschaft zu herrschen, dieses 'reine Fachwissen' auch in institutionelle Erkenntnis und einen entsprechenden Umbau zu transferieren, etwa indem man für eine autonomere Wissenschaft eintritt. Daneben wird dann doch auch noch oft genug selbst die Fachvergangenheit als solche noch nicht offen und kritisch-reflexiv dargestellt. Die Selbstpräsentation des Herder-Instituts zeigt, daß man auch auf rein inhaltlicher Ebene doch immer noch an etlichen Punkte zu beschönigen, zu verstecken und eulogisch zu umchreiben sucht.
 

In gewisser Weise interessiert mich an den geschilderten Verhältnissen natürlich die Analogie à la "Wer seine eigene Vergangenheit nicht angemessen aufarbeiten kann, ausgerechnet beim Holocaust und nationalsozialistischen Verstrickungen die Täter schonend vorgeht, wird sich auch anderen Formen der genozidalen Gewalt gegenüber unsensibel zeigen und möglicherweise andere Völkermorde ebenfalls nicht vernünftig aufarbeiten wollen." Teils existeiren allerdings auch direktere historische Verbindungen, etwa über das Weiterwirken von alten nationalsozialistischen Forschungsprogrammen und -schwerpunkten, die einen kritischen Umgang mit noch weiter zurückliegenden Völkermorden untergraben. Mein eigenes Forschungsprojekt war jedenfalls nicht kompatibel mit staatszentrischen, westeuropäisch geleiteten Perspektiven - außerdem rührt es selbst an heikle, problematische westliche Wissenschaftskonzeptionen und -traditionen, denn eine bestimmte Form der Kolonialethnographie miß als einer der Faktoren beim Aufbau einer genozidalen Mentalität im Westkaukasus begriffen werden.
 

Ebenfalls denke ich, gezeigt zu haben, daß bei verhaltenen Aufarbeitungsbemühungen auch üersonale Netzwerke, die über einen längeren Zeitraum hin gewachsen sind, etwa Lehrer-Schüler-Loyalitäten, eine wesentliche Rolle gespielt haben müssen. Ich vermute, daß sich innerhalb der deutschen Historikerzunft bzw. insbesondere in der Ost(europa)forschung auch eine Art von "Täter- und Schweigegemeinschaft" herausgebildet hat. Manche, fachlich etwa nicht zu rechtfertigende Verhaltensweisen kann man sich wohl so erklären, daß auch bei fehlender eigener Überzeugung bzw. bei doch vorhandenen eigenem kritischeren Einstellungen Rücksichten auf problematische Kollegen genommen wurden und werden. Man hat sich in institutionell belasteten Verhältnissen und Strukturen einrichtet und wurde daran gewähnt, wegzusehen, keine allzu kritischen Fragen zu stellen, ein gewisses Maß an Unempfindlichkeit an den Tag zu legen und stumpft ab. Vielleicht liegt deswegen der Gedanke an Verantwortungsethik (auf mehrerlei Ebenen) manchen meiner Osteuropa-Historiker-Kollegen eher fremd, wird gar als lächerlich empfunden bzw. zumindest nach außen hin lächerlich gemacht.

Da, wo weniger ein deutlicher, konsequenter Bruch mit der fachlichen Vergangenheit gewagt wurde denn ein langsames "Ausschleichen" nationalsozialistischer Kontinuitäten stattgefunden hat und noch hierarchische Verhältnisse herrschten, wird man zwangsläufig geübt haben, sich zu arrangieren. Auch nachwachsende, jüngere Historikergenerationen waren von belasteten Professoren umgeben und mußten mit diesen auskommen. Mit den damit auch entstehenden Abhängigkeiten mag man im Zweifeslfall den eigenen Netzwerken und persönlcihen Beziehungen mehr Gewicht gegeben haben, denn dem Gebot sachlicher Auseinandersetzung und konsequenter Anwendung der üblichen fachlichen Vorgehensweisen. D.h. es wird in gewissem Sinne 'normal', das fachliche  Können nicht auf das eigene unmittelbare Umfeld anzuwenden und sich seinen wissenschaftlichen Spürsinn für entfernter liegende Zusammenhänge aufzusparen. Konfliktvermeidung wird sicher auch in einigen Fällen für das berufliche Fortkommen ratsam gewesen sein. Jedenfalls zeigt sich im Marburger Umfeld eine entschiedene Unfähigkeit zum Kehren vor der eigenen Tür, die teilweise bis heute anhält.
 

In einem kürzeren Beitrag zur ukrainischen Erinnerungspolitik unter dem Titel "DerEigene - Nicht so schlimm: Integraler Nationalismus al KiewerProspekt" setzte sich Anna Veronika Wendland, die Herder-Mitarbeiterin, kritisch mit Umbenennung eines Kiewer Boulevards, d.h. der Ersetzung eines sowjetischen Generals der Roten Armee durch einen ukrainisch-nationalistischen UPA-Führer auseinander. Ich verstehe ihre Intervention so, daß sie den mangelnden Kritikgeist der ukrainischen Öffentlichkeit gegenüber historisch belasteten Figuren, die im eigenen Umfeld verortet sind und deswegen positiv wahrgenommen werden, anprangert. Sie kritisiert, daß einer Gruppe von "patriotischen Historikern" im Umfeld einer unseriösen Institution damit Deutungshoheit überlassen würde. Wendland, die in ihrem Text Ukrainer aus quasi fortgeschrittener westeuropäischer Perspektive belehrt, sich doch 'bessere' Traditionsträger zu suchen, scheint selbst im eigenen Nahfeld durchaus Kritik auszusparen. Das dann allerdings nicht auf Straßennamen bezogen (die natürlich auch nicht unerheblich sind), sondern, meines Erachtens weit schwerwiegender, hinsichtlich der Ausrichtung und Traditionen des Instituts, an dem sie selbst tätig ist. Ich konnte jedenfalls von ihr keine diesbezügliche kritische Interventionen finden - beginnend mit der Jubiläums-Ausstellung von 2012 dürften sich etliche Anlässe dazu geboten haben.

Über das Fortwirken der alten Ostpolitik hat eine jahrzehntelange Gewöhnung an eine abhängige Wissenschaft stattgefunden, so daß man heute auch verwunderte Reaktionen erhält, wenn man fetwa ehlende wissenschaftliche Autonomie bemängelt oder hinterfragt. Man hat dann kurioserweise eine 'Agenda' - während die Kollegen, die direkt politisch involviert sind, teils in der Parteinepolitik, offenbar als 'neutral' durchgehen können. Wer gerne die ihm/ihr sich bietenden Gelegenheiten ergreift (ob nun von Politik, Wirtschaft oder Militär bereitgestellt), wenig oder nicht für eine kritische, unabhängige Wissenschaft kämpft, macht sich dann auch von möglicherweise schnell veränderlichen Konjunkturen abhängig.
Das Instrumentalisierenlassen durch feldexterne Kräfte hat sowohl inhaltliche wie auch fachlich-methodische Konsequenzen.Tatsächlich konnte ich es von Kollegen immer wieder unter der Hand hören, daß man es als einigermaßen 'normal' ansieht, wenn in gewissem Rahmen die eigenen Darstellungsweisen und Forschungsergebnisse politischen Anforderungen (bzw. auch Zeitgeist-Interessen) angepaßt werden.

Nach einer kürzeren Reflexions- und Umbruchphase in den 1990ern scheint mir nun eine neue Nähe zur PolitiK zu entstehen, die sich nicht zuletzt in Großforschungsprojekten in Form von etwa Sonderforschungsbereichen und Exzellenzclustern, die an Universitäten angegliedert sind, oder über externe Institute zeigen. Letztendlich entsteht durch thematische wie methodische Vorgaben, die jenseits des Zugriffs bzw. einer Beteiligung des Einzelwissenschaftlers gesetzt werden, auch eine Forschung nach Plan. Vor allem niedrigrangigere Wissenschaftler werden so eingespannt in einen Rahmen, der sie ein Stück weit ihrer Eigenverantwortung zu entäußern scheint. Vielleicht hat Anna Veronika Wendland auch deswegen weniger Probleme damit, ihre eigene wissenschaftliche Forschung mit einer Tätigkeit im Dunstkrie proatomarer Lobbyoranisationen zu kombinieren - auch wenn dies für äußert unscharfe Grenzen und ein Zerfließen von wissenschaftlicher und politischer Betätigung ineinander führen kann.

Der Druck, 'aktuell' und 'relevant' zu sein, und zwar auf eine Weise, die sich auch möglichst gut externen Geldgebern und Nichtfachleuten oder sogar einem allgemeinen Publikum im Feuilleton verkaufen läßt, führt auch dazu, nach Bedarf zu schreiben, den eigenen thematischen Zuschnitt, die zum Einsatz gelangenden Theorien und Methoden anzupassen oder zumindest eine Art double-speak zu wählen (eine nach außen gerichtete Rhetorik zu schaffen, die sich von den 'eigentlichen' Forschungsabsichten und -zielen unterscheidet bzw. das eigene Thema zumindest möglichst günstig zu 'verpacken', wobei eigentlich jeder gute Kulturwissenschaftler wissen müßte, daß 'Verpackungen' oder auch 'Frames' immer wieder auf deren Inhalte zurückwirken und nicht etwas sind, was auf den eigentlichen Gegenstand keinen Effekt hätte), gegebenenfalls sogar Ungünstiges zu vertuschen. Selbstverständlich ist es nicht per se schlecht, wenn Forschung anwendungsorientiert ist und muß geisteswissenschaftliche Forschung nicht gesellschaftlich oder politisch gesehen "nutzlos" bleiben - ein Wissenschaftler darf sich seine eigenen Modalitäten, seine Fragestellungen, Themen, Resultate, aber nicht von Politik oder anderen äußeren Instanzen einfach vorgeben lassen.

Mit einer zu großen Abhängigkeit wissenschaftlicher Forschung von anderen sozialen Feldern entfallen wichtige Kontroll- und Sicherheitsmechanismen. Fehler, Fehleinschätzungen, Unausgewogenheiten, Einseitigkeiten, Tendentiositäten werden wiederholt oder potenzieren sich sogar. Mit der russischen Annexion der Krim wurden Unterlassungen und Strukturdefizite zwar vage erkannt, man realisiert, daß ein
gewisses fachliches Versagen bei der Einschätzung neuerer Entwicklungen in Rußland und dessen aggressivem MIlitarismus und expansivem, neokolonialen Restaurationsstreben stattgefunden hat. Dies führt jedoch, wie bislang zu beobachten, weniger zu vertiefter Rexflexion und zu grundlegendem Umbau, denn zu neuem Aktivismus und noch stärkerem Zurückgreifen auf eben diejenigen Strukturen, die für dieses Versagen ursächlich gewesen sein müssen. Man richtet sich noch stärker an der Tagespolitik aus, ruft etwa auch eine neue sogenannte "Historikerkommission" ins Leben und denkt über die Gründung weiterer externer Institutionen nach, anstatt die Selbstentfaltung und Eigenverantwortung von Wissenschaftlern und damit eine langristig tragfähigere Forschung zu stärken.

Das Interesse daran, russischen Kolonialismus und sein Nachwirken im postimperialen Raum näher aufzuarbeiten, scheint auch des öfteren knapp hinter der ukrainischen Grenze zu enden - "transregional" gedacht ist das nun wahrlich nicht. Im Interesse der Ukrainer dürfte eine solche mentale Verengung und Kulanz gegenüber russischer Großmachtpolitik auch nicht liegen; es scheint mir dies vielmehr ein weiterer Ausdruck kurzgedachter, einigermaßen zynischer westeuropäischer Interessenspolitik zu sein. Jenseits dieses Bereichs herrscht dann eine merkliche Unempfinglichkeit gegenüber Verletzungen humanistischer Werte. Der Nordkaukasus wird, außer, wenn man hier und da auf metaphorisch-ikonische Weise so empört wie beiläufig von „Grozny“ sprich, weiterhin mehr oder weniger als Wurmfortsatz Rußlands behandelt.
 

Selbstverständlich frage ich mich weiterhin, warum es so scharfe Reaktionen auslöst und sich emotionale Abgründe selbst unter Akademikern auftun, die dann gültige elementare Regeln und Verhaltensweisen im Nu untergehen lassen, wenn von einer Aufarbeitung der russischen Kolonialgeschichte im Nordkaukasus und den Sympathien und Befindlichkeiten, die dieser entgegenstehen, die Rede ist. Warum sich bislang niemand dafür einsetzt, daß auch hier akademische Arbeitsprinzipien und freie Rede gewahrt bleiben - Diskurse weiterhin über institutionelle Macht und sogar physische Gewalt geführt werden. Persönliche Angriffe und Häme, regelrechter Haß, aggressive Resistenz gegenüber historischer Aufarbeitung lassen sich allerdings besser verstehen, wenn man sich die Fachgeschichte der Osteuropawissenschaften in Deutschland ins Bewußtsein und sich verdeutlich, welche Anpassungsleistungen da den einzelnen Wissenschaftlern im Laufe der Jahrzehnte erbracht haben müssen.Historiker sind manchmal keine Freunde umfassender Aufarbeitung. Aus meiner Sicht gilt in Bezug auf meinen Bereich denn sogar weiterhin der Satz Theodor W. Adornos: " [..] im Hause des Henkers soll man nicht vom Strick reden; sonst hat man Ressentiment [...]". 

Kritisches Bewußtsein ist da gefragt und gern gesehen, wo es sich paßgenau auf das Erwünschte richtet. Wie gut, wenn man sich heute denn die eigenen Sensibilitäten nach Bedarf an- und abschalten kann. 

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