Zarische Truppen, Krasnaja Poljana, 21.5.1864

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Dienstag, 19. September 2017

Grezels Traum - Putingegner als Pegida light I

Im Tichy-Umfeld wähnt man sich in einem identitären Abwehrkampf - Rechtslibertäre und ihre Schnittmengen mit AfD- und Pegida-nahen Diskursen


[Vorbemerkung zur provisorischen Publikation eines Artikels, der erstmals am 3. November 2016 erschien - kann gerne übersprungen werden:

Ich habe in letzter Zeit viel Kritik an den Grünen geübt, u.a. wegen ihrer mangelnden Abgrenzung zu Rechtspopulisten. Ich möchte allerdings nicht,  daß anstelle der Grünen (mit ihren in Menschenrechtsfragen, Geschichtspolitik und auch genereller hinsichtlich des Vertretens demokratischer Werten bereits aufweichenden Strukturen) die FDP als eine  Art "AfD light" in den Bundestag einzieht. Aufgrund ihrer Oppositionsrolle und mangelnden politischen Gewichts in den letzten Jahren wird die FDP einigen Wahlberechtigten in ihren aktuellen Tendenzen nicht geläufig sein; quasi in letzter Minute möchte ich zumindest auf indirekte Weise noch einmal auf die Verschränkungen zwischen nach rechts gerutschten "liberalen" bzw. libertären und rechtslibertären Diskursen und denen der AfD verweisen. D.h. dies soll ein kleiner Beitrag zum Wahlkampf-Endspurt sein.

Der folgende Beitrag ist der erste Artikel aus einer ursprünglich vierteiligen Serie, von der zwei Teile zunächst im Herbst/ Winter 2016 erschienen. Sie mußten kurz darauf wieder vom Netz genommen werden, da mehrere der Thematisierten mit ihren Anwälten drohten; es ging primär darum, daß eine gewisse Person, die ansonsten darauf zu achten schien, daß ihre Posts oft geteilt werden, nicht öffentlich von mir und auf korrekt belegte Weise von mir zitiert werden wollte - weder mit Facebook-Posts noch mit einem von ihr verfaßten Gastartikel. Es schien damit zunächst (finanziell) zu aufwändig, das Erscheinen unter deutschem Impressum auch durchzufechten. Es wird auch bei größeren und professionelleren Medien wie der TAZ regelmäßig aus Facebook zitiert - dann aber steht im Problemfall auch eine bessere anwaltliche Betreuung zur Verfügung.  Generell will ich allerdings nicht darauf verzichten, meine Artikel auch direkt im deutschen Gebiet zu publizieren. 

Leider haben sich gerade auch Grüne angesichts dieser Problematik nicht kooperativ gezeigt, sich mit Häme, Verharmlosung, Geringschätzung und Arroganz geäußert, es wäre sonst ein gemeinschaftliches Vorgehen gegen die Gewichtszunahme rechtspopulistischer Diskurse durchaus möglich gewesen. Dafür, daß dies nicht geschehen ist, ist u.a. auch Viola von Cramon verantwortlich. Zur eigenen Nähe mancher osteuropapolitisch involvierter Grüner oder Grünen-Naher zu Tomas Spahn, einem der Tichy-Autoren, siehe bitte auch meinen vorausgegangenen Blogbeitrag. Ich meine, daß aktuelle Umfragewerte, mit großen Verlusten für die Grünen und steigenden Werten für die rechtspopulistische bis rechtsextreme AfD, zeigen, daß eine solche Politik generell doch in die falsche Richtung geführt hat. Trotzdem, d.h. trotz der mir in den Weg gelegten Hindernisse,  möchte ich hier weiter, jenseits von parteilichen Grenzen, aufklären und über rechtspopulistische Verstrickungen und Gefahen informieren und sollen hier denn auch mal FDP-nahe Kreise und Netzwerke ins Blickfeld rücken. Die übrigen Artikel werden dann in ordnungsgemäßer Form erscheinen, wenn dafür gesellschaftliche Unterstützung zu mobilisieren ist bzw. eingesehen wird, daß die Möglichkeit zu Kritik und solcher Recherche für demokratische Verhältnisse wichtig ist und diese Aufgabe auch nicht umfassend von einigen wenige medial bekannten "Allround-Experten" warhgenommen wird, auch hier Pluralismus im Sinne der Autoren und Zugänge notwendig ist.]




Der Autorenblog „Tichys Einblick“ existiert seit 2014 als Internetprojekt und soll nun zusätzlich monatlich als Printausgabe erscheinen. Vernichtende Kritik wurde ihm u.a. von Uebermedien zuteil. In „Sperrfeuer aus dem Schützengraben der Nachdenklichkeit“ hieß es: „Wenn das die Stimme der Nachdenklichen ist, kann man sich die Stimme der nicht ganz so Nachdenklichen nicht einmal mehr vorstellen, ohne einen Tinnitus zu bekommen.. Djure Meinen nannte den Stil des Herausgebers „mindestens verschwurbelt, aber irgendwie auch jenseits einer Grenze“. Zusammen mit Analysen, die die rechtspopulistischen Argumentationsmuster des Blogs ins Visier nehmen, hätte sich das Projekt für Menschen mit halbwegs klarem politischen Verstand damit auch bereits erledigt haben können. Eigentlich.

Chefredakteur Roland Tichy führt mit Beiträgen wie „Merkel oder die große Umwälzung“ an die neurechten Angstphantasien eines Renaud Camus oder Akif Pirinçci heran und läßt damit sein Medienorgan in die Nähe der sogenannten Identitären Bewegung rücken. Das Ex-Model Anabel Schunke treibt sich u.a. in der Bibliothek des Konservatismus, Schnittstelle zwischen rechtskonservativem Rand und extremer Rechten, herum. Seit Sommer 2015 veröffentlicht auch ein gewisser Tomas Spahn für Tichys Blog Beiträge unter Headlines wie „Merkel verliert ihre Souveränität“, „Zensurindustrie auf dem Vormarsch“ und - dezent verschwörungstheoretisch - Der Weltbürgerkrieg und der Islam“. Spahns Steckenpferd der letzten Wochen bestand darin, sich der Reihe nach muslimische Intellektuelle und Vertreter deutscher Islamverbände vorzuknöpfen und für sie im Zuge einer personalisierten „Islamkritik“  negative Charakterogramme anzufertigen.

Trotz allem höre ich gerade auch von Historiker-Kollegen (Osteuropa-Wissenschaftlern), man sei in Bezug auf „Tichys Einblick“ zwar nicht mit allem einverstanden, schätze aber gerade die profunden Rußlandanalysen des Tomas Spahn. Dieser Mangel an tiefergehender Beschäftigung mit „Tichys Einblick“ in Fachkreisen verwundert, könnte man doch bereits anhand der allgemeinen Themengebung manchmal meinen, man habe es bei „Tichys Einblick“ mit einen Ableger von Jürgen Elässers (bekanntermaßen putinfreundlichem) Compact-Magazin zu tun. Eine Kritik unter dem Gesichtspunkt regionaler Kompetenzen und Interessen ist allerdings bislang ausgeblieben. Dies soll hier nachgeholt werden. Die gerade auch von Akademikern gern angenommene „Rußlandkritik“ eines Tomas Spahn dient, so die hier aufgeworfene These, dem neurechten Blog als eines seiner bürgerlichen Standbeine.

Von besonderem Interesse dürfte auch für die Zukunft die Frage sein, wie die „russlandkritischen“ Seiten des Tichy-Blogs mit der dezidiert putinfreundlichen Ausrichtung übriger Teile des Blogs zusammenpassen und ob hier tatsächlich - im landläufigen Sinne - eine Form medialen Pluralismus' praktiziert wird. Mein Opfer der Wahl heißt hier Gregor Grezel, bislang bei Tichy lediglich als Gastautor präsent, dafür aber umso besser geeignet, Einblicke in Weltbild und politische Gesetzmäßigkeiten der Tichy-Kreise jenseits von glatten PR-Fassaden zu liefern. Ein Einblick über das Randständige ist oft faszinierend, liefert es doch Aufschluß über Abgrenzungs- und Identitätsfindungsprozesse. Besonders hilfreich ist die Betrachtung des Marginalen ohnehin da, wo es um ein Verständnis rechtspopulistischer Strategien geht, sich langsam in die gesellschaftliche Mitte vorzuschieben. Ich werde also sozusagen (mit Slavoj Žižek) über Gregor Grezel einen schiefen Blick auf den Herausgeber Roland Tichy, seinen Autor Tomas Spahn und die Osteuropa-Schiene von „Tichys Einblick“ werfen.

Die Vorstellung des Gastautors Gregor Grezel bei Tichys Einblick ist offenbar seiner Selbstbeschreibung an anderer Stelle entnommen; vollständig lautet sie:
Verfechter der Werte der Aufklärung, ein Feind der Egalitarier, Etatisten, Fiskalisten und Sozialkleptokraten. Mein liberales Glaubensbekenntnis "Der Liberalismus ist die einzige politische Philosophie, die den individuellen Bedürfnissen des Menschen entspricht. Der Liberalismus will die freie Entfaltung des Menschen: Liberalismus ist daher auch Humanismus"“. Sein Tichy-Artikel mit dem Titel „Noch ist Polen nicht verloren“ stellt im wesentlichen eine Replik an einen vorangegangenen Tichy-Beitrag über rechtspopulistische Entwicklungen in seinem Heimatland Polen dar.

Grezel vertritt auf Tichy die Auffassung, daß die Machtzunahme der PiS-Partei keinen wesentlichen Anlaß für Sorge und Pessimismus biete. Proteste gegen diese Partei seien in Polen nicht spontan entstanden, sondern u.a. von einem „Angestellten des Springer Verlages Polen“ „sorgfältig vorbereitet“ worden. Der Start der neuen polnischen Regierung sei zwar zugegebenermaßen „etwas holprig“ verlaufen, das „mediale Bashing“ aber wäre einer kontraproduktiven Berliner Politik zuzurechnen, die angesichts des neuen polnischen Selbstbewußtseins und des Verlustes einer ihr „hörige[n]“ polnischen Regierung „frustriert“ gewesen sei. Polen, so kommentiert Grezel ironisch, werde als Teil von „Dunkeleuropa“ dargestellt. Ansonsten enthält der Artikel wenig Weltbewegendes und muß auch nicht im Detail analysiert werden. Polen stelle, so schließt der Autor, weiterhin eine „Oase der Ruhe und Rechtsstaatlichkeit in Europa“ dar. Was allerdings den 'Oasencharakter' Polens – gerade auch im Vergleich mit Deutschland und Frankreich – ausmache, wird im Artikel selbst nicht näher erläutert.

Auf Facebook wird Grezel expliziter. Dort schrieb er etwa am 18. Juli 2016:
Wer noch kurzfristig nach einem Urlaubsort sucht. Wir laden Euch alle nach Polen ein.
Vorsicht! Nichts für Menschen die nach Abenteuern suchen, als Frau kann man sogar ganz alleine, auch Abends, durch die Stadt gehen, ohne die für Westeuropa üblichen Allüren der orientalischen Männer.
Wir sind auch was die Architektur betrifft langweilig, keine schönen Moscheen wie in Köln, sondern gotische Kathedralen, Jugendstil und Synagogen vor den keine schwer bewaffneten Polizisten stehen.
Auch was das Essen angeht, gibt es bei uns keine Dönner Budden auf jeder Ecke, sondern Pierogi und Barszcz.
Leider können wir Euch auch nicht die Kopftücher und Burkas samt ihren bärtigen Bodyguards anbieten, die ihr aus eurer Heimat kennt.
Wir sind für die EU Verhältnisse ein langweiliges Land, dass die Freiheit, gutes Essen, Spaß und Natur liebt.”
Es ist hier nicht eine friedliche, plurale und demokratische Gesellschaft mit einer Koexistenz unterschiedlicher Interessensgruppierungen, sondern ein weitgehend „moslemfreies“ Polen, das Grezel als modellhaft evoziert. Überhaupt scheint es in entsprechenden Kreisen gerade schwer in Mode zu sein, von Ländern zu träumen, die von muslimische Traditionen unberührt geblieben seien und in denen folglich – im Vergleich mit dem verhaßten Multi-Kulti-Deutschland Angela Merkels – (noch) geradezu idyllische Zustände herrschten. Die Autorin Inge Borchert-Busche, eine Facebook-Freundin von Grezel, laut Eigenbeschreibung ebenfalls der Toleranz, Freiheit und einer offenen Gesellschaft verpflichtet, verwies neulich auf einen Artikel namens „Japan – das Land ohne Moslems“ und zitierte:
Japan lehrt die ganze Welt eine interessante Lektion: Es gibt eine direkte Korrelation zwischen nationalem Erbe und der Erlaubnis zur Einreise: ein Volk, das ein solides und klares nationales Erbe und eine Identität hat, wird nicht zulassen, dass die Arbeitslosen der Welt sie überrennen. Und Menschen, deren kulturelles Erbe und deren nationale Identität schwach und zerbrechlich sind, haben keine Abwehrmechanismen, um einer fremden Kultur das Eindringen in ihr Land und ihr Leben zu verwehren.

Wie weitergehende Kommentare zeigen, hätte Inge Borchert-Busche allerdings nicht lediglich gerne einzelne islamfreie Länder, sondern wünscht sich zusammen mit ihrer Facebook-Gemeinde gleich eine ganze „Welt ohne Muslime“. Vor diesem Hintergrund gesehen erweist sich Grezels Titel für seinen Tichy-Artikel als überaus doppelbödig. Seine begriffliche Unschärfe ist allerdings typisch für neurechte Kreise und erfüllt eine Scharnierfunktion. So ruft er mit „Polen ist noch nicht verloren“ einerseits einem deutschen Bürgertum zu, es müsse sich nicht übermäßig Sorgen machen angesichts einer rechtspopulistischen Wende in Polen. Andererseits ist seine Aussage anschlußfähig für PiS-Partei-Anhänger und AfDler, die gerade in einer solchen Wende einen Hoffnungsschimmer sehen und sendet er in ihre Richtung die Botschaft aus, daß in Polen – anders als in Frankreich und Deutschland – noch Widerstand gegen eine 'Überfremdung' Europas geleistet werde.

Über die politische Verortung Gregor Grezels und seine politisch-medialen Aktivitäten sowie Vernetzungen findet sich bislang wenig im Netz. Präsent ist er vor allem über soziale Netzwerke, u.a. mit einem Profil bei „VK“, das bekanntlich nicht nur russischsprachigen Menschen als facebook-Alternative, sondern zunehmend auch deutschen Rechtsextremen (wie etwa Tatjana Festerling) als weniger stark kontrolliertes Ausweichsmedium dient. Des weiteren findet sich ein Veranstaltungshinweis der rechtspopulistischen Partei „Die Freiheit“, mittels dessen Parteimitglieder aufgefordert wurden, die Lesungen Thilo Sarrazins aus seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ im Mai 2011 mit ihrer Anwesenheit zu unterstützen. Erhofft wurde sich offenbar eine Win-Win-Situation: Der neudeutsche Untergangsprophet und die politisch marginale „Freiheit“ sollten sich gegenseitig stützen und so für erhöhte öffentliche Sichtbarkeit sorgen. Als Ansprechpartner für die Region Düsseldorf sind „Gregor Grezel und Andreas Pokladek“ aufgeführt. Aber ist das der gleiche Gregor Grezel, der den Gastartikel für „Tichys Einblick“ schrieb? Werfen wir hierzu einen Blick auf den als Mitstreiter aufgeführten Andreas Pokladek.

Pokladek selbst hatte im Oktober 2011 den Landesverband Nordrhein-Westfalen von „Die Freiheit“ gegründet. Diese Kleinpartei, die sich selbst als „wertekonservativ“ bezeichnete und Ende 2013 ihre überregionalen Aktivitäten zugunsten der AfD einstellte, orientierte sich u.a. an dem holländischen Rechtspopulisten und „Islamkritiker“ Geert Wilders sowie dem SVP-Politiker Oskar Freysinger. Unterstützung fand „Die Freiheit“ von Anfang an beim rechten Hetzblog „Politically Incorrect“. Beide Institutionen wurden zeitweilig vom deutschen Verfassungsschutz beobachtet.

Charakteristisch für die neugegründete „Freiheit“ war allerdings ein bügerliches Image und die Sorge darum, Distanz zu klassischen rechtsradikalen Positionen zu wahren. Mit der Wahl des PI-Autors Michael Stürzenberger zum Bundesvorsitzenden rückte die Partei Ende 2011 weiter nach rechts. Diese Wende vollzog Pokladek nicht mehr mit. Nachdem er das schlechte Image der Partei und Kontakte zu NPD-Funktionären bemängelt hatte, legte er bereits im Dezember 2011 das Amt des Landesvorsitzenden wieder nieder. Das Vorhaben, eine „islamkritische Partei“ mit bürgerlichem Antlitz zu gründen bzw. die Hoffnung in eine„neue bürgerliche, demokratische und freiheitliche Kraft“, die – so Pokladek im O-Ton – „die Fesseln der politischen Korrektheit […] sprengen“ würde, „ohne dabei extrem, volkstümelnd oder dümmlich-populistisch aufzutreten“, war für ihn wohl nicht aufgegangen.

Wie es der Zufall will, steht auch der Tichy-Grezel mit einem Andreas Pokladek aus Düsseldorf in Kontakt. Auf Facebook erfolgt ein Austausch über Themen wie die „Fruchtbarkeitsziffern der muslimischen Familien“, die dazu führen würden, daß es kein Problem sei „eine muslimische Mehrheit innerhalb von zwei bis drei Generationen in Deutschland zu erreichen, die nichtmuslimische Mehrheit von Jahre 2016 [sic!] gemäßen an der Gesamtbevölkerung […] dann schon lange weggestorben“ sei und man diesen unerbittlichen mathemathischen Fakt „nicht mit politischen PC Gequatsche eliminieren” könne. Überhaupt scheint der heutige Gregor Grezel noch viel mit der politischen Ausrichtung, den Themenvorlieben und auch dem Sprachgebrauch der damaligen „Freiheit“ gemein zu haben.

Als typische Diskusstrategien und -elemente der alten „Freiheit“ wurden u.a. herausgearbeitet: Die Vorstellung, man befinde sich in einem Kampf um Überleben oder Untergang des eigenen Landes oder der eigenen Kultur; Muslime als Hauptverursacher/Hauptübel zeitgenössischer Probleme; die Vorstellung einer von der „Elite“ machtlos gehaltenen Bevölkerung; das Szenarium einer de-facto-Meinungsdiktatur; der Vorwurf an Gegner, selbst faschistisch und antisemitisch zu sein. Allgemein für Rechtspopulisten charakteristisch sind zudem die Bekenntnis zum „christlichen Abendland“, das Interesse an einer Law & Order-Politik, die Fokussierung auf einen vermeintlichen „Volkswillen“, der von der „Elite“ nicht angemessen vertreten würde, eine Ablehung der EU, das Eintreten gegen Pluralismus, Minderheitenschutz und Religionsfreiheit. Gemessen an diesen Kriterien ist Gregor Grezel ein Rechtspopulist, wie er im Buche steht.

Grezel hält etwa, in seinen Worten, „das typische Gestammel über Frauenrechte, Menschenrechte, Demokratie, Klimarettung, Islamophobie, Rassismus, Flüchtlinge, Flüchtlinge, Kaczynski, Orban“ für eine Beschäftigung mit bloßen „Wohlfühl- und Ersatzthemen“. Er meint auch, ein „alter, weisser und katholischer Mann der die AfD wählt“ werde benachteiligt gegenüber „Islamismus“, der als „ausländisch und daher irgendwie gut“ gelte. Eine Talkshow mit dem österreichischen Außenminister Sebastian Kurz beschreibt Grezel als „epochalen Kampf des Lichts gegen die Kräfte der Finsternis” , ihn selbst als „Katechon“ (Bewahrer vor dem Antichristen). In Ungarn sei die Bevölkerung gegen eine „durch die EU vorgeschriebene Zwangsansiedlung von moslemischen Migranten”. Vom ungarischen Ministerpräsidenten Victor Orbán übernimmt Gregor Grezel den Gedanken, die europäische Elite sei von einer nihilistisch geprägten Minderheit „okkupiert“ worden und benutze die Flüchtlingskrise, um „das auf Nation und Christentum beruhende Europa zu zerstören“.

In Bezug auf Deutschland zitiert Grezel Autoren, die eine „politisch korrekte Kaste von Journalisten und Politikern“ am Werk wähnen oder spricht selbst abfällig von einer „PC-Kirche“ (gmeint ist Political Correctness). Im mittleren Spektrum beheimatete Politiker werden von ihm als „Leichtmatrosen“ und „Politapparatschiks“ verunglimpft und Mitbürger, die sich über „Bild, Spiegel, taz, ZEIT, SZ und GEZ“ informieren, sind für ihn „Systemtrottel“. Damit sind zwar die für Rechtspopulismus charakteristischen Diskurselemente nicht alle voll ausgeprägt - so hebt Grezel eher auf den fehlenden Realitätssinn „der deutschen Politiker“ denn auf bewußte Repression ab - aber doch mehrheitlich vorhanden. Grezel argumentiert denn auch keineswegs so eigenständig, individualistisch und originell, wie die Anti-Mainstreamler das von sich denken mögen.

Grezel gibt sich dezidiert proeuropäisch, nimmt aber eine Anti-EU-Haltung ein. Dieser feine, aber bedeutsame Unterschied wird leicht übersehen - ähnlich der Doppeldeutigkeit seiner Tichy-Headline. Er stimmt ein in das EUdSSR-Gerede, demzufolge sich die EU in eine Zwangsgemeinschaft sozialistischer Staaten verwandele, bemüht die „Eurabien“-Verschwörungstheorie und übernimmt auch schon mal ein Facebook-Meme, das Merkel als weibliche nordkoreanische Führerin in Rosa, die für ein buntes Deutschland wirbt, verulkt. Im Original-Grezel-Sound heißt es auch:
Martin Schulz hat mit Europa so viel gemeinsam wie Bushido mit Kunst.
Grundsätzlich ist ein Linker immer ein Antieuropäer, denn man kann nicht Europa mit sozialistischen Ideen vereinbaren. Sozialismus ist Byzanz, ist Asien. Sozialismus ist eine primitive Stammeskultur in der das Individuum und seine Freiheit nichts zählen.”

Anstelle der bestehenden EU hat es ihm ein angestaubter Richard Coudenhove-Kalergi angetan mit einer tief christlich geprägten „Paneuropa“-Konzeption. Dagegen ließe sich weniger einwenden, wenn Grezel seinen „Helden“ auch tatsächlich historische Gestalt sein ließe und sich nicht gerade auf dessen problematische Aspekte beziehen würde, um seine eigene, exklusiv-christliche Europavision und ein apokalyptisches Weltbild zu bekräftigen. So zitiert er etwa in einer Facebook-Notiz folgende Ausschnitte aus Coudenhove-Kalergis „Paneuropa“-Konzeption:
Trotz aller Kämpfe zwischen Rittern, Fürsten und Städten waren sich damals (15 Jahrhundert) alle Europäer bewusst, dass sie den Sarazenen gegenüber eine große Einheit, eine Schicksalsgemeinschaft bildeten, deren militärischer Ausdruck die Kreuzzüge waren. Kaiser und Könige, Herzöge und Ritter kämpften in diesem päpstlichen Heerbann der Kirche, der Deutsche und Franzosen, Italiener und Spanier, Polen und Ungarn, Normannen und Engländer in brüderlicher Eintracht zusammenschloß. In diesen gewaltigen Kriegszügen kämpften nicht nur die Christenheit gegen den Islam, sondern auch Europa gegen Asien”
Und Grezel fügt selbst hinzu:
500 Jahre später ist es wieder so weit. Aber diesmal kämpfen die Europäer nicht nur gegen die islamischen Heerscharen, sondern auch gegen die politischen Eliten, die sich gegen das eigene Volk gewendet und die europäische Kultur verraten haben.”
Um auf Grezels Tichy-Artikel und sein Polen-Bild zurückzukommen: Die Kombination einer antirussischen Haltung mit rechtspopulistischen Anti-Islam-Diskursen trifft besonders muslimische Bevölkerungsgruppen an der ehemaligen Peripherie des Russischen Reiches. Der rechtsklerikal ausgerichtete Patriotismus eines Gregor Grezel nimmt, zusammen mit der dezidiert putinfreundlichen Haltung linksautoritärer Kreise, von Rußland bedrängte, muslimisch geprägte Minderheiten in eine Art Zangengriff, der kaum noch demokratischen Rangierraum für solch mehrfach Benachteiligte übrig läßt. Das Gerede über eine von muslimischen Bevölkerungsgruppen ausgehende „Gefahr“ und deren inhärente Neigung zu „Terrorismus“ und militärischer Aggression konvergiert oftmals sogar so gut wie lückenlos mit den Ordnungsinteressen und Rechtfertigungsstrategien des russischen Staates gegenüber seinen nicht-russischen Peripherien.

Für einen selbstbewußten, ostmitteleuropäischen Patrioten weist Grezel ohnehin ein merkwürdig defizitäres, um nicht zu sagen schizophrenes Geschichtsbild auf - schizophren in dem Sinne, daß
Teile der polnischen Geschichte und Kultur, die nicht zum gewünschten Zuschnitt europäisch-polnischer Identität passen, abgespalten und verdrängt oder geleugnet werden. Begrifflich bestens auf den Punkt gebracht hat Grezel dieses Verfahren mit seinen Phantastereien über Polen als orientfreier „Oase“. Das große, mächtige Polen-Litauen, das er beschwört, um dann im gleichen Text davor zu warnen, „unsere Grenzen für kulturfremde Migranten“ aufzumachen, reichte zu seiner Blütezeit bis fast an die Krim heran. Über die pontischen Steppen, das sogenannte „Wilde Feld“, standen die Polen über Jahrhunderte hinweg mit den angrenzenden Steppenvölkern, u.a. den Nogai- und Krimtataren wie auch mit dem Osmanischen Reich in Kontakt. Teils waren die Berührungen kriegerischer Natur, es entwickelten sich aber auch politische Allianzen und symbiotische Beziehungen.

In Polen selbst existiert bis heute – neben den turksprachigen, aber jüdisch geprägten Karäern – eine tatarisch-muslimische Minderheit. Die sogenannten Lipka-Tataren hatten sich seit dem 14. Jahrhundert auf dem Territorium des damaligen Großfürstentums Litauen niedergelassen und bildeten dort u.a. eine wichtige Stütze für die polnische Armee. Sie könnten ein historisches Beispiel liefern für die friedliche Koexistenz zwischen Juden, Christen und Muslimen bzw. für einen europäisch ausgestalteten Islam.

Wie eng die Geschichte Polens (bzw. Litauens) und die der Tataren aneinander geknüpft waren, zeigt sich u.a. auch daran, daß das krimtatarische Herrschergeschlecht der Girejs von einem Lipka-Tataren abstammte. Hacı Devlet Giray hatte zunächst im Zuge von Kämpfen um die Vorherrschaft im zerfallenden Mongolenreich in Litauen Zuflucht gefunden und erreichte dann auch mit litauischer Unterstützung die Ernennung zum Khan der Krimtataren. Innerhalb Polens wurde den Lipka-Tataren der Status einer rechtlich geschützten muslimischen Minderheit zugestanden. Dies verschweigt Gregor Grezel, während er Polen-Litauen als „demokratisch und freiheitlich“ charakterisiert und bis zu einem gewissen Grad als Vorbild für heutige Europäer hinstellt.

Auch ist das historische Polen-Litauen generell nicht für eine wie auch immer geartete 'kulturelle Reinheit' bekannt, sondern für eine „Sarmatismus“ genannte Mischung aus Traditionen unterschiedlicher geographischer Herkunft. Von ihr ließ sich u.a. der Schriftsteller Henryk Sienkiewicz, erster polnischer Nobelpreisträger, inspirieren. Insbesondere der polnische Adel war fasziniert von der osmanischen Kultur, bestellte sich seine Kleidung in Istanbul, dekorierte sein Haus mit islamischer Kunst und freute sich über von den Osmanen erbeutete oder ihnen nachgearbeitete Zelte, die für Geschäftsreisen oder Jagdausflüge genutzt wurden. Grezel unterschlägt oder weiß nicht, daß polnische Adlige auf Gesandtschaft in Westeuropa gerade aufgrund ihrer osmanisch und tatarisch inspirierten Pracht und Extravaganz auffielen.

Mit dem Osmanischen Reich führte Polen im 17. Jahrhundert etwa mehrere Kriege, beide Staaten unterhielten aber auch über 400 Jahre hinweg enge diplomatische Beziehungen. Im Zuge der polnischen Teilungen, die vom Osmanischen Reich nicht anerkannt wurden, suchten polnische Emigranten u.a. bei der Hohen Pforte Unterstützung und Zuflucht. Nach dem fehlgeschlagenen „Novemberaufstand“ gegen Russland gründeten sie 1842 bei Istanbul die polnische Siedlung Adampol – das heutige Polonezköy.

Ein exotisches und wenig bekanntes Kapitel der polnischen Außenpolitik stellen Beziehungen zu den westkaukasischen Tscherkessen dar. Es heißt, daß bereits Mitte des 16. Jahrhunderts fünf kabardinische Prinzen in Polen Zuflucht vor dem russischen Eroberungsdruck Ivans des Schrecklichen suchten und damit die Petyhorcy entstanden, eine leichte Kavallerie. Der Name leitet sich ab von der Herkunftsregion der nordkaukasischen Kämpfer, den „fünf Bergen“, auf russisch „Pjatigorsk“, woraus dann per Verballhornung das polnische „Petyhorcy“ wurde.

Sehr viel klarer umrissen sind die tscherkessisch-polnischen Beziehungen des 19. Jahrhunderts und die Beteiligung polnischer Freiwilliger am tscherkessischen Unabhängigkeitskampf gegen Russland. Nach der russischen Niederschlagung des polnischen Aufstandes wurden viele Polen gezwungen, sich innerhalb der russischen Armee an der Eroberung des Nordkaukasus zu beteiligen.
Polnische Deserteure siedelten sich unter den Tscherkessen an und kämpften mit diesen zusammen gegen die russischen Truppen. In etwa zur gleichen Zeit nahmen Exilpolen um Prinz Czartoryski über Istanbul Kontakt zu den Tscherkessen auf. Eine polnisch-tscherkessische Allianz sollte den gemeinsamen Feind Rußland schwächen und so zu beider Nutzen sein. Militärische Vorbereitungen wurden u.a. im erwähnten Adampol/Polonezköy getroffen. Der polnische Offizier Teofil Lapinski landete 1856 mit einer polnischen Division im tscherkessischen Tuapse. Seine Erlebnisse und Beobachtungen zur dramatischen Lage der Tscherkessen in den letzten Kriegsjahren publizierte er 1863 in Hamburg als „Die Bergvölker des Kaukasus und ihr Freiheitskampf gegen die Russen“. Nach der endgültigen Niederlage des Westkaukasus sollen auch Polen zusammen mit den Tscherkessen ins Osmanische Reich geflohen sein.
Sicherlich kann man in Bezug auf die polnische Geschichte nicht von einem spannungsfreien West-Ost-Verhältnis sprechen. Raubzüge, Versklavung und Schlachten gehörten ebenso dazu wie Koexistenz, kultureller Austausch und politische Allianzen. In Gregor Grezels Äußerungen ist allerdings für die Vielschichtigkeit einer solchen „durchmischten“ Geschichte an der pontischen Peripherie kein Platz. Die religiöse Terminologie vom „epochalen Kampf des Lichts gegen die Kräfte der Finsternis“, derer sich Gregor Grezel, gerade in Bezug auf die Frage der Zugehörigkeit des Islams zu Europa, bedient, erinnert auf ihre Weise an die Strategie des IS, sämtliche Zwischentöne und Grauzonen auszulöschen, um dann beide Lager mit unverminderter Wucht aufeinanderprallen zu lassen. Anstatt Polen als Brückenkopf zu sehen, als Scharnier zwischen westlichen und östlichen Traditionen, wird es zum kreuzritterlichen Bollwerk zurechtgestaucht.

Auch von europäischen Rechtspopulisten wird, was sich nicht in das Schema rasiermesserschaft gezogener Trennlinien zwischen 'humanistischem Abendland' und 'expansionistisch-aggressivem Islam' fügen läßt, weggelassen bzw. nachträglich wegretuschiert. Man arbeitet so lange mit Reduktion von Detailfülle und Kontrasterhöhung, bis ein maximal plakatives Bild entsteht, ein Schwarzweißrelief mit nur wenigen, grob geschwungenen Linien. Letztendlich könnte man selbst auf Gregor Grezels geliebte Pierogi noch einen kulturhistorischen Blick werfen und über eine etwaige mongolische oder chinesische Provenienz nachdenken, aber man soll gutes Essen ja bekanntlich nicht zerreden.

Bei Grezels Ansichten, und das soll im zweiten Teil der Anaylse deutlicher werden, bestehen – trotz deutlicher Kritik an der russischen Politik – oftmals wenig Unterschiede zur Ideologie eines Putin oder dem Weltbild der AfD. Es ist kein echte demokratische Vielfalt, die „Tichys Einblick“ hier bietet, vielmehr fügt sich die Gastautorenschaft eines Polen, der einem deutschsprachigen Publikum über Entwicklungen in seinem Heimatland und seine Perspektiven hierauf berichten darf, ein in das Anliegen eines rechten Ethnopluralismus.