Immer wieder ist es abgestritten worden: die deutsche Friedensbewegung
sei nicht politisch einseitig, sie sei vielschichtig und kritisch, sie pflege keine historisch gewachsenen
Rücksichtnahmen auf Rußland, habe zudem auch kein Extremismus-Problem. Nun, da
rechtspopulistische Montagsdemos mit dem Schlagwort "Frieden" hausieren
gehen, wird behauptet, diese seien ein separates Phänomen und hätten nichts
mit den "echten" Friedensaktivisten zu tun. Beides geht an der traurigen
Realität vorbei: Am 28.3.2014 wurde u.a. über die marxistisch orientierte
Neue Rheinische Zeitung und die
Junge Welt ein "Offener Brief an Putin" veröffentlicht, in dem "deutsche
Intellektuelle" - explizit vor dem Hintergrund der Ukraine-Krise und des
russischen Vorgehens auf der Krim - dem russischen Präsidenten ihre
Solidarität aussprechen und dies mit einem deutschen Friedenswillen begründen. Unter den Unterzeichnern: Funktionsträger der Linkspartei, Mitglieder der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschisten und von Pax Christi, Mitarbeiter weiterer linker Online-Zeitschriften und Vertreter diverser Friedensgruppen.
Ein zweiter Blick zeigt, daß es sich bei dieser Briefaktion um eine Querfront-Initiative handelt und sich hier auf ähnliche Weise wie bei den neuen Montagsdemos "Friedenskämpfer" der alten Garde mit entsprechenden Loyalitätsgefühlen gegenüber Rußland alias der Sowjetunion mit Rechtsextremen, Antisemiten und Verschwörungstheoretikern zusammenfinden, um einer
völkischen Expansionspolitik (bzw. alternativ zur Quelle aus Regierungssicht
hier die Kritik am Erstarken völkischer Argumentationsmuster aus Antifa-Perspektive) das Wort zu reden. Wohlgemerkt: es geht mir hier keinesfalls darum, eine
NATO-Expansionspolitik gutzuheißten, sondern um die Erkenntnis, daß wir
uns in ein neoimperiales, von Ressentiments, Feindbildern und
Militarismus geprägtes Zeitalter hineinbewegen, das von der Konkurrenz
unterschiedlicher Machtblöcke lebt. Beide haben sie ein Interesse daran,
sich jeweils als "alternativlos" zu präsentieren, womit sie trotz aller
Gegensätzlichkeit letzendlich der gleichen Logik zuarbeiten und sich
wechselseitig im Prozesse einer steten Polarisierung die Bälle
zuspielen. Eine Kritik, die dieses neue alte internationale System, daß
auf Geopolitik und militärische Interessensdurchsetzung setzt,als
solches betreffen würde und sich darum gleichermaßen an alle Seiten
richten würde, wird gemeinsam unterbunden.
Relevant ist dies für das Thema meines Blogs, den Völkermord an den Tscherkessen im engeren und die Kolonialgeschichte Rußlands im weiteren Sinne insofern, als hier ein gemeinschaftliches Interesse zwischen links und rechts zu Tage tritt, Diskussion und Aufarbeitung russischer Kolonialgewalt zu verhindern. Auf rechtskonservativer bzw. rechter Seite, weil man prinzipiell kein Interesse an einem
Zur-Sprache-Bringen von genozidaler Gewalt und einem Überdenken eurozentrischer Positionen hat, man wohl auch instinktiv die Verbindungen der Tscherkessen-Thematik zur anderen Völkermorden bis hin zum Holocaust-Thematik erkent. Auf linker Seite dagegen stellt das Thema ein Ärgernis dar, weil man sich den (post-)kolonialen Charakter Rußlands, die Gewaltverbrechen des Zarenreiches und der Sowjetunion wie auch das aktuelle Wiederaufleben imperialer Traditionen nicht eingestehen will bzw. gar nicht erst zwischen verschiedenen Epochen zu trennen weiß und Rußland ganz grundsätzlich als das Reich der Guten verstanden wissen will. Putin führt beides zusammen: linker und rechter Rand werden sich in Bezug auf seine Person einig. Schnittmenge ist die Geringschätzung demokratischer Strukturen und Menschenrechte als auch über die Faszination des starken Mannes, der mit symbolträchtigen Gesten und demagogischen Methoden so schön kräftig auf den Putz haut und eine Projektionsfläche für unzufriedene Westler bietet, einen ressentimentbeladenen, kleinbürgerlichen Eskapismus offeriert.
Bevor ich mich der Briefaktion selbst zuwende, soll es hier in meinem ersten Post um die Person von Jochen Scholz gehen, den Urheber der Briefaktion, wie auch um seine politischen Hintergründe und Netzwerke.
Jochen Scholz und seine Rolle in Elässers "Volksfront"-Initiative:
Scholz
ist ein langjähriger Bundeswehr-Offizier, der in verschiedenen
NATO-Gremien und im Bundesministerium der Verteidigung tätig war. Scholz
hatte
laut Spiegel
aus seiner Gegnerschaft zum Kosovo-Krieg heraus im Jahr 1999 Kontakt
zur PDS aufgenommen, sich dabei aber nicht grundsätzlich von NATO und
Bundeswehr distanziert (Zitat Spiegel: "Wenn es 40 Jahre nicht gebrannt
hat, kündige
ich ja auch keine Feuerversicherung."). Ungeachter seiner fortdauernden Militär-Affinität habe man, so der Spiegel, im Jahr 2000 sogar
erwogen, ihn zum Referenten der PDS für Sicherheits- und Verteidigungspolitik zu
machen. Wenn sich dies auch nicht realisierte, so wurde Scholz (
laut eigener Darstellung im Jahr 2002) doch zumindest formal Mitglied bei der Linken/PDS. Scholz arbeitete mit WASG und
Rosa-Luxemburg-Stifung zusammen und wird als Referent in linken
friedenspolitischen Kreisen herumgereicht. So ist er beispielsweise am
9. Mai 2009 anläßlich der
Bundesversammlung der Bundesarbeitsgemeinschaft Frieden und Internationale Politik zusammen mit Bernd Riexinger, Anette Groth, Claudia Haydt und Tobias Pflüger als Redner aufgetreten.
Zu diesem Zeitpunkt war Scholz jedoch bereits Teil der "Volksfront"-Bewegung Jürgen Elsässers, an deren Gründungsveranstaltung
er am 10.1.2009 mitwirkte. Auch beim "Volksfront"-Treffen am 5.9.2009 war Scholz als Redner beteiligt - Seite an Seite mit Querfront-Strategen und rechten Esoterikern, die die Welt von
obskuren Kräften, darunter gerne "das Finanzkapital" oder ausländische
Geheimdienste, gesteuert glauben. (Hauptquellen zu diesen beiden
Veranstaltungen:
Jungle World und
scharf links
/ zu den Mitschnitten der Gründungsveranstaltung auf youtube habe ich
aufgrund der türkischen Netzsperre momentan leider keinen Zugriff) Unter
den Mit-Rednern war u.a. Frank Höfer, Betreiber des
verschwörungstheoretischen Portals
Nuoviso.TV, das
Jochen Scholz in der Folge mehrfach eine Plattform geboten hat. Scholz hat sich
zudem als Autor an dem von Jürgen Elsässer herausgegebenen Band "Gegen
Finanzdiktatur" beteiligt, der in der Compact-Reihe im (antisemitisch
geprägten)
Kai Homilius Verlag erschienen ist und den Anspruch erhebt, "
wichtige Grundlagentexte und Strategiepapiere der Volksinitiative"
zu versammeln. Er ist also in Elsässers Querfront-Initiative keine ganz unbedeutende Figur.
Jochen Scholz hat sich hiermit selbst in ein durch und durch
unseriöses politisches Umfeld
begeben, seine Beiträge werden herumgereicht von rechten
Esoterikern, Chemtrail-Anhängern, der
faschistoiden Truther/Infokrieger-Bewegung
und Reichsbürgern. Mittels seiner aktuellen Briefaktion hat er
nun auch bei den Rezipienten der "Stimme Rußlands" und ihren
Schwestermedien Gehör gefunden. Interessanterweise hatte sich der TAZ-Redakteur Helmut Höge bereits von der Gründungsveranstaltung der "Volksfront"
an "eine Verbindung zwischen Nationalismus und Bolschewismus" erinnert gefühlt und auch die
Antifa-Seite "Analyse, Kritik, Aktion" hatte in Bezug auf Elsässer vor "Nationalbolschewismus" gewarnt:
"Was Elsässer in Deutschland zunehmend penetrant versucht
umzusetzen, hat Alexander Dugin im postsowjetischen Russland
längst geschafft. Seine nationalbolschewistischen und
neoeurasischen Theorien bestimmen seit den 90iger Jahren
den dissidenten und auch den staatlichen Diskurs. Hierbei
vermischen sich orthodox imperiale Vorstellungen von Moskau
als dem Dritten Rom, bolschewistische
Alleinvertretungsansprüche nach Innen und kulturpolitische
Interventionen in die Gegenkultur, aber auch die etablierten
Medien."
Jochen Scholz, anscheinend immer noch
Mitglied der Linkspartei, scheint diese explosive Verquickung nun mittels seines Putin-Briefes auch
auf internationaler Bühne vorantreiben zu wollen. Es wächst zusammen, was zusammen gehört.
Die geopolitischen Ambitionen von Scholz - "Projekt für das Neue Europäisches Jahrhundert"
Scholz
hat nebeneinanderher 3 Strategiepapiere geschrieben, mittels derer er seine Gedanken über eine "Neue Weltordnung"
entwickelt: das erste für die WASG, das zweite für eine Publikation der
Rosa-Luxemburg-Stifung unter dem Titel "Internationale Politik im 21.
Jahrhundert" und das dritte dann offenbar parallel dazu in Eigenregie
bw.
unter Einfluß einer rechten Psychosekte. Auffällig ist hier ein Oszillieren zwischen einer friedenspolitischen Kritik an Geostrategie und der Forderung nach einer eigenen deutschen geopolitischen Linie. Hatte
Scholz sein
WASG-Strategiepapier als Unterfangen ausgegeben, das es der "konsequent für Frieden"
stehenden Partei erlaube, die Motive und Strategien des Gegners zu
verstehen, um darauf aufbauend "argumentativ und konzeptionell
überzeugen" zu können, so geht es in den in Folge publizierten Papieren um anderes. Seine
Argumentation ist hier weitaus flacher, einseitiger und militaristischer
und geht mehr oder weniger nahtlos von Kritik an der "Neuen Weltordnung" zur Formulierung eigener geopolitischer Ansprüche und halbgaren Träumen von einem zu neuer Größe erweckten Europa/Deutschland über. Mitunter schlägt sogar eine Anlehnung an Alexander Dugins
Konzept einer
Eurasischen Gemeinschaft durch, das für Putin - neuerdings auch in den Ländern der EU - ein wesentliches Werbevehikel darstellt.
a) Sein
WASG-Strategiepapier unter dem Titel "Internationale Zusammenarbeit, Frieden und Abrüstung, deutsche Politik für Europa"
(publiziert am 16.9.2005 auf "Studien von Zeitfragen") kann noch am ehesten als friedenspolitische Positionierung durchgehen, auch wenn hier einiges nicht recht in den Rahmen paßt. Positiv zu werden ist, daß die
historische Rolle Deutschlands zumindest ansatzweise noch kritisch
beleuchtet und daraus eine politische Verantwortung abgeleitet wird: "Die
besondere historische, aber auch ökonomische/politische Position Deutschlands weist unserem Land und seiner Politik für den künftigen
Kurs der EU eine besondere Verantwortung zu. Ihn zu gestalten und dabei
einen friedlichen und gerechten Weg zu wählen, wird die schwere und
historisch gebotene Aufgabe mindestens des kommenden Jahrzehnts sein"
. Die
zunehmende Ausrichtung der deutschen Außenpolitik auf militärische
Interessensdurchsetzung seit den 1990ern bezeichnet er dementsprechend
als "historischen Rückschritt".
Als Ziele werden u.a. die Auflösung der
Blockkonfrontation und "das Verhindern neuer Rivalitäten zwischen neuen
Machtzentren" formuliert. Scholz fordert, "Bedrohungsanalysen und -szenarien nüchtern gegen die
tatsächlichen Bedrohungen abzuwägen und das Hauptaugenmerk auf
Grundgüter
[...] zu richten" und der
Erosion des Völkerrechts entgegenzuwirken."Für dieses Kontrastprogramm",
so Scholz im WASG-Papier, müßten "auch die USA gewonnen werden". Das klingt ausgleichend und versöhnlich, jedoch zeugt der Untertitel "Ein geostrategisches Konzept für die WASG" bereits von einer in verschiedene Richtungen wendbaren politischen Ambivalenz und ist die Betonung des "Außenpolitik ist Interessenpolitik" zumindest tendentiell widersprüchlich zu seiner Forderung nach einer Politik des solidarischen Ausgleichs und einer friedlichen und sozialen Welt: "Europäische Wirtschaftspolitik darf sich nicht allein an den kurzfristigen Interessen der Europäer orientieren, sondern muss sich in den oben ausgeführten Kontext einer friedlichen und sozialen Welt integrieren." Gleichermaßen wird offen gelassen, was konkret "deutsche Politik für Europa" bezeichnen soll. Stark populistisch vereinfachend ist seine Behauptung, das "Dollarsystem" stelle " die Hauptursache für bestehende und künftige kriegerische Konflikte" dar.
b) In der nachfolgenden Publikation der Rosa-Luxemburg-Stiftung, datiert auf Oktober 2008, klingt Scholz, der darin mit dem Aufsatz "
Die wichtigsten Konflikte in den nächsten Jahren: in Eurasien"
vertreten ist, schon weitaus schriller und polarisierender. So gestattet er sich selbst eben mal, den militärischen Terminus der "full spectrum dominance"
zum "Synonym für den Anspruch der USA, kulturell, rechtlich,
diplomatisch, ökonomisch und finanzpolitisch, militärisch,
gesellschaftlich und moralisch der Welt den Takt vorzugeben" auszuweiten (S.20)
und fokussiert damit auf die USA als Ursprung allen Übels. Aus meiner
Sicht liegt hier ein recht platter, geschichtsverdrehender
Antiamerikanismus vor, der sämtliche globale Probleme am politischen Streben der USA festmacht: "Ich gehe davon aus, dass das Streben der USA nach
Konservierung und
Erweiterung ihrer machtpolitischen Stellung die Hauptursache für die
wichtigsten Konflikte in der Welt ist, die sich mit Schwerpunkt in
Eurasien abspielen." (S. 23). Scholz projiziert diese seine Analyse sogar
auf das gesamte 20. Jahrhundert zurück und behauptet,
"dass die USA, vereinfacht ausgedrückt, zwei Weltkriege und den Kalten
Krieg geführt haben, um die Weltstellung zu erreichen, die sie jetzt
inne haben" (S.22), seine Argumentation ist damit geeignet,
Deutschland von jeglicher historischer Schuld und Verantwortung freizusprechen.
Die hier von Scholz formulierte Strategie sieht denn auch nicht mehr vor, die USA für eine
neue Weltordnung zu gewinnen, sondern "den USA die Fähigkeit zur
Machtprojektion so zu beschneiden, dass ingesamt für alle Staaten eine
Win-Win-Situation entsteht" (S. 24). Wurde zuvor noch eingeräumt, daß
"die deutsche Exportwirtschaft und deutsche Großbanken" in Hinblick auf
eine auf den Dollar ausgerichtete Weltwirtschaft "Mitprofiteure" seien,
so ist davon in der RLS-Publikation nicht mehr die Rede, hier erscheint
der "Rest der Welt" einschließlich der EU als Opfer einer globalen
US-Finanzpolitik (S. 24). Das europäische Militär werde, so suggeriert Scholz, bewußt kleingehalten:
"Die
vergleichsweise kleinen „BattleGroups“ der EU (1 500 Soldaten) gestehen
die USA den Europäern als Spiel- und Übungswiese zu." (S. 21).
"
Nachdem die EU derzeit weitgehend unter Kuratell gestellt und in das geostrategische "New Game" eingebunden" sei, würden im Grunde sogar nur "noch zwei Staaten der Beherrschung Eurasiens" im Wege stehen: Rußland und China (S. 22). Wenig später nimmt er dann eine weitere geographische Verengung vor und behauptet, "dass sich die entscheidenden internationalen Konflikte in Eurasien abspielen werden und dabei Rußland das eigentliche Ziel der US-Politik in Eurasien ist" (S.22).
Die
hierfür ins Feld geführten Indizien belaufen sich im wesentlichen auf die Behauptung der putinschen NATO-Einkreisungsthese, die aktuell nun gerne auch in linken Kreisen zur Rechtfertigung der russischen Expansionspolitik angeführt wird und damit links und rechts hinter dem starken Mann in Moskau vereint. Zwar schlägt Scholz
Maßnahmen vor, die die "Konfliktzone Eurasien" entschärfen
sollen (S.25), jedoch liegt, gerade aufgrund seiner eindeutigeren Formulierungen imm "Offenen Brief an Putin" (insbesondere seine Bezugnahme auf die von Putin propagierte "Wirtschaftsgemeinschaft von Lissabon bis Wladiwostok") der Schluß nahe, daß Scholz auch hier die Eurasien-Strategie eines Alexander Dugin mitverwurstet hat und sich von dieser inspirieren ließ. An Dugin erinnert nicht nur die Vorstellung von der Schaffung eines eurasischen Gegengewichtes zu Transatlantizismus bzw. das Wettern gegen "[d]ie politische Klasse in der EU mit ihren transatlantisch gewaschenen Hirnen" (S. 25)
sondern auch die geforderte Rückkehr zu nationalstaatlich ausgerichtetem Kapitalismus. Sollte Scholz hier seine Ausführungen noch nicht direkt unmittelbar von den Duginschen Thesen geformt worden zu sein, bestehen zumindest bereits Anknüpfungspunkte.
c) Am deutlichsten bezüglich des Wunsches nach einer aktiven weltpolitischen Rolle Deutschlands/ der EU wird Scholz jedoch in seinem
"Projekt für das Neue Europäische Jahrhundert" das, wie bereits durch
den Titel ausgedrückt, an den neokonservativen
amerikanischen Think Tank "
Project for the New American Century"
angelehnt ist und sich auch explizit als europäischer Gegenentwurf
hierzu versteht (ungeachtet der Tatsache, daß das amerikanische
Original bereits im Jahr 2006 zu existieren
aufgehört hatte). Publiziert wurde es (laut Online-Portal
tlaxcala) ursprünglich am 8. September 2008 auf
Zeit-Fragen, wo es allerdings zur Zeit nicht abrufbar ist. Gedacht gewesen sei es als "ein echtes programmatisches Manifest", das zunächst auf der von selbigem Internet-Magazin veranstalteten Konferenz namens
"Mut zur Ethik" des Jahres 2008 vorgetragen worden sei. Eventell von Interesse in diesem Zusammenhang: auch an
"Mut zur Ethik" des Jahres 2010 hat Scholz im Gespann mit Jürgen Elsässer als Redner teilgenommen, die Beziehungen zu Zeit-Fragen weisen also eine gewisse Konstanz auf.
Das Magazin "Zeit-Fragen" wird als rechtslastig und
verschwörungstheoretisch eingestuft und
steht mit der VPM-Sekte ("Verein zur Förderung der Psychologischen Menschenkenntnis") in Verbindung. Laut der Rechtsextremismus-Forscher Martin Dietzsch und Anton Maegerle fallen VPM/"Mut zur Ethik" unter "
Politisierende Psycho-Sekten",
die entweder selbst rechtsextrem sind oder rechtsextremen Positionen
zuarbeiten. Vordergründig trat VPM für einen gewaltfreien
zwischenmenschlichen Umgang ein und machte sich friedenspolitische
Positionen zu eigen (siehe Webseite von "
Mut zur Ethik").
Formal ist VPM nun aufgelöst, die Tätigkeit der Europäischen
Arbeitsgemeinschaft "Mut zur Ethik" reicht bis ins Jahr 2010, das
Magazin Zeit-Fragen läuft weiter und es wird vermutet, daß frühere
VPM-Anhänger sich nun in anderer Form organisieren (Überblick hierzu bei
wikipedia).
Nun aber zum Inhalt des "Projektes": Scholz, der die Bundesrepublik hier seit 1990 unter einer
"historisch einmaligen Dominanz der USA als einziger Supermacht" wähnt,
fordert
Deutschland dazu auf, die Politik aus der Zeit der "Unterordnung
während des Systemkonfliktes" aufzugeben und eigene Interessen zu
formulieren. Bereits der Einleitungssatz lautet trotzig-selbstbewußt:
"Als Staat «Interessen» zu
haben gilt in der deutschen Bevölkerung vielfach noch immer als
unanständig, obwohl durchaus gesehen wird, dass Deutschland Objekt der
Interessenlage anderer ist." Gemeint ist, das Deutschland sich von
seiner angeblichen "Überidentifikation" mit der US-Politik emanzipieren
nunmehr eigenständiger geopolitischer Player auftreten solle. Scholz hat
sich hiermit von seiner WASG-Position (" Damit wird die
weltweite Anerkennung verspielt, die sich Deutschland durch die
machtpolitische Zurückhaltung seit der großen Koalition erworben hatte)
deutlich entfernt und klingt sehr viel mehr nach neudeutschem
Militärstrategen denn nach einem auf Ausgleich und Verständigung bedachten Pazifisten, auch wenn sein Projekt insgesamt heterogen und stellenweise widersprüchlich bleibt.
In der Geschichtsinterpretation von Scholz
erscheint die Politik des Ausgleichs mit den osteuropäischen Nachbarn
und damit das Ende der Blockkonfrontation als verzweifelter Versuch,
sich von der transatlantischen Bevormundung zu befreien - das Unterfangen schlägt fehl und führt zu einem umso festeren Klammergriff der USA. Die
alle Bereiche gesellschaftlichen Lebens umfassenden Vormachtpläne
der USA werde hier nun nicht mehr als persönliche interpretative Erweiterung,
sondern als faktisch gegeben behauptet (wenn auch unter erheblicher
Strapazierung und Dehnung der angegebenen "Belege"). In einer über
mehrere Paragraphen reichenden holzschnittartigen Schilderung prangert
Scholz mittels bunt zusammengewürfelter Quellen (
von Manager-Literatur und "Studien für Zeitfragen" über Verweise auf
William F. Engdahl und Jürgen Elsässer bis hin zum rechtsesoterischen Kopp-Verlag) und einigermaßen beliebig und unmotiviert
herausgegriffener Beispiele und Gewährsmänner die Strategie des "America
First" samt den "zynischen Handlungsanweisungen" der USA an, wobei er
sich nicht die geringste Mühe gibt, zwischen verschiedenen politischen
Akteuren und Akteursgruppen zu differenzieren. Behauptet wird eine mehr
oder weniger einheitliche "Überparteiliche US-Interessenlage", die auch
Präsidentschaftswechsel überdaure. Die deutschen "Durschnittsbürger"
würden, so Scholz, von den "Mainstream-Medien" über diese Sachlage
weitgehend in Unkenntnis gelassen.
In diesen Zusammenhang wird auch die -
im Vergleich zum RLS-Text noch platter vorgetragene - Behauptung
gestellt, Amerika habe "zwei Weltkriege geführt,
um eurasische Macht zu werden, die auf diesem Kontinent den Ton
angibt". Auch in Bezug auf die deutsche Gegenwart ist eine derartig verzerrende Sichweise bemerkenswert, ist es doch gerade die Krise in der Ukraine, die rechtskonservativen deutschen Eliten erneut Anlaß zu
Rufen nach "Deutscher Führung" und "Hauptrolle in Europa" gibt. Daß Scholz an späterer Stelle in Bezug auf einen Interessensausgleich zwischen Deutschland und den anderen EU-Staaten etwas verklausuliert rügt, daß die Nachfolger Kohls "für Deutschland eine Normalität, die sich angesichts seiner Geschichte im 20. Jahrhundert verbieten sollte" reklamieren, hebelt diese Argumentationsmuster nicht aus, ist vielmehr ein recht typisches Beispiel für das Oszillieren des Textes zwischen traditionell linken und rechten Positionen bzw. deren Vermischung.
Scholz geht es in seinen Klagen über
US-Hegemonie nicht nur um Militär und Politik, sondern in nicht unbedeutendem Maße auch um Wirtschaftskonkurrenz, er
suggeriert, der "ökonomische Riese" Bundesrepublik sei sich seiner
tatsächlichen Stärke gar nicht bewußt, verharre "in einem Zustand des
Reagierens", während sich US-Unternehmen besser auf die neue Weltordnung
eingestellt hätten und dort gelte, daß "die Politik die Wege ebnet, ggf. mit
Brachialgewalt". Transnationale Akteure, deren Loyalitäten nicht bei
Nationalstaaten liegen sondern zusammen mit anderen Akteuren ein
Interessens- und Handlungsgeflecht bilden, scheinen im kruden Weltbild
von Scholz keinen Platz zu haben. Das "Dollarsystem" tritt vielmehr als
Zwillingsproblem neben "die militärische Suprematie der USA". Offenbar
hält Scholz seine diesbezüglichen Einsichten sogar für so bahnbrechend
und tendentiell von weltpolitischer Bedeutung, daß er seinen Text von vornherein an
den Bundesverband der Deutschen Industrie als Hauptadressaten richtete. Es findet sich demnach einerseits viel ressentimentbeladene Kritik an einem offenbar als Fremdkörper empfundenen internationalen Finanzwesen, andererseits aber keine auch nur einigermaßen konsistente und durchgängige linke Kritik an neoliberalen Wirtschaftsweisen und -strukturen jenseits einer Personifizierung durch die USA.
Hier berühren sich die Ansichten von Scholz denn auch mit denen eines Lars Märholz, wenngleich letzterer den vermeintlichen historischen Zusammenhängen zwischen Weltkriegen und amerikanischer Finanzpolitik deutlicheren Ausdruck verleiht.
Jutta Ditfurth , die allerdings selbst auf ihrer facebook-Seite diejenigen, die Kritik an Putins Vorgehen und russischem Faschismus tätigen, zensiert und hinauswirft und somit aus meiner Sicht ebenfalls nicht ausgeglichen kritisiert, dekonstruiert die antisemitischen Vorstellungswelten eines Mährholz wie folgt:
"
Nicht Nazi-Deutschland ist schuld an der Ermordung von 6 Millionen
jüdischen Menschen und am Zweiten Weltkrieg in dem mehr als 50 Millionen
Menschen starben, sondern eine US-amerikanische Bank. Auf dem
Hintergrund der antisemitischen Konstruktion einer jüdischen
Weltverschwörung bedeutet das: Die Juden selbst sind in Wirklichkeit die
Mörder von Millionen Juden."
Auch läßt sich bei Scholz eine gewisse Affinität zu den
antisemitischen Argumentationsfiguren der verkürzten Finanzkritik eines Ken Jebsen erkennen.
Der Ausstieg aus dem "Dollarsystem", so Scholz, könne nur mittels neuer strategischer Bündnisse gelingen, denn für sich alleine genommen sei Europa nicht stark genug:
"Die USA werden ohne Not nicht bereit sein, sich auf einen mulilateralen
Ansatz einzulassen, solange sie vom Ist-Zustand den Rahm abschöpfen
können, ihre Position der Stärke weit überschätzen und ihnen die
Unkosten zum grossen Teil vom Rest der Welt erstattet werden.
Andererseits können die anstehenden Probleme nicht ohne Amerika gelöst
werden. Folglich muss Europa Verbündete finden, um die Vereinigten
Staaten zur Einsicht zu bringen."
Ein Konsens wird letzendlich jedoch nicht mehr mit den USA, sondern "ausserhalb der USA" angestrebt. Vereint mit China und Rußland könne Europa die Transformation zu einer neuen Weltordnung anstoßen:
"Europa ist stark genug, um über eine wirtschaftlich-strategische Verbindung mit Asien und Russland die Verantwortung für eine gerechtere und fairere Weltwirtschaftsordnung zu übernehmen." Letztendlich wird hier trotz kursorischer Verweise auf eine "fairere Weltwirtschaftsordnung", auf Lateinamerika und Afrika, auf recht ethnozentrisch-überheblich anmutende Weise von der "globalen Rolle" Europas als quasi natürlich gegebenem Umstand ausgegangen.
Nimmt man die hier besprochenen drei Papiere zusammen, entsteht der Eindruck, daß es
Scholz - wenn denn überhaupt - weniger um eine prinzipielle Gegnerschaft zu Geostrategie,
Machtpolitik und
militärischer Interessensdurchsetzung gehen könnte, denn um ein
Wiedererstarken Deutschlands durch einen strategischen Schulterschluß
mit Rußland (und in zweiter Reihe mit China), er sein Anliegen dann aber je nach Publikationsorgan mehr oder
weniger linksideologisch verpackt. Kurz, seine sowieso schon flache Systemkritik scheint partiell oder ganz vorgeschoben, um neoimperiales Konkurrenzgehabe Deutschlands/ der EU und einen neudeutschen
Neidkomplex in Bezug auf internationale Machtspiele auf einen gesellschaftlich und politisch anschlußfähigeren Nenner zu bringen und dabei auch antisemitische Klischees zu bedienen.
Was war zuerst da?
Berücksichtigt man, daß sich unter
www.medienanalyse-international.de
ein Text findet, der den Titel "Projekt für ein neues europäisches Jahrhundert" trägt und, abgesehen von den weniger umfänglich ausfallenden Quellenangaben, weitgehend inhaltsgleich mit Scholz' VPM/Zeit-Fragen-Papier ist, dieses dort auf März 2004 datiert ist und
damit noch vor dem WASG-Papier entstanden sein könnte, so wird
wahrscheinlicher, daß Scholz von Anfang an mehrgleisig vorgegangen ist
und die politische Ausrichtung seiner "Analysen" auf strategische Weise
seinen jeweiligen Auftragsgebern angepaßt hat. Die redaktionelle
Einleitung des Textes auf
www.medienanalyse-international.de spräche dafür: "
Erwarten
Sie ein Konsensangebot, das in strategische Abteilungen deutscher
Konzerne gerichtet ist. Die Zahl linker identitätsstiftender
Verbalradikalismen wie "imperialistisch", "Kampf dem xy" usw. ist
limitiert." Demzufolge könnte es sich beim Unterfangen von Scholz
von Anfang an um ein Querfront-Projekt gehandelt haben, weit vor
Elsässers "Volksfront"-Initiative.
Einmal vorausgesetzt, man sei bereit, die deklarierten linken Positionen ernstzunehmen, so müßte doch sehr irritieren, daß Linkspartei und
Rosa-Luxemburg-Stiftung wie auch diverse friedenspolitische Organisationen ungeachtet der Texte von Scholz und ungeachtet von dessen rechtsesoterischen Umtrieben über Jahre hinweg mit ihm als "Friedensreferenten" zusammengearbeitet haben und sich von linker und friedenspolitischer Seite bis heute keine offizielle Distanzierung finden läßt.
Sogar in jüngster Zeit ist Scholz noch bei Veranstaltungen der Linken
aufgetreten, so etwa im Rahmen der Berliner "Inselgespräche" im
September 2013, und zwar zum Thema "
Das Mittelmeer, ein US-amerikanisches Binnenmeer? Bietet das Buch "Showdown" von Dirk Müller die passende Analyse?" Zumindest Mitreferent Andreas Schlüter, ebenfalls Mitglied von Die Linke, scheint diese Frage positiv beantwortet zu haben:
Auf Schlüters Blog wird Müller dafür gelobt, daß er "die Doppelmoral im Verhalten westlicher Staaten" in seinem "neuen, überaus zu empfehlenden Buch "Showdown" überzeugend darlegt" - nach einem kursorischen Verweis auf Griechenland erfolgt dann auf dem Fuße eine augenfällig plazierte Kritik an Israel. Vom
Spiegel wird "Showdown" dagegen als "nur so vor abenteuerlichen Verschwörungstheorien" strotzend beschrieben. Daß Börsenguru
Dirk Müller, alias Mr. Dax, ungeachtet oder vielleicht auch gerade wegen seiner antisemitisch anklingenden Fixierung auf "Zinseszins"-Kritik in linken Kreisen eine gewisse Wertschätzung erfährt, habe ich auch selbst im im Zusammenhang mit der Ukraine-Krise in Diskussionen auf diversen linken Facebook-Seiten erfahren müssen, wo er zusammen mit Jebsen als kompetente "Gegenöffentlichkeit" angepriesen wurde. Die gemeinsame Veranstaltung mit Schlüter zeigt: Scholz ist in der Linkspartei mit seinen Vorlieben für antisemitische Querfront-Projekte im Umfeld von Elsässer und Jebsen keineswegs alleine.
Auf große Resonanz sind die geopolitischen Projekte von Scholz in Wirtschaft und Politik bisher wohl nicht gestoßen. So, wie Scholz hier seine recht disparate Lektüre mit politischen Platitüden und Halbwahrheiten zu einem unausgegorenen Konglomerat zusammenschraubt, wirken die Texte eher tragikomisch-unbeholfen. Man kann durchaus zu dem Schluß gelangen, daß sich Scholz hier intellektuell völlig übernommen hat. Insbesondere sein Zeit-Fragen-Text ist ähnlich nervtötend wie die Reden von Jebsen oder Müller. Alle drei haben etwas von einem Zauberer, der ein mit wichtiger Miene das bekannte weiße Karnickel aus dem Hut zaubert und aus Gewohnheit darauf zählt, daß das Publikum begeistert klatscht. Altbekannte Klischees und Platitüden werden hervorgezerrt und neu kombiniert, um dann wie ein Kaugummi ausgelutscht, in die Länge gezogen und breit und breiter getreten zu werden - so lange, bis auch der letzte Zuhörer verstanden hat, daß es hier um tiefschürfende Einsichten in das geht, was uns "die Massenmedien" verschweigen möchten.
Beunruhigend trotz dieser intellektuellen Simplizität und der Floskelhaftigkeit des Vorgebrachten ist der weitere Diskurszusammenhang, der sich hier entspinnt und nun eine Fangemeinschaft entstehen läßt. Er führt linke Befindlichkeiten und Loyalitäten aus der Zeit des Kalten Krieges (Stichwort sowjetischer "Friedenskampf") und entsprechende propagandistische Verblendung mit neurechten Themen und ähnlich geschlossenen Weltbildern zusammen. Die Taschenspielerei, mittels derer pazifistische Positionen unbemerkt ausgetauscht werden mit einem Projekt, das nur oberflächlich "Frieden" fördert und in Wirklichkeit politischen Lagern bzw. Lagerbildung als solcher zuarbeitet, könnte zu einem echten gesellschaftspolitischen Problem werden. Gleichzeitig werden die Chancen auf einen kritischen Dialog reduziert: das flache, stark vereinfachte Weltbild und die demagogisch überspitzten Darstellungsweisen der Querfront-Friedenskämpfer provozieren förmlich ein argumentatives Dagegenhalten. In einem Weltbild, das nur zwei gegensätzliche Positionen (ob nun USA und Eurasien, die "Herrscher" und "das Volk", Wir und die Anderen oder Gut und Böse) kennt, wird Widerspruch jedoch automatisch wieder als Bestätigung für die Richtigkeit der eigenen Ansichten gewertet. Wer Putin nicht liebt, der verehrt Obama, wer Antisemitismus thematisiert, muß Antideutscher sein, wer von Tschetschenen spricht, mag keine Palästinenser, wer Ukrainern zuhören möchte, ist Faschist. Wer kritisiert, muß auf der Gegenseite stehen, ist von den "Mainstream-Medien" manipuliert, ein bezahlter Agent....
Mit
friedenspolitischen Positionen im eigentlichen Sinne, d.h. einem Hinarbeiten auf Verständigung und Ausgleich, hat diese Haltung nicht das Geringste zu tun, ihr Effekt ist der einer Verunsachlichung und letzendlich Torpedierung des politischen Gesprächsklimas. Von den eigentlichen Problemen lenkt sie ab, indem sie zwei spiegelbildlich konstruierte Lager gegeneinander antreten läßt und die Unmöglichkeit von Standpunkten jenseits der von ihr vorangetriebenen Polarisierung behauptet. Der Putin-Brief, obwohl als politische Initiative recht unbedeutend (das in ähnlichem Umfeld beheimatete Medienportal
0815-info.de beschwert sich über das "Schweigen" der deutschen Medien, das geradezu nach "Gegenöffentlichkeit" schreien würde), zeigt, wie weit dieser Prozeß schon gediehen ist.
Hinweis: Ich distanziere mich ausdrücklich von hier verlinkten extremistischen Seiten und deren möglicherweise strafrechtlich relevanten Inhalten. Ihre Aufführung dient alleine Informationszwecken.