Zarische Truppen, Krasnaja Poljana, 21.5.1864

Zarische Truppen, Krasnaja Poljana, 21.5.1864

Mittwoch, 27. November 2013

kNOw Sochi-Kampagne auf indiegogo - Caucasus Forum (Istanbul)

20131116104849-knowsochiredDie in Istanbul beheimatete NGO Caucasus Forum (Kafkasya Forumu), die sich bereits international einen Namen gemacht hat, hat eine neue Kampagne gestartet, um im Rahmen der Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi auf die Existenz der Tscherkessen und deren tragischer Geschichte aufmerksam zu machen. Über Indiegogo besteht die Möglichkeit, diese Kampagne zu unterstützen.

Beim Slogan der Kampagne, der hier im englischen Original belassen wurde, handelt es sich um ein Wortspiel aus:
- No Sochi - Nein zu Sotschi!
und
- Know Sochi - Erkenne die Wahrhheit über Sotschi/ Informiere Dich über Sotschi!

Es folgt .- in Absprache mit den Organisatoren des Caucasus Forum - eine deutsche Übersetzung des englischen Originalaufrufs
(Der Aufruf mit der deutschen Benutzeroberfläche von indiegogo findet sich unter http://www.indiegogo.com/projects/know-sochi-olympics-on-the-land-of-genocide?locale=de)

Hinweis: Mir ist es in erster Linie wichtig, daß auch ein breiteres Publikum konkrete Möglichkeiten erhält, sich einzubringen. Gerne auch poste ich Hinweise und Links auf Kampagnen, Aufrufe und Stellungnahmen zu Sotschi, die von anderen tscherkessischen Verbänden und Initiativen ausgehen. 


                                                                                           

Know Sochi - Olympische Spiele auf dem Boden des Genozids


Wir haben versucht zu verhindern, daß die Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi als Boden des Genozids abgehalten werden. Wir haben es nicht geschafft. Nun ist es unser Ziel, die Öffentlichkeit auf die Wahrheit über Sotschi aufmerksam zu machen. Unterstützen Sie uns!   

"Entgegen moralischer Wertekanons, olympischer Werte und dem Wortlaut der Olympischen Charta werden die bevorstehenten Olympischen Winterspiele Sotschi 2014 auf dem Boden des tragischen Völkermords der Tscherkessen abgehalten in dem Jahr, in dem er sich zum 150. Mal jährt. Tscherkessen haben weltweit und  bereits bevor Sotschi den Zuschlag als Ort der Austragung der Olympischen Winterspiele erhielt, auf diese schwerwiegenden Tatsachen hingewiesen, während die Organisatoren der bevorstehenden Spiele diese ignoriert oder unter Verschluß gehalten haben.  
Die Welt ist nach Sotschi eingeladen worden .- allein den heutigen Tscherkessen wird nicht erlaubt, in die Hauptstadt ihres ehemaligen Heimatlandes zurückzukehren. Als die ursprünglichen Bewohner dieses Landes möchten wir die Wahrheit über Sotschi verbreiten und darüber, wie wir getilgt wurden vom Land, von den Landkarten und aus der Geschichte.  



Wir hoffen, daß diejenigen, die an Gerechtigkeit glauben, eine mutige symbolische Haltung einnehmen werden, indem sie die Kappe tragen und damit der 1,5 Millionen Tscherkessen gedenken, die in dem Genozid umkamen.
Dieser Kit, der eine Beanie-Mütze, historische Quellen und Aufkleber beinhaltet, wird an über 300 Athleten in über 60 verschiedenen Ländern gehen. Die aufgebrachten Fördermittel werden für die Produktions- und Versandkosten verwendet. 
Tscherkessen werden nicht aufhören in ihren Bemühungen, die Öffentlichkeit auf die Wahrheit über Sotschi aufmerksam zu machen. Bitte schließen Sie sich uns an, damit wir unsere Stimmen erheben. 
Für detaillierte Informationen über die No Sochi Bewegung und den Genozid an den Tscherkessen sehen Sie bitte:  :http://www.nosochi2014.com - www.knowsochi.org - www.knowsochi.com"


Die vom Caucasus-Forum angebotenen festen Förder-Optionen sind: 
- US $ 10: "Every support is worthy!" - Jede Unterstützung ist wertvoll: Förderer erhalten per email ein digitales Anti-Ticket als Zeichen ihrer Unterstützung 
- US $ 100: "Just & Generous" - Gerecht und großzügig; Förderer erhalten als Zeichen ihrer Unterstützung zusätzlich zum digitalen Anti-Ticket einen Athleten-Kit. 

Dienstag, 26. November 2013

Die Sotschi-München-Connection: Ein nachträglicher Kommentar zu Nicole Gohlke



Am 16.10.2013 hatte ich Nicole Gohlke in einem offenen Brief an die vor den Wahlen zugesagte Unterstützung erinnert und dabei auch geschildert, welche Probleme für mich aktuell zu bewältigen wären, um meine Arbeit als Wissenschaftlerin fortführen zu können. Auf eine vorherige email vom 27.9.2013 hatte ich keine Antwort erhalten. In ihrer Antwort vom 28.10.2013 teilt mir Nicole Gohlke mit, daß es ihr und ihren MitarbeiterInnen im Berliner Büro nicht möglich wäre, „sich fundiert in Ihr wissenschaftliches Themengebiet und Ihre Forschung zu den Tscherkessen einzuarbeiten“.Da ihre Kenntnisse auf diesem Fachgebiet nicht ausreichten, schrecke sie davor zurück, sich „direkt in die Auseinandersetzung einzumischen“.

Mich hat dieses Schreiben nicht nur persönlich enttäuscht, da es sang- und klanglos die vorherige Zusage politischer Untersützung rückgäng macht. Unsensibel ist der Brief auch gegenüber der tscherkessischen Diaspora, da hier keinerlei politisches Interesse an deren höchst aktuellen Problemen zum Ausdruck kommt. Erschreckt hat mich aber auch die wissenschaftspolitische Haltung, die in diesem Schreiben zum Ausdruck kommt. Es suggeriert, die Statthaftigkeit politisch heikler Forschungsthemen und die Gewährleistung der dafür notwendigen demokratischen Rahmenbedingungen könne davon abhängig gemacht werden, inwieweit (wissenschafts-)politische Entscheidungsträger selbst mit der Thematik vertraut seien und diese inhaltlich nachvollziehen könnten. Man stelle sich vor, in Deutschland würde in der Tat nur noch solche Forschung stattfinden, die mit dem individuellen Wissensstand der 631 Abgeordneten im Bundestag korrespondiert - der Wissenschaftsstandort Deutschland wäre schnell erledigt. Mir war es ganz im Gegenteil gerade darum gegangen, daß Wissenschaft und öffentliche Meinung sich ohne zensierende Eingriffe in freier Diskussion und nach ihren eigenen Regeln entfalten können. Ich hatte mir nicht eine inhaltliche Auseinandersetzung, sondern die Wiederherstellung der notwendigen formalen Rahmenbedingungen erhofft: bei meinem Forschungsthema ist in Deutschland bisher leider nicht einmal dieses rechtsstaatlich-demokratische Minimum gewährleistet.

Auf eine weitere Stellungnahme hatte ich zunächst verzichtet und es den Lesern überlassen, sich selbst im Abgleich mit meinem Anfragetext ein Bild zu machen. Zu meiner großen Überraschung habe ich jedoch zwischenzeitlich festgestellt, daß sich Nicole Gohlke sehr wohl, und zwar mit offenbar erheblichem Aufwand, gegen die Olympischen Winterspiele eingesetzt hat – allerdings gegen die in München und nicht die in Sotschi.  In einer eigenhändig verfaßten Pressemitteilung vom 12.11.2013 berichtet Gohlke in Siegeslaune, die (deutsche) NOlympia-Kampagne habe "ein starkes Zeichen gegen die Arroganz der abgehobenen politischen und wirtschaftlichen Klasse" gesetzt. Auf ihrer eigenen Webpräsenz zeigt sie sich, wie sie vor der Abstimmung zu München 2022 "bis zur letzten Minute mobilisiert und argumentiert". Aus genau diesem Grunde möchte ich nun doch noch ein paar weitere Informationen und Betrachtungen hinterherschieben.


nicole noly 5

Bildquelle: http://www.nicole-gohlke.de/index.php/politik/bewegung/550-erfolg-fuer-nolympia

Gerade eine derartige öffentlichkeitswirksame Kampagne wie die Münchener NOlympia-Bewegung hätte sich meines Erachtens idealerweise dafür angeboten, auch den Bogen zu Sotschi zu spannen. Ich finde es überaus schade, daß man hier die Gelegenheit, neben den schädlichen Auswirkungen Olympischer Winterspiele auf München und die Voralpenregion auch die ganz ähnlich gelagerten Probleme in Sotschi zu thematisieren und dabei auch auf die Tscherkessen zu verweisen, so ungenutzt verstreichen ließ. Die Perspektive, die sich hier gerade über die Person Nicole Gohlkes geboten hätte, wäre die eines gemeinsamen Vorgehens gegen ein kommerzorientiertes IOC gewesen, das an die Stelle der in der olympischen Charta verankerten friedlichen Völkerverständigung nunmehr rücksichtslosen Raubbau an Mensch und Natur setzt. Die vielgerühmte „internationale Solidarität“ und Weitsicht der europäischen Linken – wo ist sie hier?

Ich möchte Nicole Gohlke vor dem Hintergrund ihres eigenen Engagements gegen München 2022 ihre Meinungslosigkeit zum Problemkomplex Sotschi 2014 nun nicht länger abkaufen. Die ökologischen Probleme, die Großbauten in sensiblen voralpinen und alpinen Regionen hervorrufen, sind in beiden Fällen durchaus ähnlich und den NOlympia-Machern auch bekannt. Eine kurze, kritische Beschreibung von Sotschi 2014 findet sich sogar auf der offiziellen Webseite der NOlympia-Kampagne unter "Bisherige Erfahrungen mit Olympischen Winterspielen" - als Gegenargument gegen die Münchner Bewerbung! Der NOlympia-Text zu Sotschi beklagt, die "ortsansässige Bevölkerung" habe "durch steigenden (sic!) Immobilienpreise, Absiedlung und Vertreibung und durch Manipulationen bei der Bürgermeisterwahl, Repressalien bei Widerstand, diktatorische Verhältnisse etc. und dadurch bedingte Finanznot." zu leiden.

Ist sie selbst betroffen, zeigt sich die Münchener Linkspartei durchaus in der Lage, die Propagandamaschinerie der Olympia-Befürworter zu durchschauen - Nicohle Gohlke selbst schreibt von den "gleichermaßen inhaltsleeren wie effekthascherischen Parolen" der Olympia-Befürworter  und setzt diesen eine "Vielzahl wissenschaftlicher und journalistischer Expertisen" entgegen, die die "wahren Fakten" auf den Tisch gelegt hätten.  Wenn man hier so erfolgreich die Grenzen des offziellen Diskurses sprengen kann, warum dann nicht auch in Bezug auf Sotschi? Im NOLympia-Text zu Sotschi wird jedoch die putinsche Ausblendung der Tscherkessen und ihrer Geschichte kritiklos übernommen - sie finden nicht einmal namentliche Erwähnung. Die Macher der Webseite mögen schlicht uninformiert gewesen sein, Nicole Gohlke aber hätte es spätestens durch meine Hinweise auf die tscherkessischen Dimensionen von Sotschi 2014 besser wissen müssen.

Unter den gegebenen Umständen kann ich diese Darstellungsform kaum anders als ein Weitertragen von Kolonialapologetik und Geschichtsklitterung zu Lasten der Tscherkessen verstehen. Dabei wäre eine konkrete Stellungnahme zur Frage "Völkermord ja oder nein", vor der Nicole Gohlke hier offenbar zurückzuschreckt, meines Erachtens gar nicht erforderlich gewesen. Es hätte bereits ausgereicht, die Existenz der Tscherkessen überhaupt anzuerkennen, ihnen den Status legitimer Gesprächspartner zuzugestehen und damit eine öffentliche Debatte in Gang zu setzen. Warum möchte man sich die tscherkessischen Argumente gegen Sotschi 2014 nicht einmal anhören? Warum werden die "wahren Fakten" der Tscherkessen insgeheim in Zweifel gezogen, ohne ihnen auch nur eine Chance auf Evaluierung durch die deutsche Öffentlichkeit zu bieten? Grundsätzlich gilt, daß dort, wo unaufgearbeitete Kolonialverbrechen und damit verbundene Minderheitenproblematiken im Raum stehen, eine indifferente Ahnungslosigkeit nicht der Ausdruck einer diplomatisch-zurückhaltenden Haltung sondern der Weg zu Mittäterschaft ist. 

Für mich scheinen hier einige ethische Bewertungskriterien aus dem Lot geraten bzw. außer Kraft gesetzt zu sein. Zum einen gegenüber den Tscherkessen und ihren politischen und kulturellen Anliegen, die hier schlicht und einfach übergangen werden. Der Glaube, man könne sich bei tscherkessischen Themen eine Positions- und Meinungslosigkeit leisten, die in anderen, vergleichbaren Zusammenhängen ganz und gar inaktezpabel erschiene, ist letzendlich der Ausdruck dessen, was postkoloniale Theoretiker als "white privilege" beschreiben: das Privileg eines überheblichen, selbstfixierten Westens, der sich nicht um die Belange Anderer schert, nicht darum, wie diese Haltung auf andere wirkt und auch nicht darum, wie sich die eigenen Denk- und Verhaltensweisen auf eine vernetzte Welt auswirken. 
   
Zum anderen aber fehlt es hier auch an Haltung gegenüber der deutschen Wählerschaft. Unterstellt Nicole Gohlke dieser durch das Nicht-Aufgreifen der Tscherkessen-Thematik im Kontext der Olympischen Spiele nicht stillschweigend, ihr seien nur Themen vermittelbar, die in direktem Zusammenhang mit den eigenen, regional verankerten Interessen und unmittelbaren persönlichen Vorteilen stehen? Warum sollten Münchener, die sich für Umweltschutz und soziale Gerechtigkeit interessieren, nicht ebenfalls Interesse aufbringen für internationale Zusammenhänge und Fragen historischer Gerechtigkeit? Warum sollten sie nicht willens oder in der Lage sein, Verbindungen zwischen einem unaufgearbeiteten kolonialen Völkermord und späteren Instanzen genozidaler Gewalt und dem aktuellen militarisitschen Umbau unserer Gesellschaft zu ziehen? Warum sollten sie, gerade auch vor dem Hintergrund ihrer eigenen Sorgen und Probleme im Zusammenhang mit der Münchener Olympia-Bewerbung, nicht auch Sympathien und Solidarität für tscherkessische Angelegenheiten aufbringen können? 

Der Ausschluß tscherkessischer Positionen aus der politischen Debatte, der hier von Nicole Gohlke mitpraktiziert wird, ist präemptiv. Wie soll eine demokratische Meinungsbildung stattfinden, wenn die Mehrheit der deutschen Bevölkerung nicht einmal von den Tscherkessen und ihrer tragischen Geschichte Kenntnis erhält? Und wer entscheidet darüber, wer entscheidet anhand welcher Kriterien, was interessant und unterstützenswert ist, welcher Sachverhalt das Potential hat, ein politisches "Thema" zu werden? Wer auf diese Weise eine Vorauswahl politischer Themen trifft, bevormundet auch die deutsche Öffentlichkeit. Mir drängt sich hiermit der Eindruck auf, daß die politische Willensbildung hier nicht an der Basis beginnt, sondern an höherer Stelle und in Rücksichtnahme auf "größere" Zusammenhänge, die uns dann wie selbstverständlich als "Sachzwänge" und "Erfordernisse der Realpolitik" verkauft werden. Eine Politik, die derart ausgetretene Wege geht, so wenig inhaltliche Durchlässigkeit erlaubt, statt dessen Bürger als steuerbare Masse wahrnimmt, der lediglich vorgefertigte, als profitabel eingeschätzte Themenblöcke zur Abstimmung vorgelegt werden, kann wohl kaum dem Anspruch der Linkpartei genügen, eine "echte Alternative" zur eingefahrenen Parteienpolitik zu sein, die sich um die stets gleichen Themen dreht.

Und zu guter letzt: Wer eine Kampagne wie das deutsche NOlympia als Beispiel dafür feiert, daß auch eine „Politik von unten“  gegen eine übermächtige Medienmaschinerie erfolgreich sein kann, der hat eine falsche Vorstellung davon, auf welcher Höhe sich die Grasnarbe befindet. Der David, von dem hier die Rede ist, verfügt über die institutionelle Infrastruktur samt fertiger Kommunikationskanäle und das Prestige und politische Gewicht etablierter Organisationen und Parteien, aus denen sich das NOlympia-Bündnis zusammensetzte. (laut Nicole Gohlke "getragen durch BUND, Attac, DIE LINKE, Grüne, Naturfreunde und weitere Umweltverbände"). Ein solcher David kann sich wohl kaum vorstellen, wie mühselig eine Bewegung von untern wirklich ist, wenn all dieses fehlt und der eigene Goliath auch noch ein gutes Stück größer und bedrohlicher aussieht. 

Von Beträgen wie den 35 000 Euro, die NOlympia zur Verfügung standen, können nordkaukasische Initiativen - ob nun in Deutschland oder anderwso - nur träumen. Das Caucasus Forum, eine in Istanbul beheimatete nordkaukasische NGO, die sich mit ihren Protesten gegen Sotschi 2014 international hervorgetan hat, hat für ihre neu angelaufene Kampagne kNOw Sochi über indiegogo bisher gerade einmal 745 Dollar von einem angestrebten Betrag von insgesamt 5000 Dollar zusammen. Wer wirklich wissen möchte, wie unsere Medienmaschinerie wirkt und wie durchlässig oder undurchlässig unsere politischen Strukturen sind, der versuche sich doch einmal ohne Parteiapparat im Hintergrund an einem Nicht-Thema wie dem Völkermord an den Tscherkessen. Es könnte eine augenöffnende und politisch überaus wertvolle Erfahrung werden. 



Nachtrag 8.12.2013: Welch große Rolle das Negativbeispiel Sotschi 2014 in der Tat bei der Münchener Entscheidung gegenüber Olympia gespielt hat, zeigt auch die folgende dpa-Meldung in der TAZ (von mir leider erst mit einiger Verspätung bemerkt): Nein zu Olympia 2022 in München. Sotschi ist Schuld (11.11.2013). 









Samstag, 23. November 2013

Interview mit Abrek Önlü: Schleppende Ermittlungen im Mordfall Medet Önlü

Am 22. 5. 2013 wurde Medet Önlü, einer der wichtigsten politischen Vertreter der tschetschenischen Minderheit in der Türkei, Opfer eines Mordanschlags. Die türkischen Ermittlungen verlaufen schleppend und in etlichen Punkten offenbar auch irregulär. Deutsche Medien hingegen haben zu diesem tragischen Fall nicht einmal berichtet. Bisher sind Informationen auf Deutsch ausschließlich bei der Gesellschaft für bedrohte Völker und seit neuem auch auf der Webseite der Europäisch-Tschetschenischen Gesellschaft zu finden.

Es folgt ein Interview mit seinem Neffen Abrek Önlü, der als Aktivist in der türkisch-nordkaukasischen NGO Caucasus Forum tätig ist und maßgeblich an der No Sochi-Kampagne dieser Organisation mitgewirkt hat bzw. an deren Neuauflage als kNOw Sochi beteiligt ist. Weitere Bezüge des Mordes an Önlü und der politischen Verhältnisse des Ostkaukasus einerseits zur Situation der Tscherkessen im Westkaukasus andererseits dürften im Verlaufe des Interview deutlich werden. Das Interview wurde auf Englisch geführt, um seine Verbreitung sowie eine Kontaktaufnahme möglicher Unterstützer bzw. interessierter Journalisten zu erleichtern. Hier auf meinem blog gebe ich ausnahmsweise die englische Originalfassung wieder, in seiner deutschen Übersetzung ist das Interview im Community-Teil des Freitag nachlesbar.


Irma Kreiten (Interviewer): Could you start by telling us something about yourself and your family history?

Abrek Önlü: My name is Abrek. I am a Chechen from Turkey. A Turkish citizen. My mother is a second generation Chechen immigrant, while my father is from one of the Chechen villages in Turkey. Let me explain this last part: as some of the readers may know, the long-lasting Russian-Caucasian wars of the 19th century ended in massive massacres and a genocide. Afterwards there were deportations and migrations from all of Northern Caucasus to Anatolia. Many Caucasian villages were founded in Turkey. My father is from one of them.

I was born and grew up in Turkey. I graduated from Middle East Technical University with a degree in Maths. Now I am a consultant in the area of enterprise technologies.


Irma Kreiten: You yourself are politically active. Can you say a few words about your work for the Turkish NGO Caucaus Forum? What made you join this organization?

Abrek Önlü: Caucasus Forum is a youth organization for political activism concentrating mainly on the peoples of the Caucasus and the Caucasian diaspora. It is about 10 years old now, well organized and quite popular in Turkey. You can just browse its website at caucasusforum.org in order to learn more.

I joined about 8 years ago and took part in many projects and activities of Caucasus Forum. My reasons for joining it in short: because I am sensitive regarding the matters of my people, plus, because I wanted to participate in the effort to change the world to a better place. What “better” means to me basically is more freedom, more justice and more equality amongst peoples and individuals.

Irma Kreiten: Let us speak about your uncle Medet Önlü now. Why is he being referred to as honorary consul? What does it mean that he was a representant of the Republic of Ichkeria? Why are there two rival political formations that both claim to stand for a Chechen state? What kind of political visions for Chechnya did your uncle embrace? What was his attitude towards the Kadyrow regime? 

Abrek Önlü: He was assigned for this post by the President of the Chechen Republic of Ichkeria (ChRI) at the time.

ChRI is the state that was founded by Chechens in Chechnya in 1991, after the collapse of the Soviet Union. The first president, Dzhokhar Dudaev, came to power with full support of Chechens and then announced ChRI as an independent republic. ChRI is the last legitimate state on Chechen lands, having held the last legitimate election in 1997, which resulted in Aslan Maskhadov’s (3rd president) victory. Then after the second war the Russian government occupied ChRI and assigned a different government in cooperation with Akhmed Kadirov, Ramzan Kadirov’s father.

My uncle as an official representative of ChRI was conscious of the fact that Ramzan Kadirov and his regime are not legitimate. It is just a regime of the occupant, enforced onto the Chechen land with the help of local collaborators, at present namely Ramzan Kadirov.

I’d like to recall a fact about ChRI for the readers: It is a legitimate state that was founded in a proper way, having all the institutions that a modern state structure has. The speculations about Wahhabites, radical Islamists, etc. are not grounded in the structure of the ChRI. The administration of ChRI never took any part in certain incidents that caused these speculations like apartment bombings in 1999, the Nord-Ost siege in 2002, the Beslan attack in 2004 or the Domodedovo bombing in 2010. ChRI only reflects the natural and collective will of the Chechen people, most of whom deeply condemn and strictly refuse any link with these acts against innocent civilians.

Irma Kreiten: I have heard people speaking about your uncle with great respect and love, not only for the political role he played, but also for his warm and generous personality. Can you describe to us the functions he fulfilled in assisting Chechens who sought refuge in Turkey from war-torn Caucasus?

Abrek Önlü: It is true that many people respected and liked my uncle, especially Chechen asylum-seekers (or refugees) in Turkey. Besides his political role, he personally assumed responsibility for each and every Chechen that needed help in Turkey, irregardless of his or her political view or “camp”. This help included all their paperwork, representing their rights before the government, providing them with social and legal assistance etc. So this was important because what he did should officially have been done by Turkish government, looking at the example of Western European states.

Irma Kreiten: How did the murder take place? What do you know so far and how did you obtain this information? Does evidence point to only one offender or are there any signs that more individuals could have been involved in the deed? What was the role of Turkish police investigation?

Abrek Önlü: It is a professional assassination that was planned and organized by a professional team. We know who ran the operation: a Chechen guy called Rizvan Esbulatov. His local connections who took part are also clear. Rizvan himself first got into contact with my uncle a few months before the murder. He approached him with some alleged business reasons. Then he introduced the hitman as a “local business partner”. Since there were many Chechens and Turks that he had been discussing business with, my uncle apparently did not get suspicious.

The hitman’s real name is Murat Aluç. He first visited Medet Önlü’s office 2 weeks before the event, for a short meeting. Aluç then came to the office for the second time on May 21st with the intention to assassinate him, but since my uncle was not alone he had to postpone it to the next day. The murder took place on May 22nd, at 19:08, when my uncle was right about to leave his office and head home. His family got worried after about 11pm, tried to call him but he was not answering. Then his body was found in the office at about midnight, by the police and his family.

For the last 2 weeks, by evidence, Murat Aluç and his team had been following Medet Önlü around his office and home in order to discover his routine and to finalize their assassination plan. He was doing everything in cooperation with his driver and associate Ömer Peltek (who is missing now too) with the help of his sister, girlfriend and some more people. Before the murder, he was evidently reporting to Rizvan directly as well as by making use of collaborators as intermediaries.

An important part of all this information comes from Medet Önlü’s personal diary and accidental reports by informants, not the police, which also has not been able to seize any of the individuals mentioned above.

Irma Kreiten: Had there been any indications that Medet Önlü was under immanent danger? Did he receive any threats? Had he or his family ever thought about applying for police protection?

Abrek Önlü: Since many opponents of Kadirov and his regime had been killed before in various places at various times, it was not the least likely thing to happen - we always had in mind this possibility. However, except for this thought and some faint rumors, to my knowledge there was not a clear threat before the murder. Thus he or his family never applied for police protection.

Irma Kreiten: Why, do you think, was it your uncle who was singled out as a target? Who, do you think, was the main force behind this criminal act? What could have been the motive? Do you think that the murder was also meant as a message for other Northern Caucasian activists or exile politicians?

Abrek Önlü: Let me start with the second question. There is only one person in this world who had the necessary capacities and the motive for killing my uncle. That person is Ramzan Kadirov. Why this was done now and why my uncle had become the target are clear too. Compared to the past, Medet Önlü had gotten quite alone in Turkey. Most of the public support for the Chechen cause had disappeared. Significant investments have been made and relationships built in the course of the cooperation between Kadirov’s Chechnya and Turkey. And most importantly, the Turkish government had stopped supporting the idea of an independent Chechen state at all. This means the government had more benefit in covering up this murder than in hunting down the criminals. I believe “the main force behind the murder” had and still has the sources to check and validate these circumstances before attacking. Six other Caucasian murders that happened in Turkey in past 4 years also point to this fact. If they had thought that the Turkish government would really try to go after the criminals, they would not even have thought about it at all. And for your information: None of these murders has been resolved yet.

Regarding the latter question, as long as Kadirov type governments exist and are supported by empires like Russia, and as long as “3rd world” style governments like Turkey are there to cover things up -if not to cooperate directly!-, everybody who speaks or does anything for justice in or freedom and independence of the Caucasus is under danger. 

Irma Kreiten: You already mentioned your view that the murderer had originally planned his deed for May 21. What makes you establish a connection between the murder of your uncle and Circassian issues and do you also see a connection to the NoSochi campaign?

Abrek Önlü: It would be too big a coincidence if timing had not been intentional. One could suggest that there is no direct connection between the Chechen independence movement and the Circassian opposition. I, however, see an obvious connection as these two issues are two foci of the peoples of the Caucasus who maintain strong opposition to the Russian government or its underlings.

Irma Kreiten: With regard to the Anna Politkovskaya murder case I frequently encounter comments that deny the political nature of her murder and instead insinuate that she fell victim to “mere“ economic crime, as a consequence of having established contacts with the “Chechen mafia“. In the case of your uncle, several Turkish newspaper articles seem to have stressed his role as businessman. Is there a tendency to make similar allegations with regard to your uncle? If so, how would you like to respond to people making such allegations?

Abrek Önlü: About Anna, it is just funny that some people claim that it would have economic reasons. But Russian authorities had clear reasons to present it that way. The murder of Medet Önlü is probably treated in a similar way, as there were some pieces of news emphasizing his business identity, like you said. His business, however, by no means had a potential to create a danger to him - due to its nature and bulk -, while his political activities were proven numerous times to be extremely dangerous.

Irma Kreiten: Which stage is the legal persecution at now? Would you like to comment on how it is proceeding? What needs to be done? Did you contact any international human rights organizations? If so, how did these react, did they offer you any support? 

Abrek Önlü: Yes, I can make some comments on the legal process. The police department has recently completed its investigation and handed the file to the public prosecutor. Hitman Murat Aluç, his associates or the instigator Rizvan Esbulatov have not been caught. The investigation is proceeding very slowly and some unusual proceedings have already occurred. Although evidently involved, several associates of Murat Aluç were set free shortly after having been arrested. Several operations to catch Aluç, which were based on informant reports, were cancelled suddenly at the last moment without any evident reason/ with no reason being given. Plus, no statement has been made at government level. Mass media such as newspapers and TV channels definitely reject to cover the issue. For us as his family, it is now clear that the Turkish government does not possess the will to find the people responsible for his murder and hold them responsible for it/bring about justice, they rather seem to be covering it up.

As I explained above a few times, we as his family do not count on official authorities. We keep a close eye on the official legal procedures, but in the meanwhile we are looking for alternative ways too. We have already got in touch with some international human rights organizations and are going to undertake some steps together with them very soon.

Irma Kreiten: The death of Medet Önlü is not only a deep loss for the wider Chechen community of Turkey, he also left behind a family. Do you want to say something about how his relatives feel now, several months after his murder and with the offender(s) still remaining unprosecuted? How do his children cope with the loss of their father? 

Abrek Önlü: First of all, the Chechen freedom movement has lost many great men like Dudaev, Yandarbiev, Mashadov, Sadullaev, Basaev and many others. My uncle, fortunately, has not only shared their struggle, but also their destiny too. We are and will always be proud of this.

Other than that, losing an uncle, a brother, a father, a husband is very, very hard. When the person you lose is somebody like Medet Önlü, it is even harder. When the way you lose him is a murder by some professional gang, the pain rises even higher. But, nothing can be as hard and painful as watching your government do nothing against the murderers of your family. This is like an official silence in the face of the biggest injustice that could happen to you.

Irma Kreiten: How does the assassination of your uncle fit in with the general situation of Chechens in Turkey and elsewhere? In how far is the murder of Medet Önlü similar or different to other assaults against Northern Caucasians? How would you describe the state of protection of Northern Caucasians living outside the Russian Federation?

Abrek Önlü: I guess we covered some of these questions above. There are certain similarities and differences in-between this case and other murders of Chechen or Caucasians that took place in Turkey. One important difference is that no other victim was a Turkish citizen. Similarities are that those other murders were political too, they were planned and carried out in a professional way too, their instigators were Russian citizens too and the most important similarity is, all happened during the time of Tayyip Erdoğan’s administration. None of these murders has been resolved and there has been no single official comment from the government. 

By the way, I’d like to remind the readers that last week the Turkish Minister of Foreign Affairs Ahmet Davutoğlu stated (with regard to another topic) that “Turkey is not a country where other intelligence units can comfortably perform operations. This is a requirement of independence.” I see a terrible contradiction here.

The state of protection of Caucasians depends totally on where they live. If the host country is a civilized, developed one who cares about humans in the right way, they are relatively safe but if it is a “developing country” which is experiencing problems with its independence as the Foreign Minister’s above contradiction shows, then Caucasians are never safe, even if they are citizens of that country and not refugees in that country.

Irma Kreiten: How could normal citizens who are reading this help you in demanding justice for your uncle? Is there a petition they can sign or any common political action that they can join? Who, do you think, can help so that this case is not hushed up and forgotten, and what can and should be done on an international level? 

Abrek Önlü: We are creating a new campaign on and off line that will be announced soon. 

Irma Kreiten: Is there a message or an appeal you would like to transmit to your German audience?

Abrek Önlü: Thanks for your attention. If you would like to support or contact us, my email address is abrech@gmail.com


******
Anmerkung: Hinweise auf Petitionen und Kampagnen zur Aufklärung des Mordes an Medet Önlü werden folgen.

Freitag, 15. November 2013

Boykottaufruf des Tscherkessischen Kulturvereins Hamburg

Der Tscherkessische Kulturverein Hamburg e.V. hat seinen Boykottaufruf zu den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi aktualisiert (Textfassung vom 3.11.2013):


"Tscherkessischer Kulturverein Hamburg e.V.
                                                                                                            Hamburg, 03.11.2013

Boykott Aufruf der Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi

Nach unserem Aufruf vom 13.01.2012 möchten wir, der Tscherkessische Kulturverein Hamburg e.V. Deutschland erneut zum Boykott der Olympischen Winterspiele in Sotschi 2014 auf.
Der Tscherkessische Kulturverein Hamburg e.V. möchte allen nennenswerten Institutionen in Deutschland daran erinnern, dass die Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi, einst Hauptstadt Tscherkessiens auf einem Gebiet stattfinden wird, wo dann genau vor 150 Jahre ein Völkermord an den Tscherkessen  in den folge Jahren von 1864 seitens des zaristischen Russlands begangen wurde.
Im Zuge einer groß angelegten ethnischen Säuberung Russlands wurden Schätzungen zur Folge anderthalb Millionen Menschen vom Leben zum Tode befördert.

Die Menschen wurden über Monate an der Küste von Sotschi zusammen gepfercht, hungernd, durstend voller Erschöpfung mit Krankheitsherden ihrem Schicksal überlassen.

Nach der Zwangsdeportation in das Osmanische Reich leben nun 90% der Tscherkessen fern ab und beraubt von ihrer ursprünglichen Heimat Weltweit verstreut.
Wir Tscherkessen unsererseits fordern seit Jahrzehnten, dass Russland aufhören soll die historischen Tatsachen zu leugnen und sich ihrem Gewissen stellen soll  – wie die Deutschen gegenüber den Juden nach dem Holocaust. Jedes Jahr am 21 Mai gedenken Tscherkessen in aller Welt an ihre ermordeten Landsleute.
Bis heute wird dieser Genozid seitens russischer Repräsentanten verschwiegen. Die rede ist von „tragischen Ereignissen“, „kriegsbedingte Maßnahmen“, „Kollateralschäden“ des russisch-kaukasischen Krieges. Die Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi  können wir nur als einen Ausdruck russischer Kolonialpolitik des 21.Jahrhunderts sehen.
Kein Mensch kann es dulden, dass irgendwelche Feste, zynischer Weise ein Fest des Friedens auf den Gebeinen seiner Ahnen veranstaltet werden.
Die Olympischen Winterspiele bieten der russischen Regierung beste Gelegenheit, historische Fakten, nämlich die Massengräber der ermordeten Tscherkessen von 1864, unwiederbringlich zu zerstören.
Da den Tscherkessen im Kaukasus jedwede Meinungsäußerung verwehrt wird, macht nun die Diaspora im Ausland auf das schreckliche Unrecht, dass ein zweites Mal an dem Volk verübt wird, aufmerksam.
Dieses alles entspricht ganz und gar nicht dem Geist und der Idee der Olympiade.
Der Verein erklärt seinen Aufruf dadurch, dass Gerade Deutschland als ein modernes, selbstkritisches, moralisches Land des 21.Jahrhunderts, welches beispielhaft sich nicht ihrer historischen Verantwortung entzogen hat und die Menschenwürde als oberstes Gut ansieht, nicht an diesen Olympischen Winterspielen im Jahre 2014 in Sotschi teilnimmt.





 Tscherkessischer Kulturverein Hamburg e.V."





Bitte beachten: Dieser Text wurde hier eingestellt in der Hoffnung, daß dies dazu beiträgt,  tscherkessischen Stimmen mehr Verbreitung und Gehör in der deutschen Öffentlichkeit zu verleihen. Es ist dies keine Parteinahme meinerseits  für oder gegen einen Boykott der Olympischen Spiele bzw. für oder gegen unterschiedliche politische Haltungen auf Seiten der Tscherkessen und unterschiedliche tscherkessische Protestansätze. Gerne auch kann ich Texte und Aufrufe anderer tscherkessischer Organisationen und Verbände mit eventuell anderen Positionen auf meinem blog miteinstellen. Letztendlich kann die Vielfalt tscherkessischer Positionen nicht als Nachteil, sondern als Vorteil für eine demokratische Protestkultur begriffen werden. 

Ausstellung im Völkerkundemuseum Hamburg - Eröffnung am 24. November!

Am 24. November eröffnet die mit Ungeduld erwartete Ausstellung "Tscherkessen – Vom Kaukasus in alle Welt verweht. Ein legendäres Volk neu entdecken". Hier noch einmal der Ankündigungstext samt Programm zur Eröffnung:

"Die Tscherkessen sind eines der ältesten Völker Europas, seit Jahrtausenden leben sie im Nordwesten des Kaukasusgebirges. Im 19. Jahrhundert gehörten die Tscherkessen zu den bekanntesten Völkern in ganz Europa und wurden als Krieger und Reiter bewundert sowie für ihre Schönheit, Eleganz und Tapferkeit gerühmt.
Nach ihrer Vertreibung 1864 durch die Armee des russischen Zaren geriet das einstmals legendäre Volk immer mehr in Vergessenheit. In ihrer einstigen Hauptstadt Sotschi finden 2014 die olympischen Winterspiele statt. Für viele ist der beliebte Badeort im Kaukasus ein Urlaubsparadies, für Tscherkessen jedoch ein Ort großer Trauer. Genau 150 Jahre vor der Olympiade endete dort die letzte Schlacht gegen Russland. Die olympischen Spiele rücken die Heimatregion der Tscherkessen erneut ins Licht der Öffentlichkeit – Anlass genug, um dieses berühmte Volk für uns neu zu entdecken.
Die Ausstellung spürt seinem Schicksal nach und porträtiert ein in alle Welt verstreutes Volk, das seine Kultur und Sprache am Leben erhalten hat. Was verbindet die Tscherkessen heute und welche Themen bewegen sie? Um Fragen nach Identität und Erinnerungen zu stellen, hat das Museum Kontakt zu zahlreichen tscherkessischen Verbänden und Privatpersonen aus aller Welt aufgenommen, die an der Ausstellungskonzeption mitgewirkt haben."

"

Programm zur Eröffnung am 24. November 2013

So 24. November | 11 Uhr
Ausstellungseröffnung
Tscherkessen – Vom Kaukasus in alle Welt verweht
Ein legendäres Volk neu entdecken
11 Uhr | Foyer
Musikalischer Auftakt mit Alpay Sürücü und Özden Turhan (Istanbul) 
Offizielle Eröffnung (dt./tscherkessisch) mit 
Prof. Dr. Wulf Köpke, Direktor Museum für Völkerkunde Hamburg
Admiral Daşdemir – Vorstandsmitglied der Föderation europäischer Tscherkessen 
Omar Faruk Tamzok – Vorsitzender der Föderation Tscherkessischer Kulturvereine in Europa
Aneta Takhtamysh – freischaffende Grafikerin 
Timur Shogen 
Dr. Carl Triesch – Projektleiter, Museum für Völkerkunde
Murat Papşu – Publizist, Türkei
Astamur Logua – Vorsitzender des abchasisch-adygeischen Jugendrings, Naltschik 
Gülay Gün – Projektassistenz, Museum für Völkerkunde Hamburg
im Anschluss | Großer Hörsaal
Wie entsteht eine tscherkessische Ausstellung – ein Rückblick. Vortrag von Prof. Dr. W. Köpke Meine tscherkessische Jugend. Vortrag (türkisch mit dt. Übersetzung) von Admiral Daşdemir
Konzert mit tscherkessischer Musik von Alpay Sürücü & Özden Turhan
15 Uhr | Europa-Abteilung
Tscherkessen – Vom Kaukasus in alle Welt verweht. Führung mit Dorle Koch
15.30 Uhr | Großer Hörsaal
Tscherkessisches Erzählcafé
mit Dr. Ehsan Saleh, Dr. Ahmed Hussein Kataw (angefragt), Zamir Begiev (angefragt) , Omar Faruk Tamzok
16.15 Uhr | Gewölbesaal
Tscherkessisches Konzert und Tanz. Alpay Sürücü und Özden Turhan
17 Uhr | Großer Hörsaal
Tscherkessisch-Abchasische Freundschaft. Vortrag von Astamur Logua und Zamir Begiev
Moderation: Khibla Amichba
(russisch mit dt. Zusammenfassung)
Kinderprogramm
11.30 – 17 Uhr | Kleiner Hörsaal
Baum-Amulette. Offene Werkstatt für Kinder von 6-12 Jahren mit Adrian Anton. 
Die Tscherkessen pflegten einen sehr respektvollen Umgang mit der Natur. So durfte kein Baum ohne den Beschluss des Ältestenrates (Chase) gefällt werden und jede Sippe hatte ihren speziellen Baum, bei dem man sich vor Versammlungen oder vor wichtigen Entscheidungen traf. Unter den überlieferten Naturgöttern war auch Mezischa, der Gott der Wälder. Wir basteln uns heute ein Amulett zu Ehren der Bäume. 
Materialkosten: € 3"







Freitag, 1. November 2013

Deutsches Olympisches Jugendlager - Wird neben der russischen auch tscherkessische Kultur und Geschichte vermittelt werden?

Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB), die Deutsche Olympische Akademie (DOA) und die Deutsche Sportjugend (dsj) veranstalten  für junge Sportler von 16 bis 19 Jahren parallel zu den Oympischen Spielen (5.-19. Februar 2014) ein Jugendlager in Sotschi. Im Ausschreibungstext werden unter "Zielsetzungen"  u.a. folgende Punkte genannt:

Förderung des gegenseitigen Verstehens durch gemeinsame interkulturelle und sportliche Aktivitäten; 
 Vermittlung von Einblicken in die Kultur und Geschichte des Gastgeberlandes

Anläßlich dieser Ausschreibung hat Sarah Reinke, GUS-Referentin der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) und mich interessiert, inwieweit hier im Rahmen der Förderung interkulturellen Verstehens den Jugendlichen auch tscherkessische Kultur und Geschichte nahegebracht werden sollen, bzw. inwieweit sich die Veranstalter überhaupt der Tatsache bewußt sind, daß "Geschichte und Kultur des Gastlandes" sich nicht mit einem Verweis auf russische Traditionen in der Region erschöpfen lassen. Ebenfalls haben wir, sollte bei den Veranstaltern entsprechend Bedarf und  Interesse vorhanden sein, Beratung und Unterstützung unsererseits sowie die Vermittlung geeigneter tscherkessischer/nordkaukasischer Gesprächspartner angeboten. Am 30. Oktober 2013 haben wir hierzu in einer gemeinsamen Aktion folgende beiden Briefe versandt:

1) 



"Deutsche Sportjugend
Herrn Ingo Weiss, 1. Vorsitzender
weiss@dsj.de

Berlin, Istanbul, 28. Oktober 2013


Sehr geehrter Herr Weiss,

Die Olympischen Spiele stehen gemäß ihrer Charter nicht nur für Sport, sondern auch für soziale Verantwortung, den Respekt vor ethischen Werten, die Wahrung menschlicher Würde und eine friedvolle Gesellschaft. Dies gilt auch für die Durchführung des Deutschen Olympischen Jugendlagers in Sotschi während der Winterspiele. Sotschi bietet für die olympischen Spiele einen problematischen Rahmen, war es doch im 19. Jahrhundert Schauplatz des blutigen letzten Kampfes der Tscherkessen gegen die russische Vorherrschaft, die in Folge ihrer Niederlage kollektiv aus ihrer Heimat vertrieben wurden und heute über die ganze Welt verstreut leben. Eine politische Aufarbeitung dieser Kolonialverbrechen hat bisher nicht stattgefunden. Aus tscherkessischer Sicht stellt die Ausrichtung der Olympischen Spiele in Sotschi daher einen weiteren Akt der Provokation, der Verleugnung ihrer Geschichte und Kultur dar.

In Ihrer Ausschreibung erwähnen Sie, dass auch eine Förderung des gegenseitigen Verstehens durch gemeinsame interkulturelle und sportliche Aktivitäten sowie die Vermittlung von Einblicken in die Kultur und Geschichte des Gastgeberlandes Teil des Jugendlagers sein sollen. Uns würde vor dem tscherkessischen Hintergrund der Olympischen Spiele interessieren, was bisher unter „Vermittlungen von Einblicken in die Kultur und Geschichte des Gastgeberlandes“ geplant ist und wer hierfür letztendlich verantwortlich zeichnen wird – die deutsche Seite, die russische, beide in Kooperation?

Wir möchten Sie, sollte dies nicht bereits schon geschehen sein, dazu ermuntern, in diese interkulturellen Aktivitäten auch tscherkessische Stimmen einzubeziehen und sich nicht allein auf die offizielle russische Darstellungen zu verlassen. Um nicht unwillentlich die russische Politik des Verschweigens und Vertuschens zu unterstützen, sollten insbesondere von deutscher Seite zum Aspekt „Kultur und Geschichte des Gastgeberlandes“ auch tscherkessische Geschichte und Kultur sowie die aktuelle Lage der nordkaukasischen Minderheiten in der Russischen Föderation thematisiert werden. 

Im Falle, dass vor Ort tscherkessische Belange nicht ausreichend zur Sprache gebracht werden können, böte es sich beispielsweise an, bereits im Vorfeld in Deutschland eine entsprechende Vorbereitung anzubieten, etwa durch einen Besuch der Ausstellung zu den Tscherkessen im Hamburger Völkerkundemuseum, die diesen November eröffnet, oder auch Treffen mit Angehörigen der tscherkessischen Diaspora in Deutschland. Die GfbV hat zudem eine Broschüre über die Tscherkessen herausgegeben, die bei der Vorbereitung der Jugendlichen auch nützlich sein könnte.

Wir würden uns über eine kurze Rückmeldung darüber freuen, inwieweit bisher bei der Planung tscherkessische Perspektiven berücksichtigt worden sind und stehen Ihnen, sollten Sie das wünschen, auch mit Rat und Tat zur Seite. 

Mit freundlichen Grüßen,


Sarah Reinke, Referentin der Gesellschaft für bedrohte Völker
Irma Kreiten, Historikerin und Ethnologin"



2) 



"Deutsche Olympische Akademie
Frau Prof. Dr. Dr. h.c. Doll-Tepper, Vorsitzende
office@doa.info.de

Berlin, Istanbul, 28. Oktober 2013

Sehr geehrte Frau Prof. Doll-Tepper,

Die Olympischen Spiele stehen gemäß ihrer Charter nicht nur für Sport, sondern auch für soziale Verantwortung, den Respekt vor ethischen Werten, die Wahrung menschlicher Würde und eine friedvolle Gesellschaft. Gemeinsam mit der Deutschen Sportjugend führen Sie von der Deutschen Olympischen Akademie das Jugendlager in Sotschi parallel zu den dortigen Winterspielen durch. Sotschi bietet hierfür einen problematischen Rahmen, war es doch im 19. Jahrhundert Schauplatz des blutigen letzten Kampfes der Tscherkessen gegen die russische Vorherrschaft, die in Folge ihrer Niederlage kollektiv aus ihrer Heimat vertrieben wurden und heute über die ganze Welt verstreut leben. Eine politische Aufarbeitung dieser Kolonialverbrechen hat bisher nicht stattgefunden. Aus tscherkessischer Sicht stellt die Ausrichtung der Olympischen Spiele in Sotschi daher einen weiteren Akt der Provokation,der 
Verleugnung ihrer Geschichte und Kultur dar.

In Ihrer Ausschreibung erwähnen Sie, dass auch eine Förderung des gegenseitigen Verstehens durch gemeinsame interkulturelle und sportliche Aktivitäten sowie die Vermittlung von Einblicken in die Kultur und Geschichte des Gastgeberlandes Teil des Jugendlagers sein sollen. Uns würde vor dem tscherkessischen Hintergrund der Olympischen Spiele interessieren, was bisher unter „Vermittlung von Einblicken in die Kultur und Geschichte des Gastgeberlandes“ geplant ist und wer hierfür letztendlich verantwortlich zeichnen wird – die deutsche Seite, die russische, beide in Kooperation?

Wir möchten Sie, sollte dies nicht bereits schon geschehen sein, dazu ermuntern, in diese interkulturellen Aktivitäten auch tscherkessische Stimmen einzubeziehen und sich nicht allein auf die offizielle russische Darstellungen zu verlassen. Um nicht unwillentlich die russische Politik des Verschweigens und Vertuschens zu unterstützen, sollten insbesondere von deutscher Seite zum Aspekt „Kultur und Geschichte des Gastgeberlandes“ auch tscherkessische Geschichte und Kultur sowie die aktuelle Lage der nordkaukasischen Minderheiten in der Russischen Föderation thematisiert werden. 

Im Falle, dass vor Ort tscherkessische Belange nicht ausreichend zur Sprache gebracht werden können, böte es sich beispielsweise an, bereits im Vorfeld in Deutschland eine entsprechende Vorbereitung anzubieten, etwa durch einen Besuch der Ausstellung zu den Tscherkessen im Hamburger Völkerkundemuseum, die diesen November eröffnet, oder auch Treffen mit Angehörigen der tscherkessischen Diaspora in Deutschland. Die GfbV hat zudem eine Broschüre über die Tscherkessen herausgegeben, die bei der Vorbereitung der Jugendlichen auch nützlich sein könnte.

Wir würden uns über eine kurze Rückmeldung darüber freuen, inwieweit bisher bei der Planung tscherkessische Perspektiven berücksichtigt worden sind und stehen Ihnen, sollten Sie das wünschen, auch mit Rat und Tat zur Seite. 

Mit freundlichen Grüßen,

Sarah Reinke, Referentin der Gesellschaft für bedrohte Völker
Irma Kreiten, Historikerin und Ethnologin"



Mittwoch, 30. Oktober 2013

Noch 100 Tage bis zur Winterolympiade in Sotschi - Presseerklärung der GfbV

Bei folgendem Text handelt es sich um eine Pressemitteilung der Gesellschaft für bedrohte Völker. Sarah Reinke, GUS-Referentin der GfbV hat freundlicherweise zugestimmt, daß ich die Presseerklärung nun auch hier auf meinem blog einstelle. Ich halte das Anliegen für sehr wichtig und würde mir wünschen, daß es mehr Beachtung - gerade auch von journalistischer Seite - erfährt. Für besonders relevant halte ich die Aussage, daß der Nordkaukasus mittlerweile zu den Regionen gehört, in denen Menschenrechte systematisch und massivst verletzt werden - diese Tatsache steht meines Erachtens in eklatantem Widerspruch zur spärlichen Berichterstattung deutscher und internationaler Medien. 

Zur Presseerklärung auf der Webseite der GfbV geht es hier.


GESELLSCHAFT FÜR BEDROHTE VÖLKER
PRESSEMITTEILUNGBerlin, den 29. Oktober 2013

100 Tage bis zur Winterolympiade in Sotschi - GfbV warnt: Winterspiele
verkommen zur Werbung für Putins repressiven Staat – Willkürmaßnahmen
gegen Zivilisten werden zunehmen

100 Tage vor Beginn der Winterolympiade in Sotschi geben der russische
Präsident Wladimir Putin und der IOC-Präsident Thomas Bach am Mittwoch
in Sotschi gemeinsam feierlich den „Startschuss“ für den Endspurt der
Vorbereitungen für das sportliche Großereignis. „Doch hier gibt es nicht
viel zu feiern“, warnt die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV). „Die
Sicherheitsvorkehrungen, die Überwachung der Sportler und der Besucher
wird so dicht sein wie bei Antiterrormaßnahmen in den nahen
Kaukasusrepubliken Tschetschenien oder Dagestan. Die Berichterstattung
wird schon seit Monaten streng kontrolliert. Putin will mit den
Winterspielen seine Macht demonstrieren, da geht es weder um den
olympischen Geist noch um den Sport“, kritisiert die
Menschenrechtsorganisation.

Unmittelbar vor den Winterspielen, so die Befürchtung vieler Menschen im
Nordkaukasus, wird die Repression nochmals zunehmen. „Behörden und
Politik werden den Kampf gegen den terroristischen Untergrund, bei dem
oftmals Zivilisten Opfer staatlicher Gewalt werden, verstärkt führen“,
sagte die GUS-Referentin der GfbV, Sarah Reinke, in Berlin. Sie
kritisierte, dass das IOC seit Monaten ein offenes Eintreten für die
Menschenrechte verweigert. „So können die Winterspiele zur Blamage
werden wie die olympischen Sommerspiele 2008 in China, die nur dem
repressiven System aber nicht der Bevölkerung genutzt haben!“

Mehrmals hat die GfbV das IOC auf schwerwiegende Probleme im
Zusammenhang mit dem Austragungsort Sotschi aufmerksam gemacht: Sotschi
war im 19. Jahrhundert Schauplatz des blutigen letzten Kampfes der
Tscherkessen gegen die russische Vorherrschaft. Die Tscherkessen
unterlagen und wurden kollektiv aus ihrer Heimat vertrieben. Das war
nach Meinung führender Historiker ein Genozidverbechen.

Heute leben die Nachfahren der Überlebenden über die ganze Welt
verstreut. Eine politische Aufarbeitung dieser Kolonialverbrechen hat
bisher nicht stattgefunden. Aus tscherkessischer Sicht stellt die
Ausrichtung der Olympischen Spiele in Sotschi daher einen weiteren Akt
der Provokation, der Verleugnung ihrer Geschichte und Kultur dar.
Russland ignoriert die Bitte der Tscherkessen, dieser Verbrechen in
angemessener Form zu gedenken und versucht gezielt tscherkessische
Aktivisten einzuschüchtern.

Der Nordkaukasus ist laut neuestem Bericht der International Crisis
Group vom 6.9.2013 die Region Europas, wo das Gewaltpotential am
höchsten ist. Allein 2012 wurden dort 1.225 Personen Opfer von Gewalt.
Auch der Europarat kritisiert regelmäßig Folter, Morde,
Verschwindenlassen, willkürliche Verhaftungen, Gewalt gegen Frauen und
andere Menschenrechtsverletzungen in der Region."

 

Gesellschaft für bedrohte Völker
Pressereferat
Postfach 2024, 37010 Göttingen
Tel. 0551 499 06-25, Fax 0551 58028
presse@gfbv.de – www.gfbv.de

Dienstag, 29. Oktober 2013

Antwortschreiben von Nicole Gohlke (Offener Brief vom 16.10.2013)

Am 16.10.2013 hatte ich  einen Offenen Brief an die Bundestagsabgeordnete Nicole Gohlke in ihrer Funktion als hochschulpolitische Sprecherin der Linkspartei geschrieben. Da es in ihm vorrangig um meine Probleme als Wissenschaftlerin mit dem "falschen" Forschungsthema (Völkermord an den Tscherkessen im Rahmen vergleichender Genozidforschung) - allerdings vermittelt vor dem Hintergrund aktueller politischer Anforderungen an den deutschen Wissenschaftsbetrieb - und meinen eigenen Bedarf an konkreter Unterstützung gegangen war, hatte ich ihn nicht auf meinem blog, sondern im Community-Teil der Wochenzeitung Freitag (siehe obigen link) eingestellt.

Gestern, d.h. am 28. Oktober 2013, habe ich nun von Nicole Gohlke untenstehendes Antwortschreiben erhalten. Es nimmt zwar u.a. auch auf meine eigene Situation Bezug, deckt dabei aber ebenso die tiefergehenden gesellschaftlichen und politischen Strukturen und Problemlagen, die in Deutschland kritische Forschung zu heiklen politischen Themen behindern, auf und streift dabei auch die Frage nach möglichen Aktivitäten zur Aufarbeitung des Völkermords an den Tscherkessen im Vorfeld von Sotschi 2014. Insofern  halte ich die Antwort auf meinen Offenen Brief - ursprünglich in eigener Sache geschrieben - nun doch auch für allgemein genug wie auch thematisch passend, um sie, nach vorheriger Absprache mit Nicole Gohlke, nun hier auf meinem blog zu veröffentlichen. Ich möchte bei dieser Gelegenheit auch explizit darauf hinweisen, daß es sich hierbei um die erste offizielle Stellungnahme einer Vertreterin der Linkspartei zum Thema Tscherkessen und genozidaler Gewalt im Westkaukasus handelt. 

"Liebe Frau Kreiten, Liebe Irma,

Ihren Brief habe ich mit großem Interesse gelesen - der Bericht unterfüttert direkt einige der Problematiken, an deren Veränderungen ich in und mit der LINKEN arbeite.
Im Zuge des neoliberalen Umbaus wurden an Hochschulen weitere Abhängigkeiten geschaffen bzw. verstärkt sowie strukturelle Änderungen vorgenommen, die in ihrer Konsequenz der Wissenschaftsfreiheit entgegenlaufen. Hieraus ergeben sich auch Benachteiligungen von  wissenschaftlich fundierten, aber vom ideologischen Mainstream abweichenden wissenschaftlichen Methoden und Positionen.
So wie Sie Ihren Fall schildern, scheint Ihre Situation ein Paradebeispiel für diese Entwicklung zu sein.
Ich habe mich gemeinsam mit meinen KollegInnen im Bildungsausschuss und im Rahmen meiner Möglichkeiten als Abgeordnete und hochschulpolitische Sprecherin der LINKEN. im Bundestag bereits während der letzten Legislatur für strukturelle Veränderungen in der Hochschullandschaft eingesetzt, die diesen Entwicklungen entgegenwirken sollen: 
Die inhaltlich selbständige Arbeit von Promovierenden soll unterstützt und Whistleblower geschützt werden. Die Wissenschaftsfreiheit soll durch die Herstellung von Transparenz geschützt werden. Militärische Forschung an Hochschulen soll durch Zivilklauseln unmöglich gemacht werden.
Hierzu verweise ich gerne auf folgende Initiativen:
Drucksachennummer (DrS.) 17/9064: Freiheit von Forschung und Lehre schützen – Transparenz in Kooperationen von Hochschulen und Forschungseinrichtungen mit Unternehmen bringen.
DrS. 17/6492: Die Bedeutung von Whistleblowing für die Gesellschaft anerkennen – Hinweis- geberinnen und Hinweisgeber schützen.
DrS. 17/9979: Keine Rüstungsforschung an öffentlichen Hochschulen und Forschungseinrichtungen – Forschung und Lehre für zivile Zwecke sicherstellen.

Ich möchte Sie um Verständnis bitten, dass es mir und meinen MitarbeiterInnen im Berliner Büro nicht möglich ist, mich fundiert in Ihr wissenschaftliches Themengebiet und Ihre Forschung zu den Tscherkessen einzuarbeiten.
Deswegen schrecke ich auch davor zurück, mich direkt in die Auseinandersetzung einzumischen und mich z.B. mit Ausrichtern von wissenschaftlichen Workshops o.ä. in Verbindung zu setzen. Dafür reichen meine Kenntnisse zu Ihrem Fachgebiet einfach nicht aus. 
Wenn Sie bemängeln, dass Sie zu wenig Unterstützung durch KollegInnen meiner Fraktion erfahren haben, dann könnte ich mir vorstellen, dass dies vielleicht auch daran liegt - dass es die Einarbeitung in ein sehr komplexes Thema voraussetzt.

Ich kann Ihnen aber versichern: wir freuen uns, wenn wir weiter gemeinsam an der Beseitigung der politischen und ökonomischen Abhängigkeiten arbeiten, die auch Ihnen vor Ort das Leben schwer machen, und ich bin natürlich jederzeit dankbar, wenn ich von konkreten Beispielen aus der wissenschaftlichen Praxis höre, die untermauern, dass wir es mittlerweile mit einem eklatanten Problem zu tun haben.
Für Ihre persönliche Zukunft wünsche ich Ihnen alles Gute, und ich würde mich freuen, wenn wir uns auch einmal persönlich kennenlernen würden!

Mit freundlichen Grüßen,
Nicole Gohlke"


Nachtrag: Ein Kommentar zu diese Antwort findet sich in meinem neuen Blogeintrag zu Nicole Gohlkes Einsatz gegen München 2022 und die hier verpaßte Chance, damit auch Sotschi 2014 und die Existenz der Tscherkessen zur Sprache zu bringen: http://sochi2014-nachgefragt.blogspot.com/2013/11/die-sotschi-munchen-connection-ein.html