Zarische Truppen, Krasnaja Poljana, 21.5.1864

Zarische Truppen, Krasnaja Poljana, 21.5.1864

Sonntag, 7. Februar 2016

Presseratsbeschwerde: TAZ - Interview mit Prof. Dr. Marianne Leuzinger-Bohleber über "Blutrache"

Am 6.2.2016 wurde von mir folgendes Schreiben an den Presserat versandt:

                                                                                                  



                                                                                                      Istanbul, den 6.2.2016

Sehr geehrte Damen und Herren,

Hiermit möchte ich Beschwerde einreichen im Sinne des Pressekodex und bitte Sie, die notwendigen Überprüfungen vorzunehmen.

Beanstandete Veröffentlichung

Titel: Psychologin über Blutrache. „Eine grandios-narzisstische Geste“. Womit wird die Selbstjustiz gerechtfertigt? Die Direktorin des Sigmund-Freud-Instituts über Gerechtigkeit und kollektive Kränkungen.

Genre: Interview

Verantwortlicher Journalist/Interviewführung: Johannes Pitsch

Interviewte: Prof. Dr. Marianne Leuzinger-Bohleber (Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt/Main)

Datum: 7.2.2015 (ohne Uhrzeitangabe)

Erscheinungsort: die tageszeitung (TAZ), online unter: http://www.taz.de/!5021542/

Grund der Beanstandung

Diskriminierung von Minderheiten/volksverhetzende Wirkung


Begründung:

Das Interview verfolgt offenkundig das Ziel, die Charlie Hebdo-Attentate in einen weiteren soziopolitischen Rahmen einzuordnen und im Rückgriff auf wissenschaftliche Theorien der Öffentlichkeit in ihren Ursachen verständlicher zu machen – und damit auch indirekt Anregungen für künftige Präventionsarbeit zu geben. Durch die Taz selbst (Überschrift, Unterzeile, Fragestellungen, Bildunterschrift) wird hierbei von Anfang an das Phänomen des internationalen Terrorismus, das sich gegen staatlich organisierte Gesellschaften richtet, primär als Kommunikationsstrategie zu verstehen ist und weitgehend ein Phänomen der Moderne bzw. Postmoderne darstellt, mit der Institution der Blutrache vermischt und diese dann wiederum mit individualpsychologischen Zuständen und gruppenpsychologischen Phänomenen (im Text: „Wut“, „Rache“, „Kränkungen“) in Verbindung gebracht.

„Blutrache“ ist üblicherweise ein Forschungsgebiet für Ethnologen oder historisch arbeitende Kulturwissenschaftler, es handelt sich bei ihr um einen Mechanismus zur Konfliktaustragung und -beilegung, wie er für segmentäre bzw. staatsferne Gesellschaften typisch ist. Sie folgt einem mündlich überlieferten, teils auch schriftlich fixiertem Kodex, dient der Herstellung bzw. Aufrechterhaltung gesellschaftlicher Normen und Ordnungen unter Bedingungen der Abwesenheit eines zentralstaatlichen Gewaltenmonopols und hebt sich damit von außergesetzlichen Willkürakten („Selbstjustiz), die gegen eine bestehende gesellschaftliche oder staatliche Ordnung gerichtet sind, ab. Die Blutrache ist Bestandteil eines Rechtssystems, auch wenn dieses westlichen Gesellschaften - mittlerweile - fremd erscheinen mag und die Blutrache selbst modernen rechtsstaatlichen Prinzipien zuwiderläuft. Demzufolge kann man sehr wohl – jenseits kulturrelativistischer Befindlichkeiten - die Sinnhaftigkeit der entsprechenden Normen und Regeln hinterfragen oder sogar deren Abschaffung fordern, sollte man aber konzeptual zwischen „Terrorismus“ als politischem Phänomen, „Blutrache“ als innerhalb bestimmter Gesellschaftsformen vertretener soziopolitischer Institution und individual- oder gruppenpsychologisch motivierten Straf- und Gewalttaten trennen.

Eine Ineinssetzung bzw. Inbezugsetzung , wie sie in der TAZ de facto vorgenommen wird, knüpft an veraltete, wissenschaftlich diskreditierte Lehren aus dem 19./ beginnenden 20. Jahrhundert an, insbesondere an die Völkerpsychologie in ihrer Verbindung mit Kulturevolutionismus. Im Kern beinhalteten diese Lehren die Vorstellung einer Stufenabfolge menschlicher Zivilisation und das Postulat, daß andere (außereuropäische) Völker auf früheren Evolutionsstufen ständen. Man glaubte, daß die Völker, mit denen man im Zuge der Kolonialisierung in Kontakt gekommen war, in Bezug auf westeuropäische Gesellschaften sozusagen „lebendige“ Vergangenheit seien und sich im Vergleich mit den moderneren ,fortgeschritteneren Europäern durch eine mangelnde geistige/intellektuelle und emotionale Reife auszeichnen würden und etwa auch – in einer Parallele zur kindlichen Entwicklung – durch mangelnde Affektkontrolle auffielen. Institutionen wie „Blutrache“ in diesem Sinne als „kulturelle Regression in archaische Zeiten“ (Leuzinger-Bohleber) darzustellen, wie dies in der fraglichen TAZ-Veröffentlichung geschieht, gilt in der heutigen Ethnologie nicht mehr als angemessen. Des weiteren werden die von Redaktion und der Interviewten vorgenommenen Verknüpfungen auch nicht näher explifiziert bzw. mit Bezugnahme auf konkrete Sachzusammenhänge hinreichend begründet.

Vor diesem theoretischen Hintergrund oder Setting, das, soweit ersichtlich, von der TAZ selbst so gewählt wurde, werden im Verlauf des Interviews ethnisch und religiös definierte Kollektive in die Nähe von Straftaten bzw. terroristische Akte oder deren Gutheißung gerückt. Ich beziehe mich im folgenden konkret auf die Aussagen, die auf „Tschetschenien“ und „muslimische Gläubige“ in Tschetschenien bezogen sind, da hier mein eigenes Arbeitsgebiet und meine Fachkompetenzen am stärksten berührt sind. Die entsprechende Passage wird eingeleitet durch die explizite Frage des TAZ-Journalisten nach „Kränkungen“ und „kollektivpsychologische[n] Ursachen“ für die Tatsache, daß andernorts (in der TAZ-Veröffentlichung geographisch und religiös konnotiert, wie etwa die Formulierung „in der muslimischen Welt“ und die Bildunterschrift „In Afghanistan zeigt sich die Wut von Demonstranten gegen „Charlie Hebdo“” belegen) die Anschläge auf Charlie Hebdo „als verhältnismäßig wahrgenommen“ worden seien. Ich zitiere:

Johannes Pitsch:
Die Attentate stießen nicht überall auf Unverständnis, sondern wurden als verhältnismäßig wahrgenommen. Könnten die Kriege des sogenannten Westens in der muslimischen Welt und die Dämonisierung des Islams kollektivpsychologische Ursachen dafür sein?“
Marianne Leuzinger-Bohleber:
Ja, so gab es zum Beispiel in Tschetschenien Demonstrationen gegen Charlie Hebdo, in denen muslimische Gläubige die Karikaturisten beschuldigten, den Propheten und damit gläubige Muslims beleidigt zu haben. Dadurch trügen sie eine Mitschuld an ihrer Ermordung. Bei diesen Demonstranten spielen vermutlich die kollektiven Kränkungen durch die „Kriege des sogenannten Westens“ gegen Irak oder islamistische Terrorgruppen wie die IS durchaus eine Rolle.“
Auf einer faktischen, pragmatischen Ebene ist diese Darstellung verzerrend, da sie die Repressivität des Kadyrow-Regimes und damit die „Freiwilligkeit“ derartiger Demonstrationen ignoriert und dadurch – weitgehend im Sinne Putins – eine scheinbare Mehrheit an Tschetschenen zu „Terrorismusverstehern“ macht. Angesichts der Tatsache, daß die tschetschenische Exilregierung über ihren Vertreter Akhmed Zakayev die Attentate umgehend als „brutal“ und „inhuman“ verurteilt hatte und überdies noch betonte, daß Tschetschenen sehr gut nachvollziehen könnten, was es heiße, wenn im Zuge eines Streben nach Freiheit und Demokratie Journalisten und Menschenrechtler Gewalttaten zum Opfer fielen, mutet die Herstellung eines Zusammenhangs zu einer „tiefe[n] Enttäuschung an westlichen Werten“ (Leuzinger-Bohleber) hier geradezu grotesk an. Damit werden politische Zusammenhänge entstellt wiedergegeben, bis hin zu ihrer Verkehrung ins genaue Gegenteil.
Auf einer theoretisch-analytischen Ebene fällt auf, daß die Darstellung Leuzinger-Bohlebers an kolonialrassistische Stereotypen des 19. Jahrhunderts anschließt, insbesondere an die des „rachsüchtigen Tschetschenen“. Der Topos des gewaltaffinen, kriminellen und unbeherrschten Nordkaukasiers reicht zurück in die Zeit der Eroberung des Kaukasus durch das Zarenreich. In deren Zuge haben sich tiefsitzende kulturelle Codes herausgebildet, die auch dann aktiviert werden, wenn sich der Verwender deren Implikationen nicht oder nicht voll bewußt ist. Das Bild des unbeherrschten und unbeherrschbaren, rachsüchtigen, impulsiven Nordkaukasiers hatte u.a. die Funktion, die ordnungsstiftende und zivilisierende Rolle der russischen Militärverwaltung hervorzuheben und damit die russische Eroberung zu legitimieren. In seiner Extremform bildete es Teil genozialer Diskurse, diente der Vorbereitung, Durchführung und nachträglichen Rechtfertigung einer Politik der Massaker, der Hungerblockade, der Vertreibungen und der (zumindest kulturellen) Exterminierung. Heutigen Nordkaukasiern sind diese diskursiven Zusammenhänge durchaus noch präsent.

In Anbetracht dieser Tatsachen möchte ich Sie bitten, zu überprüfen, inwiefern hier, d.h. insbesondere mit dem Rekurs auf kolonialrassistische Stereotypen, Ziffer 1 („Wahrhaftigkeit und Achtung der Menschenwürde“), Ziffer 10 („Religion, Weltanschauung, Sitte“) und Ziffer 12 („Berichterstattung über Straftaten“) des deutschen Pressekodexes verletzt wurden. Meines Erachtens wird im vorliegenden Interview mittels verzerrender Fragestellungen und Deutungsweisen ein - sachlich nicht gegebener Zusammenhang - zwischen tschetschenischer „Mentalität“ (so möchte ich Leuzinger-Bohlebers Ausführungen hier einmal sinngemäß zusammenfassen) und einem terroristischen Verbrechen hergestellt bzw. ein solcher zumindest dem Leser gegenüber insinuiert. Mit dem vorliegenden Interview wird ethnische und religiöse Stereotypenbildung befördert und werden bereits vorhandene Vorurteile gegenüber den erwähnten Gruppen geschürt und „wissenschaftlich“ bestätigt. Die Veröffentlichung ist damit, gerade zu Zeiten von Bewegungen wie Pegida, geeignet, ein friedliches Zusammenleben innerhalb Deutschlands zu gefährden und dort volksverhetzende Wirkung zu entfalten. Ich sehe die Aufgabe von Medien gerade auch in der Aufklärung über derartige Sterotypen und Klischees und deren ideengeschichtliche Herkunft wie auch deren aktuelle politische Nutzbarmachung (Instrumentalisierung) und bin der Ansicht, daß hier das vorliegende Interview einen gegenteiligen Effekt hat.

Mir ist bewußt, daß Interviews oftmals die Funktion haben, die „Meinungen“ und Positionen bestimmter Personen abzubilden, unabhängig davon, ob diese Meinungen und Positionen nun faktisch korrekt bzw. nachvollziehbar oder ethisch teilbar sind, sowie daß hier dann entsprechend das Gebot der Meinungsfreiheit greift. Allerdings handelt es sich meiner Auffassung nach im vorliegenden Fall weniger um ein personenbezogenes, denn um ein sachzentriertes Interview. Das Interview hat die Gestalt einer Kommentierung bzw. Analyse des Zeitgeschehens aus Expertensicht und konzentriert sich gerade nicht darauf, eine bestimmte Wissenschaftlerin und die von ihr betriebene Forschung vorzustellen. Berücksichtigt werden sollte auch, daß Aussagen von Akademikern in einer modernen Informationsgesellschaft für gewöhnlich ein besonders hohes Maß an Autorität und Legitimität besitzen, einem allgemeinen Publikum „Wahrhaftigkeit“ signalisieren und daß ihnen hiermit in besonderem Maße eine meinungsbildende Wirkung zukommt.

Meiner Auffassung nach hat die TAZ auch selbst in erheblichem Maße ihre eigene Sorgfaltspflicht (Ziffer 2, Pressekodex) verletzt. Daß in der Interviewführung bedeutsame Fehler gemacht wurden, wurde hier bereits in der Form angesprochen, daß der Interviewer mit seinen Fragen und Stichworten bereits selbst einen einen fragwürdigen Rahmen absteckt. Frau Leuzinger-Bohleber hat sich bedauerlicherweise an etlichen Stellen (nicht überall) hierauf eingelassen. Hiermit in Zusammenhang stehend ist zu beobachten, daß die im Interview berührten Themengebiete zu einem beträchtlichen Teil nicht mit den Fachkompetenzen bzw. dem akademischen Profil der Interviewten übereinstimmen, die konkrete Themenstellung für eine Psychologin eher ungeeignet und unvorteilhaft war. Zu bemängeln ist insbesondere, daß die TAZ weder durch Nachfragen während des Interviews noch durch eine nachträglich hinzugefügte Begleitnotiz kenntlich gemacht hat, wo sich Frau Leuzinger-Bohleber als Direktorin des Sigmund-Freud-Instituts äußert und wo sie lediglich ihrer persönlichen, auf Laienurteilen basierenden Meinung Ausdruck verleiht (wie eben in oben zitierter Passage zu Tschetschenien). Für den Laienleser dürfte damit kaum nachvollziehbar sein, welche der im Interview getroffenen Aussagen denn auch tatsächlich wissenschaftlich untermauert sind. Auch sollte Wissenschaftsjournalismus, und hierum handelt es sich strenggenommen, auf wissenschaftliche Standards Rücksicht zu nehmen und veraltete Theorien nicht einem allgemeinen Publikum als aktuellen Kenntnisstand anbieten.

Auf die Mängel des Interviews aus fachlicher Sicht war die TAZ von mir bereits in Kurzform, u.a. per email, bereits hingewiesen worden, hat hierauf aber nicht reagiert bzw. sogar entsprechende Leserkommentare meinerseits einfach gelöscht, so daß zusätzlich fraglich ist, ob die TAZ hier nicht ihre Pflicht zur Richtigstellungverletzt hat (Ziffer 3 „Richtigstellung“ , evtl. zusätzlich Ziffer 2.6 „Leserbriefe“, Ziffer 2.7 „Nutzerbeiträge“ des Pressekodexes). Diese Nichtkorrektur dürfte auch praktische Relevanz haben insofern, als Prof. Dr. Marianne Leuzinger-Bohleber u.a. in der Traumaarbeit mit Flüchtlingen tätig ist. Sie und andere sollten auf die – zugegebenerweise bei uns noch wenig bekannten – entsprechenden Klischees und Stereotypen sowie deren kolonialgeschichtliche Herleitung hingewiesen werden. Ansonsten besteht Gefahr, daß Flüchtlinge aus der Rußländischen Föderation und Syrien (dort existierte bislang eine nordkaukasische Diaspora) in deutschen Hilfseinrichtungen bzw. von Psychologenseite mit genau denjenigen Stereotypen und rassistischen Klischees konfrontiert werden, die in ihrer Heimat nicht nur weitverbreitet sind und dort für ein feindseliges Klima sorgen, sondern unter Umständen sogar als Rechtfertigung für Repression, Verfolgung und Folter gedient haben.

Da die von mir hier angesprochenen Sachverhalte und Zusammenhänge bzw. die Themengebiete, die von meinen Ausführungen berührt werden, einer allgemeinen Öffentlichkeit eher unbekannt sein dürften, habe ich mir erlaubt, als Ergänzung zum gegenwärtigen Schreiben meine Kritikpunkte an der fraglichen Publikation noch einmal gesondert in einem Blogtext (abrufbar unter: http://sochi2014-nachgefragt.blogspot.com.tr/2016/02/der-rachsuchtige-tschetschene-wie-die_6.html) zu benennen. Bitte beachten Sie, daß Sie dort auch die entsprechenden Belege und Verweise auf die Fachliteratur finden.



Ich verbleibe mit freundlichen Grüßen,

                                                                      Irma Kreiten, Historikerin und Ethnologin (M.A.)

Samstag, 6. Februar 2016

Der "rachsüchtige Tschetschene" - Wie die taz Kolonialrassismus befördert

Am 7.2.2015 ist in der TAZ ein Interview unter dem Titel: „Psychologin über Blutrache. „Eine grandios-narzisstische Geste“. - Womit wird die Selbstjustiz gerechtfertigt? Die Direktorin des Sigmund-Freud-Instituts über Gerechtigkeit und kollektive Kränkungenerschienen, das mir durch Tendentiosität und Unprofessionalität in mehrerlei Hinsicht aufgefallen war. Interviewt wird Marianne Leuzinger-Bohleber, Direktorin des in Frankfurt/Main beheimateten Sigmund Freud-Instituts, Interviewer ist ein noch sehr junger Redakteur, der bislang vor allem zu popkulturellen Themen geschrieben hatte, keinerlei Erfahrung auf dem Gebiet des Wissenschaftsjournalismus vorzuweisen hatte und offenkundig fachlich um einiges überfordert gewesen war. Die TAZ-Redaktion hat sich offenbar nicht bemüßigt gesehen, auf meine kurzgehaltenen Hinweise auf die Problematik des Interviews mit Marianne Leuzinger-Bohleber einzugehen. Da die Redaktion ohnehin bereits über einen längeren Zeitpunkt hinweg mir gegenüber einen bemerkenswerten Mangel an Sinn für gute Umgangsformen bewiesen hatte, wähle ich nun den formellen Weg jenseits der Befugnisse der TAZ. Der hier folgende Text dient der Benennung meiner Kritik im Detail und ihrer sachgerechten Begründung. 
 
Tschetschenien, Hort der Terrorismusversteher

Ich beginne mit einer Analyse derjenigen im Interview getroffenen Aussagen, die mein eigenes wissenschaftliches Arbeitsgebiet (ethnologisch-historische Beschäftigung mit der russischen Unterwerfung des Nordkaukasus und den zugehörigen Kolonialdiskursen) am unmittelbarsten betreffen. Leuzinger-Bohleber tätigt im Interview Aussagen zu Tschetschenien und Tschetschenen als ethnischem Kollektiv, die eine hohe Suggestionskraft besitzen, geeignet sind, ohnehin in der westeuropäischen Bevölkerung vorhandene, massive Feindbilder „wissenschaftlich“ zu bestätigen und weiterzutradieren und darum so nicht stehenbleiben dürfen. In der fraglichen Passage beantwortet Leuzinger-Bohleber die Frage nach „kollektivpsychologische[n] Ursachen“ dafür, daß die Charlie-Hebdo-Attentate „nicht überall auf Unverständnis“ gestoßen wären, sondern in manchen Teilen der Welt „als verhältnismäßig wahrgenommen“ worden seien. Ich zitiere sie hier im Ganzen:

Ja, so gab es zum Beispiel in Tschetschenien Demonstrationen gegen Charlie Hebdo, in denen muslimische Gläubige die Karikaturisten beschuldigten, den Propheten und damit gläubige Muslims beleidigt zu haben. Dadurch trügen sie eine Mitschuld an ihrer Ermordung. Bei diesen Demonstranten spielen vermutlich die kollektiven Kränkungen durch die „Kriege des sogenannten Westens“ gegen Irak oder islamistische Terrorgruppen wie die IS durchaus eine Rolle.“

Frau Leuzinger-Bohleber leistet hier unzulässige kulturalistische Verkürzungen, die die politisch äußerst repressive Situation in Tschetschenien vollkommen ausklammern. Es wäre bereits den damaligen, problemlos erhältlichen westlichen Presseberichten zu entnehmen gewesen, daß die tschetschenischen Proteste gegen Charlie Hebdo von Kadyrow angeleiert und forciert worden waren und auch er selbst die zentrale Rede hielt, in der die "Beleidigung der religiösen Gefühle" durch Charlie Hebdo verurteilt wurde. Demonstranten berichteten, daß sie zur Teilnahme gezwungen worden waren.i Mit Druck und Drohungen inszenierte, nur scheinbar spontane Massenproteste“ sind für das Tschetschenien des von Putin unterstützten, autoritär regierenden Ramzan Kadyrow ohnehin nichts Unübliches.ii Auch dürften diese Proteste kaum ohne Billigung Moskaus erfolgt sein, die Demonstrationen in Tschetschenien lagen auf Kreml-Linie zumindest insofern, als die staatliche Informationsaufsichtsbehörde Roskomnadzor gewarnt hatte, daß die Weiterveröffentlichung von Charlie Hebdo-Cartoons in Rußland als Straftatbestand gewertet werden könne.iii

Die offizielle russische Reaktion auf Charlie Hebdo kann als ambivalent gewertet werden.iv In Richtung auf seine westlichen Gesprächspartner hin drückte der russische Präsident Bedauern aus. Das russische Boulevardblatt "Komsomolskaya Pravda" etwa wartete hingegen mit antiamerikanischen Verschwörungstheorien auf und erklärte ausführlich, aus welchen Gründen man sich gerade nicht mit Charlie Hebdo identifiziere.v Von Seiten eines Sprechers der Orthodoxen Kirche wurden – in einer Parallele zur Roskomnadzor-Verordnung – "religiöse Gefühle" explizit dem Recht auf freie Meinungsäußerung vorgeordnet.vi Den tschetschenischen Protesten gegen Charlie Hebdo schlossen sich auch russische orthodoxe Prälaten an, wohingegen zwei Demonstranten mit "Je suis Charlie"-Plakaten in Moskau festgenommen wurden. Eine Gruppe radikaler russisch-orthodoxer Aktivisten, die für ihren öffentliche Aktionen gegen "Blasphemie" bekannt ist, sah in dem Anschlag auf Charlie Hebdo sogar eine gerechte Strafe Gottes.vii
 
Von einer "archaischen" Gemütsverfassung des russischen Volkes, der orthodoxen Gläubigen oder gar der Tradition des russischen "Duells" als Form der außergerichtlichen Konfliktbearbeitung mit oftmals tödlichem Ausgangviii spricht Frau Leuzinger-Bohleber hier jedoch nicht, "Rachegefühle" als Movens kollektiven Handelns bleiben dem nichteuropäischen „Anderen“ vorbehalten, werden für den postsowjetischen Raum allein auf tschetschenische Muslime und deren nicht näher erläuterte Demütigungserfahrungen projiziert. Umgekehrt findet die Tatsache, daß Tschetschenen sich explizit gegen terroristische Vorgehensweisen ausgesprochen hatten, keinerlei Erwähnung. Akhmed Zakayev, Kopf der offiziell nicht anerkannten tschetschenischen Exilregierung “Itsckeria“, hatte sofort nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo eine Solidaritätsbotschaft an den französischen Präsidenten, an die Redaktion Charlie Hebdo und allgemein an "die Bürger Frankreichs" versandt, den Angriff auf die Satirezeitschrift scharf verurteilt und betont, daß gerade auch die Tschetschenen wüßten, was es heißt, wenn Journalisten und Menschenrechtler aufgrund deren Einsatzes für Menschenrechte und Demokratie umgebracht werden.ix Wie seltsam mutet es angesichts dessen an, wenn jemand, der über mögliche „Demütigungserfahrungen“ spekuliert, überhaupt nicht darüber reflektiert, daß solche gerade auch im Verwehren von – sehnlich erwünschten – demokratischen Strukturen gegeben sein könnten. 
 
Kurzum: Im entsprechenden Interviewabschnitt wird das mittlerweile international gängige Stereotyp vom ungehobelten, ungezügelten, gewaltaffinen Tschetschenen bedient. „Hard facts“ aus dem aktuellen Nachrichtengeschehen, die hier zumindest partiell korrigierend gewirkt hätten, werden ausgelassen oder verzerrend wiedergegeben. Der Redakteur läßt dies ohne kritische Nachfragen und Korrekturen einfach so stehen. Karikatur, wie sie im Interesse des Kreml Verbreitung findet.

Kolonialrassistische Stereotypen und ihre Verwendung in genozidalen Diskursen
Der „wilde Nordkaukasier“ ist keineswegs ein Produkt der beiden Tschetschenienkriege der 1990er oder einer nachträglichen Stereotypisierung einer international auffälligen, ethnisch konnotierten Tätergruppe, die entsprechenden Topoi gehen auf die blutige zaristische Kolonialisierung des Kaukasus im 19. Jahrhundert zurück, haben diese begleitet und begründet/legitimiert. Es existiert in hinreichendem Maße bereits (öffentlich zugängliche!) Fachliteratur zu diesem Thema, die ich hier – zusammen mit meinen eigenen Forschungen – in Ausschnitten bzw. wesentlichen Punkten vorstellen werde. Die Auseinandersetzung mit dem (Nord-)Kaukasus hat Rußland gerade im kulturellen Bereich in einem Maße geprägt, wie dies keine andere Region in der gesamten russische Kolonialgeschichte vermochte.x Hierüber haben sich tief im gesellschaftlichen Bewußtsein verankerte Codes herausgebildet, die auch wirken, wo offener Rassismus nicht das Ziel ist. Sogar im russischen Wiegenlied (mit Text von Michail Lermontov) ist vom bösen Tschetschenen die Rede, der nachts am Flußufer herumschleicht und sein Messer wetzt.xi
 
Nationaldichter Alexander Puschkin, dessen eigener Umgang mit dem Nordkaukasus zwar multisemantisch war, aber eben auch das Bild des von Natur aus gewalttätigen Bergbewohners beinhaltete, beschrieb in ikonisch gewordenen Zeilen das Wesen des Nordkaukasiers soxii:

Es gibt kaum eine Möglichkeit, sie zu befrieden, es sei denn, man entwaffnete sie, wie man die Krimtataren entwaffnet hat, was überaus schwierig durchzuführen ist in Folge der unter ihnen herrschenden Erbstreitigkeiten und der Blutrache. Dolch und Säbel sind Teile ihres Körpers, und der Säugling beginnt sie zu beherrschen, noch ehe er sein erstes Wort stammelt. Mord ist bei ihnen - nur eine Körperbewegung.

Der Topos vom wilden, impulsiven, ungezügelten Kaukasier diente russischen Intellektuellen, Militärs und Verwaltunsbeamten der Rechtfertigung eines kolonialen Projektes. Der Zustand von Willkür, in dem sich die lokalen Gesellschaften angeblich befanden, verlangten nach der ordnenden und zivilisierenden Hand der Kolonialverwaltung und einer allmählichen Erziehung hin zu mehr Selbstkontrolle und einer Wandlung “problematischer” Mentalitäten. Zum russischen Kolonialmythos dazu gehörte die Vorstellung, daß die Expansion in den Kaukasus nicht von Gier oder territorialen Gelüsten getrieben sei, sondern vom Vorhaben, der örtlichen Bevölkerung Recht und Gesetz zu bringen, damit ein “ziviles”, friedliches Leben überhaupt erst möglich zu machen. “Wildheit” und Affektgesteuertheit/Abwesenheit ausreichender Selbstkontrolle wurde dabei u.a. auch mit krimineller Veranlagung gleichgesetzt und die russische Kolonialgesellschaft erfreute sich an sensationalistischen Geschichten über Mord, Raub, Eifersuchtsdramen und Gewalt in der Familie, die als Ausdruck eines nordkaukasischen Volkscharakters gelesen wurden. xiii

Laut Harsha Ram, einem amerikanischen Russisten und Literaturwissenschaftler, bestand der russische „Tschetschenen“-Mythos im Kern sogar in der Reflexion über „Recht“ und dessen Verhältnis zu „Gewalt“. Typisch für den russischen Kolonialdiskurs sei vor allem das Vermischen von lokalen, kodifizierten Formen der individuellen und kollektiven Konfliktaustragung mit der nordkaukasischen Reaktion auf die russische Expansion gewesen. Der Topos vom gewaltaffinen Nordkaukasier diente so nicht nur zur Rechtfertigung der kolonialen Expansion sondern umgekehrt auch der Diskreditierung des nordkaukasischen Widerstandes gegen die russische koloniale Expansion. In der Sicht Lermontovs etwa stellte dieser Widerstand keine legitime politische Kraft dar, sondern wurde als chaotische, raubtierhafte Gewalt beschrieben, die auf einer elementaren Racheinstinkt anstatt auf einem entwickelten Gerechtigkeitssinn basisere. xiv



[Wird bis zum 8.2.2016 vervollständigt. Ich bin leider aufgrund meines Gesundheitszustandes gezwungen, ständige Pausen bei der Bildschirmarbeit einzulegen. Vorab eingestellt worden sind die obigen Textabschnitte, da es sich bei ihnen um den Kernbereich meiner Kritik handelt und ich hier bereits auf deren wissenschaftliche Belegbarkeit und Belegtheit und den entsprechenden Forschungsstand hinweisen wollte. Es wird mir ja unter Profitieren von meiner gesundheitlichen Situation gerne von Gegnern mit unterschiedlicher Motivation untestellt, ich hätte nichts weiter vorzubringen als das, was ich bereits vorgebracht bzw. veröffentlicht habe].



Zusatzdokumentation: Eine großartige Geste

Eine Intervention meinerseits per Leserkommentar hatte die TAZ nicht zugelassen. Hier noch mal der Text meines offenbar "infamen" Kurzkommentars (eine wirkliche wissenschaftliche Auseinandersetzung ist ohnehin über die Kommentarfunktion nicht möglich) zum Nachlesen:

"Ethnologen werden sich beim Lesen die Fußnägel kringeln. Was denkt sich die Dame überhaupt dabei, sich zu einem Wissensgebiet zu äußern, auf dem sie offenbar nicht im Geringsten kompetent ist? Etliche der Behauptungen sind kruder Unfug und noch dazu rassistisch bzw. in höchstem Maße ethnozentrisch. Aber typisch für deutsche Zeitungen, daß man das Ausbreiten von liebgewonnenen Stereotypen und Märchen darüber, wie der Fremde sei, denke und fühle, einem fakten- und wissensbasierten Argumentieren vorzieht. Das Klischee lebe hoch."




Ja, ich gebe zu, ich hätte meine Kritik wahrscheinlich sehr viel mehr noch an die Taz-Redaktion selbst richten müssen als an Frau Leuzinger-Bohleber , war aber zunächst ziemlich verärgert und auch schockiert über das, was ich da über mein - von der Taz ansonsten sträflich vernachlässigtes - Fachgebiet lesen mußte. Anders als das sonst mitunter gehandhabt wird, findet sich numehr in der Kommentarspalte nicht einmal mehr ein Hinweis darauf, daß hier von der Online-Redaktion gelöscht wurde. Sogar über mein TAZ-Profil ist der Kommentar nicht mehr abrufbar (siehe: https://www.taz.de/!ku450/).


Literatur:
x Thomas Barrett, The Remaking of the Lion of Dagestan: Shamil in Captivity, Russian Review,
Vol. 53, Nr. 3 (Juli 1994), S. 353-366, S. 360, online abrufbar unter: https://sites.evergreen.edu/russiawinter/wp-content/uploads/sites/47/2015/01/Jan-27-Shamil-in-Captivity.pdf
xiiDeutsche Übersetzung zitiert nach: Katharina Kickinger, Der „wilde Kaukasus“ in europäischen Reiseberichten des 19. Jahrhunderts, Diplomarbeit, Wien 2013, S. 96, online unter: http://othes.univie.ac.at/27130/1/2013-01-31_0647760.pdf
xiiiAustin Jersild, Orientalism and Emire. North Caucasus Mountain Peoples and the Georgian Frontier, 1845-1917, Montreal 2002, S. 69, S. 89-105
xiv Harsha Ram, Prisoners of the Caucasus: Literary Myths and Media Representations of the Chechen Conflict. Berkeley, 1999, S. 4-5, online at: http://escholarship.org/uc/item/45t9r2f1
 
 

Mittwoch, 3. Februar 2016

Herfried Münkler und Freiherr von der Goltz: Die Affinität von Geopolitik zu genozidalen Diskursen

**** Bei dem folgenden Text handelt es sich um einen Ausschnitt aus einer längeren Analyse des münklerschen Umfeld. Eine solche ist bei mir  in Arbeit,  ich konnte sie aus gesundheitlichen Gründen bisher aber noch nicht fertigstellen. Vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Polarisierungen und der Notwendigkeit eines diskursiven Gegensteuerns halte ich ein noch längeres Warten nicht für sinnvoll, auch wenn damit meine Argumentation zunächst einmal an Überzeugungskraft einbüßen sollte und ich leider nicht eine perfekte Textoberfläche liefern kann. Eine detailliertere geistesgeschichtliche wie politische Eindordnung und ein argumentatives Aufzeigen von entsprechenden Zusammenhängen wird folgen, sobald mir dies in praktischer Hinsicht möglich sein wird. Meine Beschäftigung mit Münkler ist meiner eigenen wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Völkermord an den Tscherkessen geschuldet und der daraus resultierenen Konfrontation mit den - nicht nur auf den historischen Einzelfall oder auf eine konkrete Region bezogenen - gesschichtsrevisionistischen und völkermordverharmlosenden - Tendenzen des münklerschen und baberowskischen Umfelds. ****


Der deutsche Politikwissenschaftler Herfried Münkler
Ein Artikel Münklers, der meine Arbeitsgebiete streift und meine regionalen Präferenzen berührt, ist "Der Untergang des Osmanischen Reiches", erschienen auf den Seiten des Goethe-Institutes anläßlich des Gedenkens an 100 Jahre 1. Weltkrieg im Jahr 2014. Es geht um außenpolitische Strategien, Interessen, Einflußnahmen und die Rivalität der europäischen Großmächte untereinander. Daß Münkler hier nicht an reiner wissenschaftlicher Erkenntnis interessiert ist, sondern den Blicken eines Staatsmannes (bzw. Politikberaters) folgt, der darum besorgt ist, Deutschland zu einer international favorablen Stellung zu verhelfen, äußert sich u.a. darin, daß Münkler seine Darstellung an Kategorien wie  Erfolg und Mißerfolg - "Gelingen" vs. "Fehlschlag" - ausrichtet. An anderer Stelle spricht Münkler selbst in Bezug auf die Wahrnehmungs- und Handlungsweisen historischer Akteure vom "Maßstab der Effizienz" (" Effizienz steht für einen heroismuskritischen Blick auf das Kampf- und Kriegsgeschehen. Ihr geht es nicht um ethisch-ästhetische Ideale, sondern um das Verhältnis von Aufwand und Ertrag. ").Eine analytische Metaebene, die sich mit der Mechanik und ideologischen Prämissen des "Great Game" auseinandersetzen würde, fehlt hingegen weitgehend (bzw. ich meine, sie fehlt gänzlich!). Die Metaphorik ist bisweilen auf befremdliche Weise organizistisch, etwa wenn es heißt, Eisenbahnlinien seien die "Blutbahnen" gewesen, "die dem erstarrten Leib des Osmanischen Reiches neues Leben verleihen sollten".

Unter Teilüberschriften wie "Deutsche Hoffnungen auf einen islamischen Antiimperialismus" verhandelt der Artikel explizit auch geopolitischen Ambitionen des deutschen Kaiserreiches im Nahen Osten und die Strategien, die in deren Zuge zum Einsatz kamen. Etliche Passagen sind hierbei dem deutschen Militärberater und Reformator des Osmanischen Heeres Colmar von der Goltz (1843-1916) gewidmet. Goltz wird von Münkler - auf meines Erachtens durchaus schmeichelhafte Weise - als "eher einem Intellektuellen als einem preußischen Offizier" gleichend charakterisiert. Er sei ein "guter Kenner" des Balkan und des Osmanischen Reiches gewesen. Die goltzsche Strategie schildert Münkler als die eines "diffusen Antiimperialismus, den er durch die Ausrufung des Heiligen Krieges der Muslime befördern wollte". Insgesamt aber ist der Tonfall interessiert bis anerkennend.In einer Passage, in der es um eine Effektivitätssteigerung der osmanischen Truppen geht, heißt es zu Goltz:                                              
Colmar Freiherr von der Goltz (Quelle: Wikipedia)

"Welche Rolle dabei die strategische Führung und die taktischen Instruktionen durch deutsche Offiziere gespielt haben, ist in der einschlägigen Literatur umstritten. Zweifellos haben die Generäle Otto Liman von Sanders und Colmar von der Goltz eine wichtige Rolle gespielt; sie förderten das Vertrauen der türkischen Soldaten und Offiziere, ihren europäischen Gegnern ebenbürtig zu sein."                    

Vor dem Hintergrund der britischen Niederlage südlich von Bagdad im Jahr 1916 wird Goltz mit dem Attribut "Planer dieses Sieges" belegt. Anstelle einer distanzierenden Aneignung des historischen Deutungskontextes scheint Münkler die goltzsche Politik auf deren Erfolgspotential hin abklopfen zu wollen. So spricht er vom "Fehlschlag der islamisch grundierten Diversionsstrategie der Deutschen" und begibt sich denn auch gleich im Anschluß auf Ursachensuche. Einer der Gründe für das Scheitern der deutschen Strategie sei gewesen, daß "der Große Generalstab nicht wirklich an sie glaub-te" (sic.). Einschätzungen der historischen Akteure und Beurteilung/Analyse durch den rückwärtsblickenden Historiker gehen hier nahtlos ineinander über. Münkler blickt seinen historischen Protagonisten nicht nur über die Schulter, um deren Denken und Handeln und damit den historischen Prozeß besser verstehen zu können, die Figur des heutigen Politanalysten und -strategen scheint angesichts gemeinsamer Interessen und Anliegen mit seinen damaligen Berufsgenossen zu verschmelzen. Das abschließende Urteil über Goltz und weitere deutsche Nahost-Strategen fällt denn auch durchaus anerkennend aus. Münkler schreibt:

"In der Retrospektive kann man sagen, dass dies ein modernes Revolutionskonzept war, bei dem jedoch zu wenig berücksichtigt war, dass es sich in nationalistischer Ausrichtung auch gegen das Osmanische Reich richten ließ. Hier setzten die Briten an [...]. Der islamische Antiimperialismus, auf den von der Goltz und die anderen gesetzt hatten, zeitigte dagegen nur marginale Wirkung. Rückblickend ist fest-zuhalten, dass von der Goltz der Zeit um einige Jahrzehnte vorausgewesen ist."

Liefert man den bei Münkler fehlenden ereignisgeschichtlichen wie diskursiven Kontext nach, erhält gerade diese letztaufgeführte Bewertung einen überaus zynischen Klang. Sehen wir uns darum kurz an, wie Goltz in den Werken anderer Historiker, hier eines Buches Vahakn Dadrians, eingeordnet wird.
 
Vahakn N. Dadrian ist ein armenischstämmiger Historiker und gilt unter denjenigen, die sich mit dem Genozid an den Armeniern auseinandersetzen, als einer der weltweit profiliertesten Autoren, aber auch als Hardliner. Sein Ansatz mag nicht unumstritten sein und seine Werke mag eine gewisse Polemik auszeichnen (er wird mitunter als "partisan scholar" bezeichnet); seine Arbeiten gehören jedoch zu den richtungsweisenden Standardwerken und sind damit definitiv zitierfähig. Hier wird es ohnehin um einen Teilaspekt seiner Forschung, um die einzelnen "hard facts" und nicht um die ganz großen Deutungslinien gehen. Daß Colmar Freiherr von der Goltz, während der Ausführung des Völkermordes an den Armeniern zugegen war und Goltz, wie auch andere deutsche Militärberater im ausgehenden Osmanischen Reich, hierbei eine Mitschuld trifft, dürfte ohnehin unstrittig sein.

In "The History of the Armenian Genocide. Ethnic Conflict from the Balkans to Anatolia to the Caucasus" (New York/ Oxford: 1995 (2004)) geht Dadrian im 16. Kapitel (ab S. 248) auf das Problem der deutschen Mitwirkung und insbesondere die projektive Identifizierung des deutschen Kaisers mit dem Osmanischen Reich als einem (vermeintlich) theokratischen "Preußen des Orients" ein. Goltz kam in diesem Zusammenhang die Rolle eines politischen Vordenkers zu, er hatte so schon in den 1890ern empfohlen, das Osmanische Reich müsse sich, um überlebensfähig zu bleiben, auf eine islamisch-asiatische Kernidentität konzentrieren. Goltz soll 1914 in Berlin einen von der Deutsch-Türkischen Vereinigung organisierten Vortrag gehalten haben, in dem er die These aufstellte, die Türkei müsse, um sich vor desaströsen Einmischungen von russischer Seite zu schützen, ein für alle Mal die armenischen Bewohner von Bitlis, Van und Erzurum aus der osmanisch-russischen Grenzregion entfernen und eine halbe Million Menschen nach Aleppo und Mesopotamien umsiedeln (Dadrian, S. 255). Dadrian stuft diese Zusammenfassung des Inhalt von Goltz' Vortrag als glaubwürdig ein; damit stellt sich die Frage, inwieweit Goltz nicht nur Mitwisser und beteiligter Zuschauer war, sondern in seiner Funktion als Militärberater sogar der ursprüngliche Stichwortgeber für eine Deportation der Armenier und die sich daraus entwickelnden genozidalen Tendenzen war.

Bei Münkler liest man hiervon kein Wort. Armenier oder andere nichttürkische Minderheiten und deren Schicksal im ausgehenden Osmanischen Reich bzw. angesichts der kemalistischen Turkifizierungspolitik (die entgegen landäufiger Vorstellungen auch vorwiegend muslimische Bevölkerungsgruppen wie die der Tscherkessen und anderer Nordkaukasier betraf) werden in seinem Artikel nicht ein einziges Mal erwähnt. Dieses Fehlen bewegt sich hart an der Genozidleugnung, it zumindest aber geschmacklos.... Noch frapierender und beunruhigender ist jedoch die Verwandtheit der Denklogiken, die in der münklerschen Schilderung der Nahostpolitik des wilhelminischen Reiches zum Ausdruck kommt. Auch Münkler geht es offenbar ums "große Ganze". Er denkt in Einflußgebieten und überlegt, welche Denk- und Handlungsweisen zum geopolitischen Erfolg führen. Hierfür nimmt er eine Vogelperspektive ein, in der Minderheiten und Partikularinteressen im Zuge zielorientierten Handelns strategisch operabel sein mögen, für sich, in ihren eigenen Interessen und ihrer eigenen Wertigkeit aber nicht von Gewicht sind und auch ganz "weggelassen" werden können. Nimmt man es ganz genau, dann handelt es sich bei derartigen omissiven Darstellungen um ein Verweilen im finalen Stadium genozidaler Gewalt, dem des Verschweigens dessen, was sich zugetragen hat und eines Vergessens (Leugnens) der Opfer.

Samstag, 21. Februar 2015

TAZ-Antwort bestätigt: Generelle Kommentarsperre aufgrund von Kritik an einzelnem TAZ-Redakteur

Am 7.2.2015 hatte die TAZ ein Interview veröffentlicht, in dem (u.a. aufgrund von verfehlter Interviewführung) kolonialrassistischen Stereotypen über Tschetschenen bzw. generell sogennanten "archaischen" außereuropäischen Kulturen der Anschein wissenschaftlicher Expertise verliehen worden war. Anläßlich dieses Artikels hatte ich erstmals bemerkt, daß meine Kommentare in der Taz nicht mehr freigeschaltet wurden. Auch in den folgenden Tagen gingen Nutzerbeiträge von mir spurlos verloren. Am 17.2.2015 habe ich nach einem weiteren nicht erschienenen Kommentar die TAZ hierüber in Kenntnis gesetzt und nach Ausbleiben einer zeitnahen Reaktion am 18.2.2015 dann auch einen ersten Blogeintrag hierzu verfaßt (siehe "Bestrafungsaktion von der TAZ"). 

Zunächst erhielt ich am 18.2.2015 eine email zur Antwort, in der behauptet wurde, daß am Vortag "ein technisches Problem" vorgelegen habe und "viele Kommentare" die TAZ nicht erreicht hätten. Man versprach mir: "Jetzt ist die Störung behoben und Sie können wie gewohnt kommentieren.".Ich habe das ausprobiert und wäre  auch gewillt gewesen, das vorherige Nichterscheinen weitere Kommentare von mir auf technische Probleme zu schieben. Aber nein, auch ein am 18.2.2015 abgeschickter Testkommentar blieb unauffindbar. Am darauffolgenden Tag (19.2.2015) habe ich dies wiederum der TAZ-online-Redaktion mitgeteilt und erhielt daraufhin diese Antwort (ebenfalls 19.2.20145





Diese Antwort scheint denn meinen vorangegangenen Verdacht zu bestätigen, daß das Nichterscheinen meiner Kommentare als Art Berstrafungsaktion (mit mutmaßlich pädagogischer Wirkung?) gedacht war. Der Vorwurf, ich hätte diffamierende Äußerungen getätigt, wird nicht einmal an einer konkreten Belegstelle festgemacht. Möglicherweise ist das Schreiben der Redaktion damit seinerseits als ehrenrührig zu bewerten. Für ein detaillierteres Eingehen auf den Vorwurf des in diesem Falle anonym gebliebenen Online-Redakteurs (die vorangegangene email war immerhin noch freundlich mit einem Vornamen unterzeichnet worden) siehe meine Ausführungen weiter unten.

Meine umgehende Rückfrage an die TAZ-Redaktion lautete: 

"Hallo TAZ,

Danke für die Nachricht. Könnten Sie mir bitte den entsprechenden Facebook-Post nennen und begründen, warum Sie diesen nicht als zulässige und sachlich begründbare Kritik, sondern öffentliche Diffamierung wahrnehmen? Wer hat sich betroffen gefühlt? Herr Bröckers? Frau Lehmann? Derjenige, der fachfremd das Interview mit Prof. Dr. Marianne Leuzinger-Bohleber geführt hat?

Und handelt es sich bei dem inkriminierten Kommentar um einen facebook-Post auf meiner eigenen Seite, einem Forum oder der FB-Seite der TAZ? Verfolgen Sie grundsätzlich, wie Ihre Leser zu einzelnen Beiträgen/Autoren der TAZ stehen und entscheiden demgemäß, ob Ihre Leser bei Ihnen noch kommentieren dürfen? Warum sind bei Ihnen im Laufe des letzten Jahres bei putinkritischen Artikeln massig Kommentare erschienen, die TAZ-Journalisten aus Querfront-Sicht direkt und persönlich angepöbelt und weitgehend argumentationsfrei diffamiert haben? Falls Sie diese selbst nicht mehr auffinden können sollten, schicke ich Ihnen gerne eine Auswahl von entsprechenden screenshots zu. Warum hat selbst das Verlinken verschwörungsideologischer, tendentiell volksverhetzender Desinformations-Quellen wenig bis gar nicht gestört bzw. wurde im Zuge von "Meinungsfreiheit" zumindest akzeptiert? Haben Sie eher ein Problem mit Sachargumenten denn mit abfällig formulierten, persönlich verletzenden "Meinungen"?

Eine Antwort auf diese Fragen dürfte,so nehme ich an, hinsichtlich der TAZ-Praxis in Bezug auf Meinungsfreiheit, antirassistische, antimilitaristische und antifaschistische, d.h. traditionell linksdemokratische Positionen und die Statthaftigkiet von Kritik auch von breiterem öffentlichen Interesse sein. Ich weise Sie auch darauf hin, daß ich das aus meiner Sicht aktuell mangelhaft ausgeprägte Kritikverständnis der TAZ, fehlende Sachlichkeit/Neutralität in mehreren redaktionellen Teilbereichen und einen mangelnden Respekt Ihrerseits vor dem Fachwissen anderer Berufsgrupppen bereits hier

http://sochi2014-nachgefragt.blogspot.com.tr/2015/02/bestrafungsaktion-von-der-taz.html

angerissen habe und diese meine Kritik, sollte von TAZ-Seite hier kein Wunsch zu Klärung und Bereinigung bestehen, auch vertiefen und mit den entsprechenden Literaturbelegen untermauern werde. Ich erwäge auch eine Beschwerde beim Presserat bezüglich der in der TAZ erfolgten Diffamierung der Tschetschenen als Volksgruppe, die seit mehr als 200 Jahren immer wieder Opfer der imperialen Politik des russischen Zentralstaats wurde und deren stereotype Darstellung im Zuge eines kolonialrassistischen Diskurses die TAZ direkt und indirekt fortsetzt. Falls in Deutschland kein hinreichendes Interesse bestehen sollte, werde ich mich in diesem Falle an ausländische Medien und Interessensvertretungen wenden.
MfG,
                                                                     Irma Kreiten"


Weiterere Erläuterungen zum Diffamierungsvorwurf: 

Ich bin hinsichtlich der Unterstellung der TAZ, eine diffamierende Äußerungen in Bezug auf einen konkreten TAZ-Redakteur getägt zu haben, durchaus zuversichtlich und glaube nicht, daß man mir tatsächlich Formulierungen oder Inhalte ankreiden könnte, die eine Löschung ganzer Kommentare oder gar eine vollständige Kommentarsperre legitimieren würden. Ja, ich habe an diversen Artikeln und auch einzelnen TAZ-Autoren Kritik geübt. Ich kann meine diesbezüglichen Beweggründe und Argumentationen gerne auch noch weiter vertiefen sowie entsprechend belegen, insbesondere dann, wenn man mir dafür einen angemesseneren Raum und ein geeigneteres Format zur Verfügung stellt wird als das in Form von Kommentarspalten unter den jeweiligen Artikeln gegeben ist.

 Ich erinnere mich - wenn ich jetzt mal gedanklich mein TAZ-"Sündenregister" durchgehe - auf Facebook mit Bezugnahme auf einen konkreten TAZ-Artikel sowie in Bezug auf eine einzelne Passage eines weiteren Artikels das Adjektiv "wichtelig" bzw. "wahnwichtelig" verwendet zu haben. Warum ich dies getan habe, kann ich, wenn denn die TAZ plausibel macht, daß sie bzw. der entsprechende Redakteur sich hieran gestoßen hat, gerne noch näher erläutern. Des weiteren hatte ich eine angenehm kritisch ausgefallene Buchbesprechung zu Matthias Bröckers, dem hauseigenen Verschwörungsideologen der TAZ, zusammen mit dem Kommentar "Dem TAZ-Molch guckt man nun auch mal auf seine Flossen...gut so." verlinkt. Der fragliche Artikel war in der FAZ erschienen und trug den Titel "Wir sind die Guten. Rassistische Esoterik". Die bröckersche Propaganda berührt mein Arbeitsgebiet und meine Anliegen insofern direkt, als sie eine antiliberale, rückwärtsgewandte deutsch-russische Völker- und wohl auch Seelenverwandtschaft beschwört. Despektierlicher und zynischer bin ich nicht geworden.

Falls die TAZ-Redaktion der Ansicht sein sollte, daß ich (auf meiner eigenen Facebook-Seite wohlgemerkt!) meine Kritik, Meinungen und Gedanken zu flapsig bzw. umgangssprachlich formuliert hätte oder mein auf Facebook zum Ausdruck kommendes persönliches Humorverständnis von ihr nicht nur nicht geteilt, sondern gar als sträflich empfunden wird, dürfte damit ihr Gespür für die strikte Einhaltung des bildungsbürgerlichen Codex und sprachlich "korrekten" Stils derart ausgeprägt sein (jedenfalls in Bezug auf TAZ-Fremde), daß man es als geradezu seismographisch bezeichnen müßte. Vielleicht sollte man künftig auch darüber diskutieren, der TAZ-Redaktion in ihren Berliner Örtlichkeiten zusätzlich zu ihren Redaktionspflichten auch noch die Aufgabe der Erdbeben- und Tsunami-Frühwarnung im ostasiatischen Raum vertrauensvoll zu übertragen. Ansonsten gelten die Bestimmungen des Grundgesetzes in Bezug auf Meinungsfreiheit; Kritik an Presserzeugnissen ist statthaft und in formalisierter Weise im deutschen Pressekodex (vielleicht guckt die TAZ-Redaktion da bei Gelegenheit auch noch mal rein) sogar explizit als Bestandteil eines ethischen Journalismus vorgesehen. 

Aufgrund des zeitlichen Abstandes halte ich es auch für extrem unwahrscheinlich, daß tatsächlich einzelne Facebook-Kommentare von mir den Ausschlag für ein generelles Kommentar"verbot" gegeben haben sollen. Ich war vielmehr von der TAZ auf facebook umgehend gesperrt worden, nachdem ich die fehlende Sachlichkeit und Sorgfalt Anna Lehmanns in Bezug auf einen von ihr verfaßten Artikel zur Zivilklauselbewegung zu thematisieren versucht hatte. Der erste in der online-TAZ nicht freigegebene Kommentar hatte sich, wie schon oben erwähnt, gegen ein Perpetuieren von Kolnialrassismus gewendet. Somit halte ich es für sehr viel wahrscheilicher, daß sich die TAZ schlicht deswegen angegriffen gefühlt hat und möglicherweise tödlich beleidigt war, weil meine Kritik berechtigt war und es sich bei ihr gerade nicht um die durchschnittlichen abfälligen Meinungsäußerungen oder auch Hetzereien gehandelt hatte, wie sie u.a. in der TAZ zu Dutzenden veröffentlicht werden (letztere haben mich und Bekannte oft genug selbst getroffen und waren in Bezug auf die Befindlcihkeiten der Tscherkessen und allgemein der Nordkaukasier vielfach bewußt grenzverletzend und provozierend und ohne daß die TAZ hier in irgendeiner ersichtlichen Form eingeschritten wäre). 

Bisher warte ich also immer noch darauf, daß die TAZ mir mitteilt, welcher meiner Kommentare gemeint gewesen sein soll und was an ihm denn nun als "diffamierend" oder beleidigend gewertet wurde. Aktuell ist Anna Lehmann für das neu lancierte "Hochschulwatch" verantwortlich - sicher auch eines der Prestigeprojekte der TAZ. Angesichts narrativer Parallelen, inhalticher Berühungspunkte und Affinitäten der Netzwerke von Zivilklauselbewegung und Transparenzinitiativen dürfte es sich für die TAZ gut treffen, daß ich an den entsprechenden Artikeln nun keine Kritik mehr anbringen, Verzerrungen und Aussparungen nicht mehr berichtigen und erläutern kann. Ich werde dies dann nun eben an anderer Stelle tun und man wird es trotzdem lesen. 

Allerdings sollte sich die TAZ überlegen, ob sie sich ausgerechnet jetzt, wo es darauf ankäme, einer weiteren Erosion demokratischer Werte und einem generellen gesellschaftlichen Vertrauensverlust entgegenzuarbeiten und dementsprechend für ein Mehr an Transparenz zu sorgen, mit derartigen, öffentlich nicht nachvollziehbaren Entscheidungen und Verhaltensweisen nicht ins eigene Fleisch schneidet. Nicht nur ist ein derart intransparenter und fragwürdiger Umgang mit mutmaßlich ungeliebten Perspektiven geeignet, das Klischee einer schlampig und voreingenommen arbeitenden Presse aufs Schönste zu erfüllen und damit - wenn es denn nicht wie in meinem Falle gerade um querfrontkritische Äußerungen geht - Mahnwachen-Diskurse weiter zu befeuern sowie wiilden Spekulationen das Terrain zu eröffnen.  

Die TAZ läuft hier obendrein Gefahr, ihre Glaubwürdigkeit gerade auch bei denjenigen zu verspielen, die bereit wären, eine unabhängige, pluralistische und liberale Presse auch zu verteidigen. Es entsteht der Eindruck, daß sich manche TAZ-Autoren im Einklang mit etwa sogenannten "Friedensbewegten" und auf Kosten eines freien Meinungs- und Diskussionsaustausches profilieren und sich mit den Interessen einer weitgefächerten proputinistischen Querfront gemein machen. Die TAZ stößt damit möglicherweise gerade diejenigen Querfrontkritiker vor den Kopf, die sie bräuchte, um sich effektiv gegen Angriffe gegen die sogenannte "Lügenpresse" und den von der Querfront aufgebauten Druck zur intentionsgetreuen Wiedergabe von deren Perspektiven zu Wehr setzen und die eigenen Qualitätsstandards zu wahren. 

Nicht nur Wichtelkreise können sich beschweren, auch Querfront-, Putin- und Mahnwachenkritiker sind dazu aufgefordert, auf eine sachgerechte, sorgfältige und ethisch akzeptable Berichterstattung zu achten und gegebenenfalls mit individuellen Schreiben, formalen Presseratsbeschwerden oder auch eigenen Petitionen auf den Erhalt eines Mindestmaßes an informationeller Ausgewogenheit, Pluralität der Perspektiven und redaktioneller Unabhängigkeit zu dringen. Die TAZ muß lernen, zwischen "Kritik" und "Diffamierung" zu unterscheiden und sollte imstande sein, diese Unterscheidung bei Bedarf auch auf sinnvolle und für die Öffentlichkeit plausible Weise darzulegen. In einem ersten Schritt sollte die TAZ bereits gemachten Fehlern und real vorhandenen Unzulänglichkeiten auf selbstreflexive Weise mit Offenheit begegnen und nicht weiter die eigenen Schwächen sowie mögliche strukturelle Zwänge mit einem überforschem Auftreten und gespieltem Auftrumpfen, einer dem Sachverhalt durchaus unangemessenen Arroganz und einer Fassade aus redaktioneller Unnahbarkeit zu kaschieren suchen.

Mittwoch, 18. Februar 2015

"Bestrafungsaktion" von der TAZ - Maulverbot für Kritik an schlechtem Journalismus?

1. Am  26.1.2014 hat mich die taz kommentarlos von ihrer Facebook-Seite herausgeworfen für wohl allzu offene Kritik an Anna Lehmanns Artikel "Anti-Rüstungsforschung an Hochschulen. Friedensbewegung reloaded". Ich hatte insbesonder auf Reiner Brauns Tätigkeit für die iranische Lobbyorganisation CASMII hingewiesen und auf Dietrich Schulzes moralische Legitimierung von Putins Krimannexion (siehe auch hier) sowie dessen Vorliebe für die Weltuntergangs-Szenarien des Neoeurasien-Propgandisten Michel Chossudovsky und Infos aus dem Umfeld des amerikanischen Verschwörungsfan und Teaparty-Idelogen Ron Paul (vermittelt über den von Schulze in jüngster Zeit offenbar gern zitierten Wolfgang Effenberger). Der Autorin hatte ich diese Zusammenhänge zuvor schon per email samt Nennung seriöser Quellen (u.a. Udo Baron) nahezubringen versucht, sie hatte daraufhin nicht reagiert und - so zeigen die Folgeartikel - auch gedanklich dichtgemacht. Offenbar sind die Beziehungen Lehmanns zu den beiden Hauptexponenten der sogenannten "Zivilklauselbewegung" Dietrich Schulze und Reiner Braun (ja, genau der Reiner Braun, der seit Monaten maßgeblich die rotbraune sogenannte "Friedensbewegung" vorantreibt) weiterhin gut. Auf Dietrich Schulzes "Zivilklausel"-Chronik erschien fast zeitgleich mit dem oben zitierten TAZ-Artikel ein Eintrag, demzufolge dieser freundliche taz-Artikel auf einem persönlichen Gespräch mit ihm und Reiner Braun beruhe. Kurze Zeit darauf wurde das abgeändert in ein "aufgrund Infos von Reiner Braun und Dietrich Schulze", d.h., ein persönliches Zusammentreffen im Rahmen des Zivilklausel-Vernetzungstreffens wurde damit verschleiert. 

Ich vermute, daß man nun auch im Rahmen des neu aufgelegten "Hochschulwatch"-Projektes von taz und Transparency International hinter den Szenen entweder direkt kooperiert oder doch zumindest gemeinsam am gleichen Strang zieht - insofern, als man den gleichen Kreisen angehört, deren Mitglieder und Verbündete sich gegenseitig stärken, sich die Themenbälle zuspielen und gemeinsam gegen Kritik und das Aufdecken unwürdigen Verhaltens in den eigenen Reihen mauern. Das Übereinkommen der Interessen von taz, Junge Welt und dem Schulze-Braun-Umfeld im Rahmen von "unileaks" und dem thematisch verwandten "Hochschulwatch", das gegenseitige Aufgreifen und thematische Befeuern ist jedenfalls für die, die es sehen wollen, nicht schwer zu erkennen.


Aktueller Ausschnitt aus Dietrich Schulzes "Zivilklausel"-Chronik: Junge Welt-TAZ-ZEIT-Hochschulwatch
Leider scheint sich sogar die ZEIT an diesem Projekt beteiligen bzw. dieses durch positive Berichterstattung unterstützen zu wollen, womit dieses Presseorgan samt Zeit-Briefkasten dann eventuell (nicht zwingenderweise!) ebenfalls als Korrektiv wegfällt. Diese Befürchtung drängt sich mir insbesondere auch deswegen auf, weil die ZEIT selbst ebenfalls mit dem Whistleblower-Netzwerk kooperiert, das wiederum dem weiteren Umfeld von Reiner Braun zuzurechnen ist und über dessen Vorstand Prof. Dr. Johannes Ludwig auch mit direkten Abhängigkeiten von der Öffentlichkeitsarbeit der russischen Regierung (hier eine kleine Kostprobe davon, mehr dazu an anderer Stelle) in Verbindung zu bringen ist.

 2. In der Online-taz konnte ich nach dem Herauswurf von der Facebook-taz noch kommentieren. Mittlerweile geht auch das nicht mehr. Das aktuelle Verschwinden von Kommentaren hat dort begonnen mit zwei bissigen Bemerkungen dazu, daß im taz-Interview "Psychologin über Blutrache. "Eine grandios-narzisstische Geste"" fachfremd eine Psychologin rassistische Klischees über Tschetschenen und sogenannte "archaische" außereuropäische Kulturen verbreiten konnte und dabei vom Interviewer noch kräftig mit den entsprechenden Stichworten und Suggestivfragen befeuert wurde (auf manche dieser Steilvorlagen läßt sich Marianna Leuzinger-Bohleber nicht ein, auf andere dann leider doch). Ich schildere das hier, weil ich nicht sicher sein kann, ob dieser Vorfall oder meine kritische Stellung zur Zivilklausel-Bewegung der taz den ausschlaggebenden Grund für ihre aktuelle Blockadehaltung geliefert hat oder irgendwann bei der online-Redaktion das erträgliche Maß an Berichtigungen, Sachergänzungen und inhaltlicher Kritik voll war.

Geführt hatte das unappetitliche Interview ein Johannes Pitsch, zu dem in der taz keinerlei personenbezogene Infos abrufbar sind. Ein wenig Suche ergibt einen Johannes Pitsch, der bis 2014 für ein Feinkost-Catering Unternehmen tätig war und sich seit Sommer letzten Jahres nun als freier Mitarbeiter bei u.a. der Frankfurter Rundschau versucht. Bei der FR scheint Pitsch nur wenige Wochen tätig gewesen zu sein, die Archivsuche fördert einen einzigen Artikel zu Tage, der sich eines von der Schließung bedrohten Karneval-Vereinsheims annimmt. Mir ergibt sich hierdurch das Bild, daß der mutmaßlich identische taz-Autor weder über eine journalistische Ausbildung verfügt noch auf ein hinreichendes Lernen aus der Praxis zurückblicken kann, um sich sensiblen interkulturellen Themen auf halbwegs seriöse Weise nähern zu können. Der Johannes Pitsch der taz hat bislang - abgesehen von besagtem Interview - zu einem Wäschereiservice, britischen Schoko-Ostereiern, einem deutschen Rapper, eine Halbsatire auf SM-Spielzeug, den bulgarischen Käsekuchen-Anreiz und dergleichen mehr geschrieben. Er wäre wohl vorerst besser auch bei dieser Sparte des Unterhaltungs-Journalismus mit seinen Meldungen zu Skurrilitäten und Merkwürdigkeiten geblieben.

Als besonders empörend und beschämend empfinde ich, daß somit in besagtem taz-Interview zwei völlig Fachfremde die phantastischsten Klischees, die man u.a. auf den Kolonialrassismus und die Völkerpsychologie des 19. Jahrhunderts zurückführen kann, einem Laienpublikum als "Expertenwissen" verkünden. Ich dagegen habe von der taz noch nie die Chance erhalten, mein Fachgebiet entsprechend breitenwirksam darzustellen. Obendrein hindert mich die taz-Online-Redaktion nun auch noch systematisch daran, mich als gewöhnlicher Leser zu äußern und meine Empörung über sachlich falsche und tendentiell volksverhetzende Darstellungen zu schildern. Hier begeht die taz offenbar Image-Pflege auf Kosten von Meinungsfreiheit und auf Kosten eines sachlichen, ausgewogenen Informierens ihres Publikums. Schlechter Journalismus soll wohl nicht als schlechter Journalismus erkannt und Rassismus nicht als Rassismus benannt werden. Welch üble kolonialrassistische Klischees in diesem Interview bedient wurden, wie abstrus die vertretenen Ansichten sind und wie sehr die Ausführungen auf einer fast vollständigen Begriffsverwirrung beruhen, werde ich ebenfalls - soweit mir dies angesichts meines Gesundheitszustandes noch möglich sein wird - in einem getrennnten Post samt Verweis auf die entsprechenden rechtsethnologischen Fachkonzepte, die gängige wissenschaftliche Sekundärliteratur und russische Quellenzitate zum vermeintlich "rachsüchtigen" und "kriminellen" Nordkaukasier als solchem erläutern. 

Ob die taz von Ursprung und Tendenz der im Interview getroffenen Behauptungen Kenntnis hatte oder nicht, ist letzendlich genauswenig von Bedeutung, wie es von Bedeutung ist, ob ein Ken Jebsen in der Lage und willens ist, den eigenen Antisemitismus als Antisemitismus zu erkennen oder der deutsche gewöhnliche Mittelstandsrassist in der Lage ist, sein Bild vom "Neger" kritisch zu hinterfragen. Daß seit dieser "Kaukasus-Episode" mit der taz auch andere Kommentare von mir nicht mehr erschienen sind, hatte ich schon bemerkt, wollte dem aber keine allzu große Bedeutung zumessen und hatte abgewartet, ob sich das Problem nicht von alleine behebt. Schließlich wird in der taz ja oft genug sichtbar darauf hingewiesen, wenn Kommentare nicht die Standards der Netiquette erfüllen. Selbst in Bezug auf wüste Putinisten-Pöbeleien gegen taz-Autoren ist man da eigentlich recht großzügig, anstößige Kommentare werden gekürzt freigeschaltet oder zumindest mit "Kommentar gelöscht"markiert. Auch bei einer möglichen Sperre des Nutzerkontos würde ich davon ausgehen, daß die taz diese mitteilt und begründet. Aber mein Konto ist ja auch nicht gesperrt, meine Kommentare gehen lediglich ins Leere.

3. Gestern nun ist in der TAZ ein Artikel zu dem Drittmittel-Problem deutscher Universitäten veröffentlicht worden. Dieser hatte mich vor allem deswegen interessiert, weil es sich bei ihm um einen Gast-Beitrag eines Professors handelte, der deutlich erkennbar aus eigener (schlechter) Erfahrung spricht, das Geschilderte intelligent beobachtet hat und unter dem Titel "Der Geist des Geldes" auch kein Blatt vor den Mund nimmt. Ich dachte, dies sei eine Gelegenheit dazu, auf ein eng verwandtes Thema aufmerksam zu machen, das bisher von fast allen Medien ignoriert worden ist: Der Austausch seriöser Genozidforschung durch einen Sasek-nahen Querfrontdiskurs und das dortige abstrakte Kritisieren von Verschwörungstheorien und Querfrontideologien unter Ausklammerung der eigenen Institution, so geschehen an der Universität Tübingen. Ich zitierte eine Passage aus dem Artikel selbst und schrieb:

"„In demselben Maße, in dem die Universität auf messbare Nutzenmaximierung getrimmt wird, produziert sie Nutzloses und Uninteressantes.“ - Mit dazuzurechnen zu diesem Phänomen wäre wohl auch, daß die universitäre Selbstanpreisung gerne maximale Orientierung an aktuellen gesellschaftlichen Problemkomplexen verspricht, diese vermeintliche Relevanz und Anwendungsorientiertheit dann auch immer wieder äußerst medienwirksam zu betonen weiß, im Zweifelsfall aber vornehme Zurückhaltung geübt wird bzw. man offensichtlich zurückschreckt vor einer wirklichen Intervention in gesellschaftliche Debatten dort, wo diese heikel sind und tatsächlichen Einsatz erfordern würden. Letztendlich findet der Zwang zur Orientierung an im politischen Diskurs bestimmten Interessen seine Ausformung in einer maximalen politischen Unverbindlichkeit und Flexibilität, die intellektuelle Verantwortung gerade nicht stärkt, sondern schwächt. So zumindest stellt es sich mir von außen dar, wenn sich etwa die Universität Tübingen einen prominenten Medienwissenschaftler leistet, der aktuell immer wieder einem breiten Publikum die Gefährlichkeit von Verschwörungstheorien auseinandersetzt und vor einem Dialog- und Kommunikationsinfarkt warnt, derselbe Akademiker aber (zumindest bisher noch) keinerlei Regung zeigt angesichts der Tatsache, daß an seiner eigenen Universität eben diese von ihm kritisierten Verschwörungsideologien mittlerweile sogar in den Lehrplan einfließen ( http://sochi2014-nachgefragt.blogspot.com.tr/2015/02/herr-porksen-auch-ihrer-universitat.html). Mich erinnnert das an die alte Karikatur der Ballettänzerinnen, die drinnen im Übungssaal die verrücktesten Sprünge und Drehungen hinbekommen, bei Verlassen des Saals dann aber nicht wissen, wie sie auch nur über eine kleine, bescheidene Pfütze vor dem Gebäudeeingang hinwegkommen – man könnte sich ja das Gewand schmutzig machen." 




Auch dieser Kommentar, der ja weder Kritik an der taz noch am Artikel selbst enthält, die Aussagen und Feststellungen des Autors vielmehr bekräftigt und bestätigt, erschien nicht. Ich habe daraufhin das getan, was die TAZ bei Nichterscheinen von Kommentaren empfiehlt: Ich habe ein email an kommune@taz.de geschickt.


 Hierauf hat man, wie das in Kreisen, die ihre eigene Lobbytätigkeit (und/oder ihre eigene politische Befangenheit sowie parteiisches Verhalten) oder unprofessionelles Verhalten bzw. beides verschleiern, so gang und gäbe ist, NICHT reagiert. Ich muß damit davon ausgehen, daß die TAZ hier eine nicht als solche erklärte Bestrafungsaktion für nichtkonformes und ihr nicht genehmes Verhalten durchführt bzw. auf eine Weise Revanche übt, die anhand der eigenen Standards nicht rechtfertigbar ist und deswegen nur mit Schweigen beantwortet werden kann. Man vertraut einfach darauf, daß sich der/die Betroffene angesichts übermächtiger und noch dazu von außen nur schwer als solcher erkennbarer Machtstrukturen nicht wird Gehör verschaffen und damit ihr Recht erkämpfen können, oder der eigenen Blick ist derart vernebelt, daß man die Anliegen weniger dreist und massiv agierender Personen und Personengruppen gar nicht als solche wahr- und ernstnehmen kann..

Zynischere Gemüter könnten sich auch überlegen, ob ein Herr Bröckers, der nach wie vor etliche Funktionen für die TAZ ausübt und dort u.a. für das Marketing zuständig ist, von meinen Online-Aktivitäten Kenntnis erhalten hat und mit meiner Kritik an ihm und seinem Liebling Dr. Daniele Ganser (Thema meines nicht erschienenen jüngsten Kommentars) nicht zurechtkommt, dementsprechend auch über die taz-Community seinen Einfluß geltend macht. Und by the way: Bröckers neuester Blogeintrag preist gerade den auch bei Dietrich Schulze offenbar so beliebten Wolfgang Effenberger an. Wichtel sind ja bekanntlich sehr empfindlich, was Kritik an ihren Ideologiegebäuden betrifft. Ich denke jedoch, daß eine sehr viel naheliegendere und plausiblere Erklärung für das Verhalten der taz der konkrete Inhalt meiner Kommentare zur Zivilklauselbewegung und deren prorussischer Ausrichtung liefert sowie das Benennen von abstrusen rassistischen Pseudotheorien als solche; hierauf war dann ja auch entsprechend zeitnah reagiert worden. So lange, wie die taz selbst sich hierzu nicht äußern will, steht es anderen jedenfalls wohl frei, hier über unlautere Beweggründe, insbesondere lobbyistische Einflußnahmen und den offensichtlich vorhandenen Korpsgeist von Querfrontnetzwerken zu spekulieren.

4. Auf den schlechten persönlichen Stil von Anna Lehmann ("unileaks"-Projekt der TAZ), ihr mangelndes Verständnis von Informantenschutz im Sinne eines fairen, offenen und verbindlichen Umgangs sowie die ausbleibende Rechercheleistung bei Vornanstellung der eigenen politischen Gesinnung und Loyalitäten werde ich - sofern ich noch Gelegenheit dazu haben werde - demnächst noch detaillierter eingehen. Offenbar ist man sich bei der taz gar nicht bewußt, wie sehr man mit dieser Art von PR für totalitäre Zusammenhänge anderen Menschen schadet und auch obendrein noch verhindert, daß sich von Querfrontstrukturen und Totalitarismus-Propagandisten Geschädigte Gehör verschaffen und möchte das auch nicht wissen. Auch stillschweigend wird hier nichts korrigiert. So wird auch im Lehman-Artikel "Transparente Forschung.Wenn VW die Studie bezahlt" vom 13.2.2015 Dietrich Schulze wieder wohlwollend als pazifistische Autorität zitiert. Die taz verleiht damit zum wiederholten Male denjenigen das Wort, die zwar landauf landab als Propagandisten einer sogenannten "Friedensbewegung" aktiv sind, selbst aber im konkreten Verhalten keinerlei demokratisches oder gar völkerrechtliches Verständnis aufweisen und erst recht keine Achtung vor Forschungsfreiheit haben, bei denen Worte und tatsächliche Position auf der politischen Skala auf extremste Weise auseinanderklaffen

Dietrich Schulze, dessen Darstellungsweisen Anna Lehmann offenbar völlig unhinterfragt und 1:1 übernimmt, steht auch mit seiner eigenen Biographie in merkwürdigem Gegensatz zu der nachfragefreien Berührungskontaminations-Logik, derer er sich beim Anprangern und Skandalisieren anderer Wissenschaftler  bedient. Dietrich Schulze selbst hat jahrzehntelang am Forschungszentrum Karlsruhe (dem heutigen KIT) gearbeit, seinen eigenen Artikeln zufolge (auch hier) noch dazu in einem extrem antisemitischen Umfeld. Trotz intensivster Suche ist es mir nicht gelungen, im Netz irgendeinen Hinweis darauf zu finden, daß Schulze sich konkret für Léon Grünwald eingesetzt hätte - einen Karlsruher Kollegen, der aufgrund seiner jüdischen Wurzeln von einem Ex-Nazi als Vorgesetzten offenbar drangsaliert und schließlich hinausgeekelt worden war. Dietrich Schulze beruft sich aktuell nur zu gerne mit moraltriefender Trivialrhetorik auf u.a. Grünwald als "Vorbild für die Jugend" und trägt diesen geradezu als Monstranz (siehe auch hier) vor sich her, um auf seine eigenen Themen aufmerksam zu machen. Hat er sich jedoch auch schon zu dessen Lebzeiten für ihn eingesetzt, sich für ihn und gegen den gemeinsamen Chef ausgesprochen? Warum hat er nicht die Konsequenzen gezogen, sich einen anderen Arbeitsgeber gesucht? Wie würde er mit dem Eindruck, den Außenstehende hier hinsichtlich eines unsolidarischen Profitierens von braunen Altnazi-Netzwerken leicht erhalten, umgehen, wenn nicht er selbst hier der Akteur wäre? Seiner eigenen Logik nach, die nicht nach den Chancen, Überlebensstrategien, Motivationen und taktischen Kompromissen, die Wissenschaftler heutzutage gehen (müssen?) fragt, müßte Dietrich Schulze also als gewissenloser Nutznießer der Atomlobby bezeichnet werden und hätte mit Faschisten gemeinsame Sache gemacht - der eigenen Bequemlichkeit und materiellen Sicherheit wegen. Auch hier gilt: keinerlei kritisches Nachfragen von Seiten der TAZ angesichts dieser Ungereimtheiten und offensichtlich in sich widersprüchlichen Verhaltensweisen.

Mich jedenfalls hat Dietrich Schulze im Zuge seines totalitär anmutenden Narrativs zur Erbauung der Jugend als Art propadandistisches Wurfgeschoß mißbraucht (siehe auch hier) und mich anschließend - nach einem für mich nervenaufreibendem mehrmonatigem Herumgezerre aufgrund seines pemanenten Drangs zu propagandistischen Verdrehungen, grotesken Überhöhungen und nach teils auch unautorisiert publizierten Entstellungen - stillschweigend entsorgt. Offenbar ist Schulze auch selbst der Meinung, daß der schäbige Umgang mit mir, zu dem er selbst in beträchtlichem Maße beigetragen hat, und dessen fatale Folgen für meine Biographie für niemanden einen Anreiz oder gar - in seiner eigenen Formulierung - ein "Mutmacher" sein könnten, um es mir nachzutun und konsequent und kompromißlos für eigene Überzeugungen einzustehen. Würde die taz sich dazu durchringen, meine Situation zu schildern oder mit mir zusammen meinem Anliegen - die politische wie wissenschaftliche Aufarbeitung des Völkermordes an den Tscherkessen voranzutreiben und die Netzwerke, die dieses behindern, zu exponieren - nachzugehen, sie würde sich damit implizit oder explizit auch gegen Schulze und dessen Netzwerke stellen. Das will man aber offenbar auch gar nicht.

Ich würde angesichts dieser auch auf persönlichen Interaktionen beruhenden Einsicht in Dietrich Schulzes konkretes Verhalten nur zu gerne wissen, ob  Léon Grünbaum, wenn er heute noch leben würde, mit dieser seiner Vereinnahmung durch Dietrich Schulzes für dessen extremistische, mittlerweile rotbraune Propagandatätigkeit einverstanden wäre. Falls Herr Schulze schriftliche Belegstücke oder glaubwürdige Zeugen dafür vorzuweisen hat, daß er sich Léon Grünbaun zu dessen Lebzeiten - anders als mir gegenüber - tatsächlich solidarisch und seinem Arbeitgeber gegenüber nicht taktisch verhalten sondern in der Tat die von ihm so vielbeschworene "Zivilcourage" beweisen hat, sollte er diese öffentlich machen. Ansonsten kann man - zumal Schulze wenig Gelgenheiten ausläßt, um sich selbst herauszustreichen - wohl  argwöhnen, daß Schulze sich hier auf wohlfeile Weise einer mittlerweile verstorbenen Person bedient, um unter anderem mit einem vorgeschobenen "antifaschistischen" und "antimilitaristischen" Engagement Querfront-Netzwerke und damit auch neurechte Diskurse zu stärken, sowie daß selbst die taz sich noch auf dieses Charade-Spiel einläßt. 

Seine meist billig gestalteten Propagandamachwerke verbreitet Dietrich Schulze mit Vorliebe über die immer brauner werdende NRhZ, dort schreibt er hin- und wieder auch unter falschem Namen, z.B. als "Carl Routier" (Schreibstil und Formatierung der Texte von "Routier" sind identisch, die Photos zu den Routier-Artikeln stammen erklärtermaßen von Schulze, der Inhalt ist teilweise wortgleich und die übergroße Eigenliebe des Dietrich Schulze führt auch noch dazu, daß diese vermeintlichen "Fremdartikel" in der NRhZ dann an anderer Stelle doch wieder als Eigenleistung aufgeführt werden). Mutmaßlich wählt Schulze diesen Weg, um damit auf künstliche Weise den Eindruck eines breiteren gesellschaftlichen Konsenses zu erzeugen, sich als vermeintlich Anderer selbst zu loben und hervorzustreichen und somit mit  - bei ihm auch in anderer Form gegebenen - kleinen unehrlichen Tricks und miesen Ränkespielen für ein Mehr an Aufmerksamkeit und erschlichenes gesellschaftliches Gewicht zu sorgen. Dietrich Schulzes "Antifaschismus" erweist sich, aus der Nähe besehen und zumindest, wenn auf mein Thema und Anliegen eines Erforschens der Wurzeln genozidaler Gewalt bezogen, als nichts anderes als eine weitgehed leere Propagandahülse in bester DDR-Tradition.

5. Daß die taz mit ihrem Covering der sogenannten "Zivilklausel"-Bewegung und nun möglicherweise auch mit ihrem thmematisch überlappenden Projekt "Hochschulwatch" den gleichen Kreisen das Wort redet, die auch die rotbraune Friedensbewegung (die von der TAZ kritisiert wird) befördern, sowie welche Folgen dies für unsere Gesellschaft hat und noch haben wird, wird wohl von der taz-Redaktion bewußt ausgeblendet. Ebenso wird wissentlich verdeckt und vertuscht, daß die Interessen dieser rotbraunen Friedenskreise etwa meinem Anliegen, das Fortwirken der blutigen russischen Kolonialpolitik im Nordkaukasus zu thematisieren, diametral entgegenstehen. Zumindest anhand dieses konkreten Beispiels müßte doch klar, daß die entsprechenden Kreise nicht für die Freiheit und Unabhängigkeit von Forschung stehen und keinerlei lagerübergreifendes Interesse an Transparenz haben. Dietrich Schulze trommelt weiter für "Zivilcourage" und "Widerstand" und ihm ist dabei - genauso wie der taz - offenbar völlig egal, daß er hier die Illusion einer wachsamen, interessierten, Anteil nehmenden und im Zweifelsfall solidarisch eingreifenden Mitwelt erzeugt, die in der Praxis in keinster Weise gegeben ist. Angesichts der Tatsache, daß im Ernstfall weder praktische Hilfe noch der bloße Willen, die Konsequenz von Widerständigkeit überhaupt öffentlich zu thematisieren, gegeben sind, fordert man hier Wissenschaftler explizit dazu auf, ins offene Messer zu laufen. Ungeachtet dieser Tatsachenlage bewußt weiter zu "Whistleblowing", "Offenlegung" etc. aufzurufen, ist bestenfalls äußerst unverantwortlich.

Anna Lehmann, die sich hier recht eindeutig auf der Seite Dietrich Schulzes und der rotbraunen Querfront verortet hat und sich eben nicht zu einem ausgewogenen, verschiedene Perspektiven berücksichtigenden Journalismus fähig zeigt,  "begleitet" nun auch das aktuelle "Hochschulwatch"-Projekt der taz. Ganz klassisch für die extreme Vermachtung unserer Gesellschaft und deren Durchdringung durch demokratiefeindliche wie schwer greifbare Lobbyisten-Netzwerke ist auch, daß Transparency International nun im Rahmen von "Hochschulwatch" an einem Projekt mitwirkt, das zumindst teilweise auf der Basis von völlig intransparenten Netzwerken erwächst und den Erstellern von Querfront-Narrativen die Bälle zuspielt. So hat einer der TI-Kooperationspartner von "Hochschulwatch" als erstes dem russischen Auslandspropaganda- Megakonglomerat "Sputnik" ein Interview gegeben.

TI verleiht diesem Projekt ein Gütesiegel und wird es mir und etwaigen anderen davon Betroffenen damit quasi unmöglich machen, gegen russische Interessenlagen mit Kritik an diesem Etikettenschwindel bis an eine breitere Öffentlichkeit vorzudringen. Die TAZ-Projekte "Hochschulwatch" und "unileaks" dürften, sofern nicht zumindest auf Druck von TI hin "Hochschulwatch" noch korrigiert und von den einseitigen Interessen gewisser TAZ-Kreise sowie insbesondere auch dem Umfeld der "Jungen Welt" entkoppelt wird, gerade auf Kosten derjenigen Personen und Werte gehen, die doch eigentlich - laut eigener Bekundungen - mit diesen Projekten geschützt werden sollten. Hier entstehen mafiöse Strukturen unter Einbindung von Lobby-Interessen totalitärer Regime, die verhindern, daß man sich als einzelnes Individuum und normaler Bürger Luft verschaffen und systematische Regelverstöße im akademischen Umfeld wie auch in dem der vermeintlichen Helfer und Unterstützer zumindest verbal zurückweisen kann.

6. Zu guter Letzt sei mir noch der Hinweis auf einen weiteren, aus meiner Sicht empörenden und skandalösen Widerspruch in der Themengestaltung und Öffentlichkeitspolitik der TAZ gestattet: Die Chefredakteurin Ines Pohl hatte am 20.1.2015 in einem Kommentar namens "Pegida und der Dialog. Strikte Weigerung hilft nicht" dafür plädiert, in Bezug auf die Pegidiasten nicht den Weg der "Ausgrenzung" zu gehen, namentlich auch dann, wenn es um den "Neubau von Asylbewerberheimen" gehe (Ergänzung von mir: in diese könnten dann ja wiederum "terroristische Tschetschenen" einziehen, über die dann wieder im taz-Intervieew gerätselt würde....). Es sei "das falsche Konzept", dieser Bewegung "den Dialog zu verweigern", Pohl meint, die  "definitive Abwehr einer Auseinandersetzung" sei "richtiggehend gefährlich". Damit wird indirekt dem Druck des rotbraunen Mobs nachgegeben, während gleichzeitig mir - und sicher auch anderen - ein ebensolcher Dialog aus linksdemokratischer Perspektive verweigert wird. So fördert man, während man vorgibt, für das Gegenteil zu arbeiten, die Macht des Pöbels und militante Rassisten, während man der Gegenseite immer wieder Beistand und Unterstützung verwehrt, sogar noch aktiv daran mitwirkt, diejenigen, die sich nicht auf ein immer stärker wirkendes politisches Lagerdenken einlassen, als vergleichsweise schwache, leise Stimmen aus der Öffentlichkeit zu verbannen.

Viel ist in den letzten Monaten davon die Rede gewesen, daß Journalisten anständig behandelt werden wollen und wie belastend und anmaßend die ständigen Pöbeleien und Shitstorms der Querfrontler und Putinisten seien. Dafür habe ich vollstes Verständnis und habe mich diesbezüglich auch immer wieder solidarisch geäußert. Daß einige Journalisten und Redaktionen aber auch selbst erst mal einen fairen, demokratischen Umgang mit der Außenwelt lernen müßte und sie ihrerseits verpflichtet wären, auch Angehörigen anderen Berufsgruppen, deren Wissen und deren intellektuelle Produkten den ihnen gebührenden Respekt zukommen zu lassen und diese mit der gleichen Würde zu behandeln, die sie auch selbst für sich reklamieren, daß es ferner angebracht wäre, selbstreflexiver mit der eigenen Gatekeeper-Funktion und deren relativer Machtfülle umzugehen, ist in dieser Diskussion bisher komplett ausgeklammert geblieben.

Frau Pohl schrieb:
"Je aufgeregter die Zeiten, desto schneller scheinen viele den Glauben an die Kraft des besseren Arguments zu verlieren. Und es gibt Formate, in denen man ins Gespräch kommen kann."

Frau Pohl sei gesagt, daß ich diesen Glauben an die Kraft des besseren Argumentes mittlerweile vollständig verloren habe, gerade auch durch das Treiben ihres eigenen Blattes, die regelrechte Abschottung und Unerreichbarkeit der Redaktion, das Ausmerzen von Kritik und die nun schon langjährigen Hinhalte-Taktiken mit abschließender Dialog-Verweigerung. Die "Formate", in denen man "ins Gespräch" kommen kann, sind im Kopf von Frau Pohl offenkundig populistisch definiert, reden eher Plattheit denn Intellektualismus und Analysefähigkeit das Wort und sind mit Subjekten bevölkert, die politisch doch eher im extremistischen Spektrum angesiedelt sein dürften. Mir selbst geht wohl die gesellschaftliche "Gefährlichkeit" ab, um von einer taz-Redakteurin ernst genommen und gehört zu werden.