Zarische Truppen, Krasnaja Poljana, 21.5.1864

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Samstag, 14. September 2013

Manfred Quiring: "Umweltsünden in der Imereti-Niederung" (Neuerscheinung 2. Oktober 2013 - Leseprobe Teil I)

Am 2. Oktober 2013 erscheint das neue Buch von Manfred Quiring mit dem Titel: „Der Vergessene Völkermord. Sotschi und die Tragödie der Tscherkessen.“. Der Autor wie auch Edda Fensch, Pressechefin des Ch. Links Verlag, haben mir freundlicherweise gestattet, hier vorab zwei Passagen des Buches einzustellen. Beiden sei an dieser Stelle überaus herzlich gedankt.
Manfred Quiring hat u.a. als Rußland-Korrespondent für „Die Welt“ gearbeitet und ist Autor eines weiteren, 2009 erschienen Buches zum „Pulverfass Kaukasus“, wie auch des Titels „Russland. Orientierung im Riesenreich“. Ein Interview mit Manfred Quiring von Jinal Tamzsuqo ist auf der tscherkessischen Webseite cherkessia.net abrufbar unter:

Manfred Quiring: „Der Vergessene Völkermord. Sotschi und die Tragödie der Tscherkessen. Mit einem Vorwort von Cem Özdemir.“. Berlin: Christoph Links Verlag GmbH, 2013
ISBN: 978-3-86153-733-5
Seiten: ca. 224
Preis: ca. 16,90 EURO


[S. 26]
Umweltsünden in der Imereti-Niederung

»Die Imereti-Niederung ist schon jetzt unwiederbringlich zerstört«, beklagte sich Alik Le, einer der Aktivisten im Widerstand gegen die gewaltige Maschinerie von Olympstroi (Olympiabau), bei unserer Begegnung im Sommer 2010. »Und wofür das alles?«, grollte er. »Nur, um 25 Tage lang internationale Sportspiele abhalten zu können. Dieses System ist gegen die Menschen gerichtet.« Da standen noch ein paar der schlichten Häuser des Dorfes, eingeklemmt zwischen der Küste und dem Bauplatz von Olympic City. Ljubow Fursa, in deren Hof wir uns über das Unausweichliche unterhielten, zeigte mir ihren Gemüsegarten. Es würde wohl die letzte Ernte sein, die sie hier einbringen werde, meinte sie resigniert. Baumaschinen rückten immer näher an die letzten Protestler heran, die mit einem Hungerstreik versuchten, für ihre Rechte zu streiten.
»Sie wollen, dass wir nach Nekrassowka gehen oder uns durch Geld abfinden lassen«, erzählte der 33-jährige Pawel Schukowski, ein wegen Krankheit vorzeitig aus der Armee entlassener Offizier. Aber das wollten sie nicht. Die ursprünglich festgelegten Entschä[-]digungssummen verlören infolge der Preisexplosion auf dem Immobilienmarkt rasant an Wert, und die Häuser in Nekrassowka seien
aus minderwertigem, gesundheits- und feuergefährlichem Material errichtet, sagte Pawel.
Er und die anderen Protestler kannten natürlich das speziell geschaffene Olympiagesetz 310, das die Verfassung für diesen Teil der Russischen Föderation praktisch außer Kraft setzt und es erlaubt, das Land, das für die Wettkampfanlagen und die Infrastruktur benötigt wird, zu enteignen. Mit entsprechenden Kompensationen, versteht sich. Laut Gesetz soll jeder der Betroffenen selbst entscheiden können, ob er sich auszahlen lassen will, ob er das Angebot zur Umsiedlung in ein neues Domizil annimmt oder sich mit einem Ersatzgrundstück abfinden lässt.
Doch Gesetz und Realität sind in Russland zwei Dinge, die nur selten zur Deckung gebracht werden können. In Sotschi herrschten noch einmal besondere Bedingungen, da die Fristen für das Baugeschehen eng bemessen waren und die Verwaltungen aller Ebenen nicht begriffen, dass auch bei staatswichtigen Projekten Rücksicht auf die Bevölkerung genommen werden muss. »Wir zählen einfach [S. 27] nicht, niemand spricht mit uns«, beklagte sich der Ex-Offizier Pawel Schukowski. »Viele von uns, die hier schon lange leben, haben es versäumt, ihre Häuser und Grundstücke rechtzeitig als Eigentum registrieren zu lassen [Anm.16], das war ja früher bei uns nicht so wichtig. Jetzt bestreiten die Behörden der Stadt, dass einige von uns überhaupt über Eigentum verfügen.« Das Resultat: Etliche Familien, die mit mehreren Generationen in einem Haus gelebt hatten, fanden sich plötzlich in einer Zwei-Zimmer-Wohnung wieder.
Drei Jahre später, im Frühjahr 2013, besuchte ich den Ort erneut. Alle waren fort, und nur ein paar leerstehende Häuser erinnerten noch an das Dorf. »Die Leute wurden alle nach Nekrassowka umgesiedelt, schöne Häuser dort. Komm, ich zeig’s dir«, bietet mir Eduard Sitnikow an. Der pensionierte mittelständische Unternehmer fuhr mich mit seinem Toyota Land Cruiser durch das einstige Naturschutzgebiet. »Früher sind wir immer hierher zum Fischen und Grillen an die Msymta gefahren«, erinnerte er sich mit einiger Wehmut. »Besonders im Frühjahr und im Herbst war es einfach überwältigend. Zehntausende, vielleicht sogar Hunderttausende Zugvögel machten hier immer Halt, ehe sie weiterflogen. Ein gewaltiges Naturschauspiel.« Damit ist es jetzt natürlich vorbei. Das Imereti-Tal wurde plattgewalzt. Riesige Sportstätte, Schildkröten gleich, breiten sich hier aus. Nekrassowka erreichten wir an dem Tage nicht mehr. Während vorne im großen Eispalast ein Jahr vor den Spielen die ersten Wettkämpfe ausgetragen wurden, blieb Eduards Wagen am Hintereingang beinahe im Schlamm stecken. Wir mussten umkehren.
»Jetzt wollen sie auch noch das letzte Stückchen Natur in der Imereti-Niederung betonieren«, beklagte sich Wladimir Kimajew, pensionierter Offizier der Weltraumtruppen, Leitungsmitglied von Eco Watch im Nordkaukasus und Vertreter der liberalen JablokoPartei in Sotschi, den ich anschließend zu einem Kaffee traf. Es geht um einen 700 Meter langen Sandstrand, »den einzigen dieser Art an der russischen Schwarzmeerküste. Dieses Stückchen Uferzone ist der Lebensraum für eine ganze Reihe sehr seltener Pflanzen«, sagte Kimajew, der nach dem Ausscheiden aus dem Militärdienst den Naturschutz zu seiner Passion gemacht hat. »Dort gibt es Stranddisteln, Wolfsmilch, Seekohl und viele andere seltene Pflanzen, sie sollen unter dem Beton einer Strandpromenade begraben werden«, [S. 28] empörte er sich. Die örtlichen Behörden wollten das von der Regierung in Moskau verfügte Projekt auf Biegen und Brechen durchsetzen. »Ein Gericht hat einer Naturschützerin sogar das Betreten des Strandes verboten.«
Dieses Stückchen Natur war 1993 eigentlich auf Betreiben der örtlichen Abteilung der Russischen Geografischen Gesellschaft im Generalplan der Stadt Sotschi als schützenswertes Naturdenkmal aufgenommen worden. Präsident der russischen Gesellschaft ist Verteidigungsminister Sergej Schoigu, den die Probleme seiner Unterabteilung in Sotschi kaltlassen. Auch die Behörden kümmern sich nicht um die Einwände der Fachleute. Trotz einer wissenschaftlichen Expertise über die Einmaligkeit der dort vorkommenden Flora gaben sie den Startschuss zum Bau. Unter Polizeibewachung rückten im April 2013 die ersten Bohrtrupps auf das Gelände vor.


[16] Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion hatten diejenigen, die Grundstücke und Datschen nutzten, die Möglichkeit, sie bei den Behörden als Eigentum registrieren zu lassen. Das nahmen viele Russen anfangs nicht so ernst, zudem weigerten sich die Behörden aus Willkür oft, das zu tun. Selbst dann, wenn der Immobilienkauf schon im Neuen Russland stattgefunden hatte.



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