Zarische Truppen, Krasnaja Poljana, 21.5.1864

Zarische Truppen, Krasnaja Poljana, 21.5.1864

Donnerstag, 19. September 2013

Manfred Quiring: "Spiele am heiligen Ort" (Neuerscheinung 2. Oktober 2013, Leseprobe Teil II)

Nach dem ersten Vorabauszug aus dem am 2. Oktober erscheinenden Buch Manfred Quirings „Der Vergessene Völkermord. Sotschi und die Tragödie der Tscherkessen.“ hier nun der zweite Teil, in dem es um tscherkessische Perspektiven auf die Olympischen Winterspiele 2014 geht. Autor und Verlag hatten mir freundlicherweise gestattet, eine Textauswahl zu treffen und die entsrpechenden Passagen vorab auf meinem blog zu veröffentlichen. Wer jetzt neugierig wird auf mehr, für den sind hier die vollständigen Erscheinungsdaten:

Manfred Quiring: „Der Vergessene Völkermord. Sotschi und die Tragödie der Tscherkessen. Mit einem Vorwort von Cem Özdemir.“. Berlin: Christoph Links Verlag GmbH, 2013
ISBN: 978-3-86153-733-5
Seiten: ca. 224                                                                        

Preis: ca. 16,90 EURO


Olympische Winterspiele am heiligen Ort

[S. 145]
»Hätte Präsident Putin uns auch nur erwähnt, er wäre unser Held gewesen.« Davon ist Samir Chotko, Historiker am ethnografischen Institut in Maikop, überzeugt. Doch Putin hat in seinen Auftritten im Vorfeld der Olympischen Winterspiele stets vermieden, über die Ureinwohner der Region zu sprechen. Da hätten Griechen und Ar[-]menier gelebt, teilte der Kremlchef der Welt in seinen Ansprachen mit, aber dass der tscherkessische Stamm der Ubychen hier bis zu seiner weitgehenden Vernichtung und der Deportation der Über[-]lebenden im 19. Jahrhundert gesiedelt hatte, ließ er unter den Tisch fallen. Stattdessen traten während der Olympiabewerbung und bei [S. 146] anderen Gelegenheiten Kosakenchöre und Tanzgruppen auf, die als die eigentlichen Ureinwohner präsentiert wurden.
Wie mehrheitsfähig die Meinung von Samir Chotko ist, dass al[-]lein ein rechtes Wort des Staatschefs zur rechten Zeit die Stimmung grundsätzlich zu verändern geeignet gewesen wäre, ließ sich auch nach zahlreichen Gesprächen am Ort nicht genau feststellen. Zu unterschiedlich waren die Meinungen. In einem indes waren sich alle meine Gesprächspartner in der adygejischen Hauptstadt einig: Die Olympischen Winterspiele in dem Jahr abzuhalten, in dem sich die Tragödie des tscherkessischen Volkes zum 150. Mal jährt, und dann ausgerechnet in Sotschi, sei eine ganz schlechte Idee.
»Sotschi«, so argumentiert Samir Chotko in sprudelnder Rede, »ist ja nicht nur das Symbol für das süße Leben früher in der Sowjet[-]union und heute in Russland. Die Stadt ist auch das Symbol für das verlorene Land Tscherkessien, das von der Landkarte verschwunden ist. Sie ist das Symbol der Tragödie des tscherkessischen, insbeson[-]dere des ubychischen Volkes, das in Sotschi und Umgebung gelebt hat.« Die Tscherkessen verbinden mit Sotschi und dem in den Ber[-]gen gelegenen Ort Krasnaja Poljana nicht nur die schmerzliche Er[-]innerung an die Niederlage, an den an ihrem Volk verübten Geno[-]zid, sondern auch an die Vertreibung Hunderttausender aus ihrer Heimat. Hier tagte die Medschlis, das tscherkessische Parlament, weshalb Sotschi – ubychisch Schetsch – als letzte tscherkessische Hauptstadt gilt.
Eigentlich gebe es andere, eindrucksvollere »Orte des Genozids«, sagt Chotko und verweist auf Städte wie Anapa oder Maikop, wo wesentlich blutigere Kämpfe stattgefunden haben. Aber die haben im Bewusstsein der Tscherkessen nicht den Stellenwert erlangt, wie es eben bei Sotschi und Krasnaja Poljana der Fall ist. »Olympia in Maikop oder Naltschik wäre aus historischer Sicht kein Problem«, glaubt Chotko. Doch Sotschi war ein Eigentor Putins.
»Denn dank der bevorstehenden Olympiade wurde die Debatte um die Anerkennung des Genozids des tscherkessischen Volkes von der lokalen auf die internationale Ebene gehoben. Das war Putins eigene Entscheidung!« Chotko weiß nicht, ob Putin selbst sich der Tragweite bewusst gewesen ist, »aber seine Umgebung hätte wissen müssen, was da losgetreten wird«.
Tatsächlich wäre keine der in Russland oder in der Diaspora agie-[S. 147] renden tscherkessischen Organisationen in der Lage gewesen, so eine weitreichende Debatte um das Schicksal der Tscherkessen zu entfalten, wie es Putin mit seiner Olympia-Entscheidung gelun[-]gen ist. Eigentlich müssten die Tscherkessen ihm dankbar sein, dass er – vermutlich ungewollt – die Blicke der Weltöffentlichkeit auf dieses Problem gelenkt hat.
Für die Aktivisten von NoSochi2014, die sich weltweit um die gleichnamige Website gesammelt haben, ist Sotschi eine »No-go-Area«. Die Spiele dürfen dort nicht stattfinden, wurden sie nicht müde, auf ihrer Internet-Seite zu propagieren. »Wir fordern die Welt und das IOC auf, Russland die Olympischen Spiele in Sotschi zu entziehen, weil sie am Ort des tscherkessischen Genozids statt[-]finden.« [Anm. 147]
Sie warfen dem russischen Vorbereitungskomitee vor – und das zu Recht –, dass es auf seiner Website durch »irreführende Informa[-]tionen« versuche, Sotschi von seiner Geschichte zu trennen. »Es sei unmöglich für den Nordkaukasus, der die Heimat der tscherkessi[-]schen Zivilisation ist, und für Sotschi, das die letzte Hauptstadt des unabhängigen Tscherkessien war, weltweite Reputation zu erlangen durch Lügen und geschönte Diskurse.« [Anm. 148]
Sotschi und seine Umgebung hätten sich durch den russisch-kaukasischen Krieg im 18. und 19. Jahrhundert in einen Friedhof verwandelt, heißt es in der Erklärung weiter. Für die Tscherkessen werde diese Wunde, geschlagen von den Russen, niemals heilen. Die 1,5 Millionen getöteten Tscherkessen machten die Hälfte aller damals lebenden Tscherkessen aus. Etwa 90 Prozent der verblieben[-]en Tscherkessen leben außerhalb ihres Heimatlandes, was sie, ver[-]glichen mit anderen Nationen, »proportional zur größten Diaspora in der Welt macht«.[Anm. 149] Über Zahlen wird indes heftig gestritten. Je nach Herkunft fallen sie teils sehr hoch – bei den Tscherkessen –
oder sehr niedrig – bei den Russen – aus.
Ibrahim Khuaj, dessen internationale Interessengruppe Patrioten Tscherkessiens sich für die Rückkehr seiner Landsleute in den Kaukasus einsetzt, hält nichts von der Losung »No Sotschi«, wie er mir bei unserer Begegnung in Maikop sagte. Zwar missfällt auch ihm wie den meisten Tscherkessen in Adygeja zutiefst, dass die Winter[-]spiele 2014 an diesem historischen Ort stattfinden. Aber er ist Rea[-]list. »Wir brauchen keine Feindschaft, wir brauchen freundschaft-[S. 148] liche Beziehungen zu allen Russen, zu den Behörden, damit unsere Leute aus Syrien, aber auch aus anderen Ländern, möglichst unge[-]hindert hierherreisen können und sich ihr Leben in einer friedli[-]chen Umgebung aufbauen können.« Für ihn hat das Überleben der Tscherkessen als Nation, was seiner Meinung nach nur in einem kompakten Siedlungsraum in der alten Heimat möglich ist, eindeu[-]tigen Vorrang. Er hätte sich allerdings gewünscht, dass die Tscher[-]kessen als Ureinwohner des Kaukasus und besonders der Region um Sotschi in die Vorbereitungen auf die Spiele einbezogen würden. Das habe bisher nicht stattgefunden, bedauerte er.
Auch eine Präsentation der tscherkessischen Stämme während der Eröffnungszeremonie wäre denkbar gewesen. So war es in Vancou[-]ver, wo die »first Nations«, die indigenen Völker, dabei waren, so war es in Melbourne, wo die Aborigines gefeiert wurden. Interessenvertreter der indigenen Völker hatten die Art und Weise ihrer Einbezie[-]hung zwar gerügt: zu wenig, zu spät, zu plakativ, hieß es. Das mag stimmen. Aber die einstigen Bewohner des Kaukasus, die die Putin-Mannschaft wie Leprakranke ins dunkle Hinterzimmer der Ge[-]schichte zu drängen versucht und von allen halbwegs offiziellen Ver[-]anstaltungen fernhält, wären auch von derlei bescheidenen Gesten schon angetan.
Das olympische Vorbereitungskomitee verwies, sozusagen als Be[-]ruhigungspille, darauf, dass es im Vorfeld der Spiele die sogenannte Kulturolympiade gebe. Daran würden über 100 Ethnien teilnehmen, die in der Sotschi-Region leben. Darunter auch die Tscherkessen.

147 Vgl. http://www.nosochi2014.com/
148 Ebd.
149 Ebd

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