Zarische Truppen, Krasnaja Poljana, 21.5.1864

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Donnerstag, 3. Oktober 2013

Zensur bei der FR - Bitte um Stellungnahme

Michael Bayer, Mitglied der Chefredaktion der Frankfurter Rundschau, hat von mir heute folgenden offenen Brief erhalten:

"Sehr geehrter Herr Bayer,
Ich bin Historikerin und Ethnologin und habe mich vor einigen Jahren auf den Westkaukasus spezialisiert, genauer gesagt, auf die Themen Kolonialismus und genozidale Gewalt. Ich beobachte mit Sorge, daß in der aktuellen Berichterstattung zu den Olympischen Winterspielen in Sotschi 2014 nicht zum Völkermord an den Tscherkessen berichtet wird. In einer Vielzahl auch kritischer Artikel zu Sotschi 2014 finden die Tscherkessen als angestammte Bewohner der Region weder Erwähnung, noch wird auf die blutige koloniale Vergangenheit der Region und die hiermit in Zusammenhang stehenden tscherkessischen Proteste anläßlich der Spiele verwiesen.
Auch in Ihrer Zeitung bleibt dieses wichtige und aktuelle Thema unterbelichtet. Der bislang einzige Hinweis auf diese Problematik findet sich in dem Artikel „Flucht der Minderheiten aus Syrien“ von Viktor Funk, in dem es im letzten Paragraphen heißt:
Tscherkessen sind für die russische Staatsspitze noch aus einem anderen Grund ein heikles Thema: Die Olympischen Winterspiele 2014 finden dort statt, wo einst das Volk lebte: bei Sotschi am Schwarzen Meer. An die Vertreibung aus jener Region erinnerten Diaspora-Gruppen, nachdem Sotschi für die Spiele ausgewählt worden war. Wenn die Winterspiele beginnen, ist das Ende des russisch-kaukasischen Krieges genau 150 Jahre her.
Auch wenn ich es durchaus als erfreulich empfinde, daß hiermit die Problematik als solche in Ihrer Zeitung umrissen wurde, so dürfte dieser kleine und noch dazu geographisch völlig anders eingeordnete Hinweis für die allermeisten Leser doch nicht ausreichend sein, um die entsprechenden Verknüpfungen herzustellen und sich ein ausgewogenes Bild zur Lage im Westkaukasus und den dort stattfindenden Olympischen Winterspielen zu machen. Ich hatte Sie deswegen bereits zuvor auf dieses Manko hinweisen und um eine etwaige Stellungnahme bitten wollen, war aber aus zeitlichen Gründen bisher nicht dazu gekommen. Nun habe ich gestern beim Kommentieren in Ihrer Zeitung jedoch einen Vorgang erlebt, den ich nicht mit Schweigen übergehen möchte.
Mein konkretes gestriges Anliegen war gewesen, auf den Fall des renommierten türkischen Journalisten Fehim Taştekin zu verweisen, der jüngst für rund 2 Tage im Wartebereich des Flughafens Sotschi festgehalten und noch dazu mit einem fünfjährigen Einreiseverbot für die Russische Föderation belegt worden war. Gründe waren ihm nicht genannt worden, es ist jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit anzunehmen, daß seine zuvorige kritische Berichterstattung zu Sotschi 2014 wie auch die Tatsache, daß er in etlichen seiner Artikel auch auf tscherkessische Perspektiven und Belange eingegangen war, ursächlich hierfür sind. Insbesondere das fünfjährige Einreiseverbot stellt für den Auslandskorrespondenten der türkischen Tageszeitung Radikal eine erhebliche, geradezu existenzbedrohende Arbeitsbehinderung dar. Der Journalist selbst bezeichnete den Vorgang als beruflich „tödlich“ für ihn.
Da deutsche Medien bisher nicht über diesen Fall berichtet haben, hatte ich mir anläßlich Ihrer Artikel zu Ilja Trojanow, dessen Erlebnisse meines Erachtens doch sehr ähnlicher Natur sind, erlaubt, in der Kommentarleiste auf seinen türkischen Kollegen und die fehlende deutsche Kenntnisnahme zu verweisen. Gestern morgen also habe ich zu dem auf FR veröffentlichten dpa-Bericht „USA lassen Schriftsteller Trojanow nicht einreisen“ folgenden – ich gebe zu, etwas verärgerten, aber, wie ich meine, doch keinesfalls Netiquette-widrigen - Kommentar getätigt:
Und natürlich in deutschen Medien wieder kein einziges Wort über den ganz ähnlich gelagerten Fall des Journalisten Fehim Tastekin, der letztes Wochenende 2 Tage lang am Flughafen von Sotschi festgehalten wurde plus eine fünfjährige Einreisesperre erhielt, siehe http://www.freitag.de/autoren/irma-kreiten/einreiseverbot-fuer-kritischen-journalisten oder http://sochi2014-nachgefragt.blogspot.com/2013/09/am-flughafen-von-sotschi-festgehalten.html. Deutsche Journalisten – schämt euch!!!“
Es erschien nach Absenden (da noch frühmorgens), der Hinweis, daß die Freigabe des Kommentars offen stände. Anschließend wollte ich den inhaltlich verwandten Bericht „USA: Schriftsteller Trojanow Einreise verweigert“ kommentieren und schrieb hierzu:
Ähnlich gelagerter Fall, zu dem sich die deutschen Journalisten-Kollegen ausschweigen: http://sochi2014-nachgefragt.blogspot.com/2013/09/am-flughafen-von-sotschi-festgehalten.html.
Leider bekam ich trotz mehrerer Versuche mit jeweils erneutem Einloggen jedes Mal beim Absenden die Rückmeldung, die Session sei abgelaufen. Ich konnte meinen Kommentar demzufolge nicht absenden. Zu diesem Zeitpunkt existierten zu diesem Artikel bereits zwei freigeschaltete Kommentare.
Als ich gestern Nachmittag die genannten beiden Berichte erneut aufrief, mußte ich feststellen, daß mein Kommentar zum ersten Artikel („USA lassen Schriftsteller Trojanow nicht einreisen“) nicht freigeschaltet worden war, und auch – hier allderdings erwartungsgemäß – daß meine Kommentarversuche zum zweiten Artikel ( „USA: Schriftsteller Trojanow Einreise verweigert“) nicht erfolgreich gewesen waren. Ein nach mir getätigter dritter Kommentar eines anderen Lesers war demgegenüber angekommen und veröffentlicht worden. Es kann sich also nicht um ein technisches Problem gehandelt haben, das alle Leser betroffen hätte. Ich versuchte das Versenden meines Kommentares daraufhin erneut und stieß wieder – mehrfach - auf das Problem einer angeblich abgelaufenen Session.
Daraufhin habe ich kontrollweise einen beliebigen anderen Artikel aufgerufen (http://www.fr-online.de/panorama/flughafen-duesseldorf-verdaechtiger-koffer-voller-back-zutaten,1472782,24500948.html) und hier ein belangloses „Interessant.“ als Kommentar hinzugefügt, dieser Kommentar erschien in Sekundenschnelle, ohne jegliche technische Schwierigkeiten. Das Problem der abgelaufenen Session scheint sich somit auf mich und diesen speziellen Artikel beschränkt zu haben.
Ich kann dies zusammen mit der Nichtfreigabe meines anderen Kommentars leider nicht anders deuten als einen zweifachen Zensurvorgang, mittels dessen ein sensibles aktuelles Thema aus der öffentlichen Debatte herausgefiltert wird. Für mich ist dies keineswegs eine ungewöhnliche Erfahrung, ich habe während meiner jahrelangen Beschäftigung mit diesem Thema immer wieder Ähnliches erlebt, zuletzt beim Spiegel wie auch bei der Jungen Welt. Letztere hat auf meinen offenen Brief hin Position bezogen, sich mit einer technischen Panne entschuldigt und meinen Leserbrief im Nachhinein freigeschaltet, auf das Antwortschreiben des Spiegels zu meiner Anfrage wie auch eine Rücknahme der dortigen Zensur warte ich leider nach wie vor.
Nun bin ich mir bewußt, daß Zeitungen und Online-Redakteure sich bei Leser-Kommentaren ein gewisses Hausrecht einräumen. In diesem speziellen Falle halte ich ein solches allerdings ganz und gar für deplaziert, da das Thema als solches in der öffentlichen Debatte bisher nicht präsent ist und eine Nichtfreigabe entsprechender Kommentare damit selbst eine Kenntnisnahme am Rande verhindert. Meines Erachtens müßte es doch zumindest im Sinne der Kollegialität selbstverständlich sein, über einen wie Journalisten wie Fehim Taştekin zu berichten und ihm eine minimale Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Das Schweigen deutscher Medien zu der tscherkessischen Problematik der Olympischen Winterspiele in Sotschi 2014 wie auch zu Arbeitsbehinderungen, Einschüchterungen und Drohungen gegenüber Aktivisten und Intellektuellen, die sich mit dieser Thematik beschäftigen, stellt - wiederum aus meiner persönlichen Sicht - eine Verlängerung des (post-)kolonialen Schweigens und der Praktiken des Verschweigens und Vertuschens des Völkermords an den Tscherkessen dar – auch wenn dies im Einzelfall nicht beabsichtigt sein mag sondern dem geringen Bekanntheitsgrad der Thematik geschuldet sein kann.
Ich möchte Sie hier darum um eine Stellungnahme zur fehlenden Berichterstattung zu den tscherkessischen Aspekten von Sotschi 2014 und Ihrem türkischen Kollegen Fehim Taştekin, wie auch zur Verhinderung meiner aktuellen Leserkommentare bitten. Ich werde Ihr Antwortschreiben dann zusammen mit der vorliegenden Anfrage auf meinem blog unter http://sochi2014-nachgefragt.blogspot.com/ einstellen.

Ich danke Ihnen im Voraus für Ihre Mühe,
Mit freundlichen Grüßen,
Irma Kreiten



P.S.: Um keine Zweifel an der Richtigkeit meiner Darstellung aufkommen zu lassen, habe ich den gestrigen Vorgang als Ganzes dokumentiert. Falls Sie eine Überprüfung meiner Aussagen wünschen, beziehen Sie sich bitte auf meinen blog, auf dem ich zusammen mit diesem Schreiben auch die von mir angefertigten Screenshots einstelle."


Screenshots:


Rückmeldung der Seite auf Absenden meines Kommentars hin:


2. Fehlgeschlagene Kommentarversuche zu USA: Schriftsteller Trojanow Einreise verweigert:

3. (Kontrolle Nachmittags) Fehlender Kommentar zu USA lassen Schriftsteller Trojanow nicht einreisen

Dagegen erschienene Kommentare zu USA: Schriftsteller Trojanow Einreise verweigert, von denen der 3. Kommentar nach meinen eigenen Versuchen erfolgte (ich arbeite von Istanbul aus, es ist somit eine Zeitverschiebung von einer Stunde zu beachten):


4. Weitere fehlgeschlagene Versuche zu USA: Schriftsteller Trojanow Einreise verweigert:



6. Erfolgreicher "Probe"-Kommentar zu Verdächtiger Koffer voller Back-Zutaten






Kommentare:

  1. Bravo, Frau Kreiten!

    Es interessiert im "christlichen Europa" leider kaum jemanden das Leid und der Völkermord an den Tscherkessen, verübt durch die imperialen Russen. Tote Muslime sind leider in Europa uninteressant. Siehe dazu den Völkermord an Muslimen in Bosnien 1995, der durch teilweise mit offener Unterstützung durch Frankreich, Niederlande und Griechenland stattfand.
    Dagegen wir das Leid der "christlichen Armenier" durch und durch politisiert und gegen die Türkei als Druckmittel eingesetzt.

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  2. @irmakreiten, wenn die Meldung ‚‘Session ist abgelaufen….‘‘ Kommt, liegt das mitnichten an einer Zensur oder daß, Zitat von Ihnen: (…)‘‘Das Problem der abgelaufenen Session scheint sich somit auf mich und diesen speziellen Artikel beschränkt zu haben. Ich kann dies zusammen mit der Nichtfreigabe meines anderen Kommentars leider nicht anders deuten als einen zweifachen Zensurvorgang, mittels dessen ein sensibles aktuelles Thema aus der öffentlichen Debatte herausgefiltert wird.‘(…), sondern daran, daß die Rundschau (incl. Server) umgezogen ist, und sich die Probleme hier über mehr als 2 Monate hingezogen haben. Ob denn die Kommentarfunktion zu Eintracht-Artikeln zensurwürdig ist, überlasse ich mal der Phantasie eines jeden. Um zu verhindern dann zu verhindern, daß die Meldung ‘‘Session ist abgelaufen…‘‘ erscheint, müssen Sie Cookies in Ihrem Browser aktivieren. Wie ich auf Ihrer HP gesehen habe, benutzen Sie Chrome: Klicken Sie oben rechts auf das Symbol für die Einstellungen und wählen Sie den Befehl "Optionen". - Wählen Sie "Details". - Klicken Sie auf . - Wählen Sie die Option "Speicherung lokaler Daten zulassen (empfohlen)". - Entfernen Sie ggf. die Häkchen bei "Setzen von Drittanbieter-Cookies blockieren" und bei "Cookies und andere Website- und Plug-in-Daten beim Schließen des Browsers löschen". - Klicken Sie auf und überprüfen Sie evtl. vorhandene Ausnahmen. -Schließen Sie den Reiter "Optionen - Details". --------- Internet Explorer ab Version 6.0: - Wählen Sie im Menü "Extras" den Eintrag "Internetoptionen". -- Nach einem Klick auf die Registerkarte "Datenschutz" sehen Sie Ihre Cookie-Einstellungen. Standardmäßig ist hier "Mittel" ausgewählt, dies bedeutet, dass Ihr Browser Cookies akzeptiert. - Sie können diese Einstellung ändern, indem Sie den Schieberegler bewegen, bis die bevorzugte Einstellung gewählt ist. Sollte Ihre Einstellung auf "Benutzerdefiniert" gesetzt sein, klicken Sie auf die Schaltfläche . Aktivieren Sie hier das Kontrollkästchen "Sitzungscookies immer zulassen". ----------------- Mozilla Firefox: Wählen Sie den Menübefehl "Einstellungen / Einstellungen" (oder "Extras / Einstellungen"). - Wählen Sie den Reiter "Datenschutz". - Wählen Sie in der Auswahlliste "Firefox wird eine Chronik:" die Option "nach benutzerdefinierten Einstellungen anlegen" aus. - Aktivieren Sie die Optionen "Cookies akzeptieren" und "Cookies von Drittanbietern akzeptieren". - Klicken Sie auf . ---------- Opera: Wählen Sie den Menübefehl "Einstellungen / Einstellungen" (oder "Extras / Einstellungen"). - Klicken Sie auf den Reiter "Erweitert" und wählen Sie dort "Cookies". - Aktivieren Sie die Option "Cookies annehmen". - Klicken Sie auf . -------------- Safari: Klicken Sie oben rechts auf das Symbol für die allgemeinen Safari-Einstellungen und wählen Sie den Befehl "Einstellungen". - Wählen Sie im Einstellungsfenster den Reiter "Datenschutz". - Aktivieren Sie die Option "Cookies blockieren: Nie". - Schließen Sie das Einstellungsfenster. ----------

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    1. @ Anonymous: Obwohl ich grundätzlich auch anonyme Kommentare begrüße, hätte ich in Bezug auf diesen speziellen Kommentar gerne klargestellt, in welcher Funktion Sie hier schreiben, und zwar aus folgendem Grund:
      Neben den von mir zusammengetragenen Fakten wie auch den Hinweisen anderer Leser, die mir bestätigen, dass sie selbst ähnliche Vorgänge bei der FR erleben (siehe hierzu meinen heutigen Blogbeitrag zur FR), kann wohl nur die FR selbst wissen, was genau sich am 2. Oktober in ihrer Online-Redaktion zugetragen hat. Falls Sie selbst in verantwortlicher Position bei der FR arbeiten, so möchte ich Sie hier erneut um eine formale Stellungnahme zu meinem offenen Brief bitten, namentlich zu senden an meine email-Adresse. Falls nicht (und das nehme ich angesichts der Gestalt Ihres Textes eher an), dürfte sich der Informationswert Ihres Kommentars aus eben diesem Grund in Grenzen halten. Um zu verstehen, daß es hier nicht um ein Problem mit Cookies ging (stellen Sie sich vor, auch ich als weibliche GeisteswissenschaftlerIN weiss, wie man diese aktiviert und deaktiviert, ich weiss sogar, wie man ein Inkognito-Fenster öffnet - huhu!!!), sollten Sie diesen Blogeintrag - zusammen mit dem Folgeeintrag von heute - einfach noch einmal sorgfältig lesen. Worauf Sie mit "(o)b denn die Kommentarfunktion zu Eintracht-Artikeln zensurwürdig ist" hinauswollen, ist mir vollkommen unverständlich. Die fraglichen Artikel sind im Text benannt und verlinkt, das Problem ist nicht die Zensurwürdigkeit oder Nicht-Zensurwürdigkeit von Artikeln oder Kommentaren aus Zensor-Sicht, sondern das, ob in deutschen Medien in Bezug auf die hier behandelten Themen Zensur stattfindet - und ja, das tut sie!

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