Zarische Truppen, Krasnaja Poljana, 21.5.1864

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Freitag, 7. Februar 2014

Anne Gellinek und der Sotschi-Wohlfühlfaktor

Anne Gellinek ist die Leiterin des ZDF-Studios in Moskau und mächtig stolz darauf, "so taff nachfragen" zu können. Eine Frau also, die sich mutig zwischen allen Behinderungen, die der freien Presse in Rußland in den Weg gesetzt werden, hindurchschlängelt? Es sei zunehmend schwierig für sie, "(k)ritische Interviewpartner für ihre Filme zu finden", bedauert sie, gerade vor diesem Hintergrund gelte jedoch auch: „Die Menschen sind aber froh, dass sich westliche Medien um sie kümmern.“ Allein, das Fehlen von Interviewpartnern in Bezug auf das Thema "Völkermord an den Tscherkessen" dürfte Anne Gellinek eigentlich nicht beklagen, das Angebot war und ist da, man müßte es denn auch annehmen wollen.

  Screenshot von der Osnabrücker Zeitung
 Anne Gellinek ist Autorin gleich zweier sogenannter kritischer Reportagen zu Sotschi 2014. Beide haben das Problem des unaufgearbeiteten Völkermordes an den Tscherkessen komplett ausgespart, und die heutigen Nachkommen der Überlebenden samt ihrer Proteste wurden gleich mit-ignoriert. Auf einen offenen Brief an das auslandsjournal, in dem ich explizit auch die Vermittlung von  Kontakten für eine oder mehrere Reportage(n) angeboten hatte, haben ich und meine Mitunterzeichner keinerlei Reaktion erhalten. Für jemanden, der angeblich auf Suche nach kritischen Stimmen ist, doch eine seltsame Duckhaltung... Um diesen speziellen Fall (und gäbe es da vielleicht nicht auch noch weitere Berichterstattungslücken?) kümmern sich westliche Medien denn gerade eben nicht.

Vielleicht ist Anne Gellinek aber im Moment auch einfach zu beschäftigt. Sie kommentiert nämlich für das ZDF die Eröffnungsfeier in Sotschi. Und sie wird auch weitere Olympia-Übertragungen des ZDF aus Sotschi kommentieren: auf dem Presseportal des ZDF läßt sich nachlesen, daß das Team
der "Rußland-Kennerin Anne Gellinek", die bereits "seit Jahren mit kritischem Blick die Entwicklung im Reich Putins" begleite, für die gesamte weitere ZDF-Berichterstattung zu den Olympischen Spielen in Sotschi zuständig sei. Zuständig zusammen mit Gellineks Kollegen, "Berufsoptimist" Poschmann.

Im selbigen Artikel, aus dem die eingangs zitierten Aussagen Gellineks stammen, heißt es zur Olympia-Berichterstattung auf scharfsinnig-analytische Weise:  "Olympia bringt den Sendern hohe Einschaltquoten und Reportern die Chance zur Profilierung." In der Tat: die Rechte an der Berichterstattung haben sich ZDF und ARD Schätzungen zu Folge einen Betrag in dreistelliger Millionenhöhe kosten lassen. Aber es kommt ja auch wieder Geld rein, denn das ZDF bietet Werbekunden mit seiner Sotschi-Übertragung ein "(a)bsolutes Premiumfeld" zur "besten Sende- und Werbezeit" (...), denn: "Die Wettkampfstätten und Sportler vor Ort sind „komplett“ werbefrei, lediglich die olympischen Ringe begleiten die Sportler auf ihren Wegen zu den Medaillen. Profitieren Sie so in jeder klassischen Werbeinsel im Rahmen der Übertragung aus Sotschi von einer einmaligen Alleinstellung und einer besonders hohen Aufmerksamkeit." Dann ist wohl auch alles wieder gut.

Da ZDF-Journalisten ja von Natur aus mit "kritischem Blick" ausgestattet sind, stellen dieses pekuniäre Hin- und Her, die journalistischen Profilierungschancen und die Doppelfunktion als Sotschi-Kritiker und Spiele-Kommentator sicher auch keineswegs einen Anlaß für einen journalistischen Interessenkonflikt oder gar für Zweifel an der mutig-dezidierten Haltung deutscher Auslandsreporter dar. Nur die Tscherkessen, die werden sich wahrscheinlich noch ein wenig gedulden müssen. Denn Anne Gellinek wünscht sich nun, "dass nach all den Diskussionen um Putins Politik und die Sicherheitslage auch der Spaß an diesem internationalen Fest des Sports in Russland erlebbar wird". 


Ein relativ kritischer Artikel zum öffentlich-rechtlichen Sportevent-Poker, der letzendlich auch ohne personale Überschneidungen auf Kosten investigativer Formate geht, findet sich überraschenderweise bei den DWN, die generell mit Vorsicht zu genießen sind, hier dann aber doch mit Verweis auf das Handelsblatt ein paar relevante Zusammenhänge beleuchten :
http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2013/11/19/gez-hunderte-millionen-fuer-sport-events-statt-fuer-aufklaerung/


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